„Fairliebt statt abgebrüht“ – Schöne Shirts statt schlechtem Gewissen
Mensch ist verliebt. Irgendwie, immer. In den Mann, in die Frau. In das Mädchen im Bus, den Jungen im Park, sich selbst im Spiegel. In den Sonnenschein, in das Meer und in den Geruch von Erdbeeren. In dieses Lied, in dieses Bild, in diesen Satz. In dieses blaue Paar Schuhe und in die Flecken auf dem Lieblings-T-Shirt. Ein wirklich schönes T-Shirt.
Ein Beitrag von Lina Brion
Was ist ein schönes T-Shirt? Für Mathias Ahrberg und Wiebke Hövelmeyer dies: Eine grafische Idee, ein ästhetisches Design, gute Qualität ohne überteuert zu sein und eine sozial-verträgliche Produktion. Das bedeutet Fairness gegenüber jedem Einzelnen, den Produzenten wie den Konsumenten. Das bedeutet feste Löhne, gewerkschaftliche Mitbestimmung, keine Kinderarbeit und den Verzicht auf den Einsatz von Pestiziden und Chemikalien. Das bedeutet Gesundheit und Gerechtigkeit für Baumwoll-Bauern, Textilarbeiter und T-Shirt-Träger. Und ist im Zeitalter der Globalisierung ein seltener und schwierig zu bewältigender Weg. Aber er ist möglich.
Anfang dieses Jahres gründeten die Grafikdesignerin und der VWL-Student „Fairliebt“ – ein Modelabel, das diesen anderen Weg geht. Das Qualität, Schönheit und gutes Gewissen miteinander in Einklang bringt. Und hinter dem zwei junge, engagierte Menschen stehen, die es nicht beim „man müsste doch mal…“ und „es sollte doch besser…“ belassen haben.
„Ich bin recht früh politisiert worden, so mit vierzehn“, erzählt Mathias. „Es gab in meiner Heimatstadt einen Laden, in dem Konzerte stattfanden und wo ich mit einigen Leuten aus dem linken Spektrum in Kontakt kam. Zu dieser Zeit ging es los mit der Globalisierung, ein einschneidendes politisches Erlebnis meiner Jugend. Ich begann mich sehr dafür zu interessieren, mich damit auseinander zu setzen, habe Schülervertretung gemacht und Demonstrationen organisiert. Irgendwann war eine selbstverständliche Verknüpfung von Politik und Leben gegeben.“ Nur die richtige Kleidung, die dieser politischen Position entsprach, konnte er nicht finden. Das Angebot weniger Öko-Initiativen war klein und unmodern, anderes teuer oder in Kinderarbeit hergestellt.
Als Mathias einige Jahre später Wiebke und deren Grafikfähigkeiten kennen lernt, taucht erneut der Wunsch auf, diesem Mangel Abhilfe zu schaffen.
Im Internet stößt er nach nächtlichem Suchen auf einen Zusammenschluss verschiedener ostafrikanischer Hersteller und einen deutschen Zwischenhändler. Kontaktaufnahme und das Begutachten von Probeexemplaren folgen. Was die beiden Labelgründer gezeigt bekommen sieht gut aus und fühlt sich gut an. „LamuLamu ist der einzige Herstellervertrieb in Afrika, der von der Pflanze bis zum T-Shirt komplett ökologisch arbeitet und faire Löhne zahlt.“ Auch für den Druck finden sie den richtigen Partner, der verpackungssparend und mit umweltverträglicher Farbe arbeitet.
In demselben Maße wie den beiden der Hintergrund jedes einzelnen Kleidungsstücks nicht egal ist, wird auch besondere Sorgfalt auf das unmittelbar Sichtbare gelegt. „Wir drucken nicht einfach irgendetwas auf die Brust, sondern möchten verschiedene Designs anbieten, Kleidung, die möglichst vielfältig ist und von Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen gemocht und gekauft wird.“
Die Grafiken tragen dabei so lautmalerische Namen wie ‚Meeresspiegel’, ‚Irrgarten’ und ‚Zugvögel’. „Es geht um die Ästhetik des Wortes und breitgefächerte Interpretationsmöglichkeiten. Der Vogel ist generell ein gern genutztes Motiv, als Sinnbild für Freiheit, den Wunsch danach, raus zu kommen und mal etwas anderes zu machen.“
Der Vogel passt zu Fairliebt. Sich über Schranken erheben, neue Richtungsalternativen entdecken, dabei einen gelassenen Blick von oben bewahren. Freiheit, Unabhängigkeit. Nicht umsonst leiten die beiden auf ihrer Internetseite von der Musik über zur Wirtschaft. ‚Independent’ und die Ambivalenz dieses Begriffes dienen ihnen dabei als Bindeglied. Die Frage nach den Realisierungsmöglichkeiten wirtschaftlicher Unabhängigkeit ist dabei nicht einfach zu beantworten.
Mathias und Wiebke bezeichnen sich nicht als Kapitalismuskritiker: „Wir agieren ja selbst kapitalistisch. Wir leben in einem System, das wir nicht gut finden, aber wir kommen aus diesem System auch nicht heraus. Selbst wenn ich in den Bioladen gehe und dort meine fünf Euro für Kartoffeln bezahle, bleiben diese fünf Euro innerhalb des kapitalakkumulierenden Kreislaufes. Doch da es uns in unserer jetzigen Situation nicht möglich ist, die komplette Weltpolitik umzukrempeln, setzen wir unseren Fokus darauf, das Leben des Einzelnen zu verbessern. Da ist so etwas wie Fairliebt ein sehr guter Anfang. Nehmen wir mal ganz pragmatisch an, nur noch eine Person in der Familie muss arbeiten gehen und kann damit die Familie ernähren, dann können die anderen einen Zugang zu Bildung haben. Bildung ist der erste Schritt, um sich aus einer Abhängigkeit zu befreien.“
Mathias und Wiebke sind sich der Widersprüche bewusst, in die sie sich begeben. Da ist auf der einen Seite die Aufforderung zum Kauf, da ist der Trend, da ist die Inklusivität des guten Gewissens und die Exklusivität als Statussymbol. Und auf der anderen Seite also die Wirksamkeit einer wohltätigen Idee und einer Alternative zu Protestparolen und Lichterketten. Mathias betont: „Fairliebt ist in erster Linie ein Modelabel, ein Angebot, schöne T-Shirts zu kaufen, die schön produziert sind. Und dahinter stecken dann auch noch Menschen, die sich viele Gedanken um die Welt machen. Es handelt sich um eine Art selbstverständlichen Protest, dass wir so etwas anbieten, da wir uns für einen neuen, anderen Weg entschieden haben. Und letztendlich liegt es in der Sichtweise des Kunden und aus welchem Grund dieser das T-Shirt kauft. Ob er sagt, ‚Wow, das ist einfach schön, deswegen will ich das haben.’ Oder ob er das T-Shirt so mittelmäßig findet, aber denkt: ‚Die Idee ist super, es ist toll, ein fair gehandeltes T-Shirt zu besitzen.’“
Wirft man den Blick in die Zukunft, eröffnet sich allerdings die Frage, ob die Entwicklung zu einem gerechten Handel und menschlichen Lebensbedingungen in einem größeren Rahmen überhaupt funktionieren kann. „Das kommt darauf an, wie sich der Markt für fair gehandelte Produkte entwickelt.“, erläutert Mathias. „Entweder gehen die großen etablierten Firmen weiter den konservativen Weg: So billig einkaufen wie möglich, so teuer verkaufen wie möglich. Und initiieren gleichzeitig PR-Kampagnen, wie beispielsweise, dass für jeden Kasten Bier ein Quadratmeter Regenwald geschützt wird. Diese Aktionen fassen nach und nach immer mehr Fuß und drängen den richtigen fairen Handel komplett vom Markt. Wenn allerdings eine große Welle der Entrüstung über unfaire Arbeitsbedingungen in der breiten Bevölkerung aufkommen würde, könnte ich mir vorstellen, dass der derzeit stagnierende Markt der fair gehandelten Waren wieder wächst. Zu den Konditionen, wie wir sie bieten, hat der faire Handel durchaus eine Zukunft. Unsere T-Shirts sind gut und auch nicht übertrieben teuer. Ich denke, dass es möglich ist.“
Shop und Infos unter www.fairliebt.com
l.brion at freihafen punkt org



