Mission: Menschenrechte


Paola Rosini setzt sich leidenschaftlich für Menschenrechte ein. Die 27-jährige Politikwissenschaftlerin ist seit November 2003 bei „peace brigade international (pbi)“ – einer internationalen Menschenrechtsorganisation. FREIHAFEN traf die Italienerin mit schönem Akzent, der für internationales Flair sorgte. Man plauderte über pbi und über persönliche Vorstellungen einer besseren Welt.

Ein Beitrag von Nina Wienkoop und Liv Pedersen

FREIHAFEN: Inwiefern unterscheidet sich pbi von anderen Organisationen wie amnesty international oder UNESCO? pbi ist z.B. weniger in den Medien präsent. Ist das beabsichtigt?

Paola Rosini: Das genau ist der Unterschied. pbi arbeitet eher auf politischer Ebene als auf medialer. Wenn man ein Wort zu amnesty international assoziieren will, denkt man an Anklage; bei pbi eher an Lobbyarbeit, die auf internationaler Ebene Voraussetzung für die Ausübung von politischem Druck auf die Regierungen in Konfliktgebieten ist.

Wir machen nicht viel Öffentlichkeitsarbeit, weil unser Prinzip „Nicht-Parteinahme“ ist. Das heißt, wir sind mit Freiwilligen vor Ort präsent, im Gegensatz zu amnesty zum Beispiel. Das ist aber nur möglich, wenn wir uns in den Konflikt nicht einmischen, nicht Partei für eine Seite ergreifen, die in den Konflikt involviert ist. Wir nehmen nur für die Menschenrechte Partei ein. Wir verbreiten also keine Informationen gegen Regierungen oder Parteien. Wir führen Gespräche mit Politikern, leisten Lobbyarbeit, um mitzuteilen: „Gucken Sie bitte was dort passiert und ergreifen Sie Maßnahmen!“

F: Warum hast du dich für pbi entschieden, was fasziniert dich daran?

Paola Rosini - Peace Brigades InternationalPR: Was mich fasziniert, ist, dass Freiwillige bei pbi vor Ort sind und man eine konkrete Entwicklung mitbekommt. Aber auch das Prinzip der Gewaltfreiheit, der Nichteinmischung und das wir Projekte nur eröffnen, wenn wir Anfragen der zu beschützenden Personen bekommen. Das ist etwas sehr seltenes. Bei anderen Organisationen im Bereich Menschenrechte und Entwicklungshilfe aus Europa entscheidet die Organisation über einen Einsatz.

Was mich noch fasziniert ist das Konsensprinzip. Eine Struktur die horizontal funktioniert, so dass es praktisch keine Hierarchie gibt und das man wirklich an allen Entscheidungsprozessen mitwirken kann. [Anm. der Red.: Das Konsensprinzip basiert auf einer Diskussion, die so lange geführt wird, bis eine Entscheidung gefunden wurde, mit denen alle Personen leben können. Unabhängig wie lange sich diese Diskussion hinzieht. pbi verwendet es bei allen Entscheidungen, durch alle Ebenen hindurch.]

F: Gibt es den typischen pbi-Mitarbeiter? Kann es infolge von Meinungsverschiedenheiten nicht auch zu persönlichen Konflikten kommen?

PR: Von ideeller Seite her sind wir uns schon ziemlich ähnlich. Wenn du bei pbi mitarbeitest, glaubst du an die Gewaltfreiheit und entscheidest dich für die Arbeit mit den aufwendigen Konsensentscheidungen. Trotzdem sind wir eine sehr heterogene Gruppe mit den verschiedensten Hintergründen. Welche die schon politisch aktiv gewesen sind und auch Politik studiert haben ,aber auch viele mit einem Studium der Naturwissenschaften. Ins Ausland gehen die Leute, die gerade mit der Uni fertig geworden sind. Grundsätzlich ist der Freiwilligendienst bei pbi ab 25 Jahren für alle offen.

Konflikte gibt es natürlich auch. Man versucht aber konstruktiv mit Konflikten umzugehen, indem man das Konsensprinzip benutzt. Trotzdem sind wir Menschen und jeder hat seine eigene Meinung und manchmal sind die Meinungen unterschiedlich.

F: Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit der Projekte aus? Wenn pbi beispielsweise außer Landes, also nicht mehr präsent ist?

PR: Letztlich ist es positiv wenn pbi nicht mehr vor Ort ist. Denn das heißt, dass kein Bedarf mehr besteht. pbi verlässt nur dann ein Projekt, wenn keine Gefahr mehr besteht.

F: Aber können einige Projekte nicht auch zu endlosen Projekten werden? Wenn beispielsweise die politische Lage anhält?

Paola Rosini - Peace Brigades InternationalPR: Natürlich heißt es nicht, dass wenn pbi eine Person betreut, die gesamte Lage sich zwangsläufig ändert. Es könnte schon endlos werden. Aber wenn wir ein Projekt starten, haben wir natürlich eine andere Einstellung. Wir glauben dann an den Erfolg des Projektes. Aber es ist immer ein Prozess, bei dem der Erfolg abzuwarten bleibt.

F: Wie sind die Reaktionen der Menschen, die ihr begleitet? Wie kommen sie mit der ständigen Begleitung zurecht?

PR: Eigentlich gut. Es gibt immer Rücksprachen mit den begleitenden Personen und außerdem arbeiten wir nur auf Anfrage, sodass eine Begleitung nur von Seiten der Person angefragt werden kann. Die Menschen, die wir begleiten, sind eigentlich eher dankbar, dass es pbi überhaupt gibt. Natürlich kommt es auch vor, dass sich die Lage verschärft und pbi die Person 24 Stunden begleiten muss, mit Rücksprache natürlich. Trotz allem kann es zur Belastung der Person kommen, da sie dann keinen persönlichen Raum mehr zugunsten ihrer Sicherheit hat.

F: Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Weiterhin bei pbi? Weiterhin engagiert?

PR: Für mich ist die Stelle bei pbi, dass ich das Schulprojekt betreue, ganz neu. Ich engagiere mich seit Jahren ehrenamtlich in unterschiedlichen Organisationen und bin froh, nun im Bereich der Menschenrechtsarbeit auch eine Festanstellung zu haben. Ich hoffe, dort erst einmal bleiben zu können. Und es liegt mir „super am Herzen“ auf die Menschenrechtsverletzungen, die auch hier stattfinden, hinzuweisen; beispielsweise durch unser Schulprojekt. Später würde ich auch gerne ins Ausland gehen. Am liebsten mit pbi. Falls dies nicht möglich ist mit einer anderen NGO (Anm. der Redaktion: = Nicht-Regierungs-Organisation), denn ich möchte auf dieser Seite der Zivilgesellschaft bleiben.

F: Du kannst dir also nicht vorstellen mal in eine Partei einzutreten?

PR: Nein, ich habe schon immer Schwierigkeiten damit gehabt mich in einer Partei zu sehen. Mittlerweile weiß ich auch, warum. Es liegt an der dort bestehenden Distanz zwischen mir und dem, was dann wirklich auch umgesetzt wird. Bei der Arbeit bei pbi kann ich aktiv mitwirken und sehen, dass es was bringt. Außerdem möchte ich sehen, wie es auch ohne Hierarchien funktioniert. Bei pbi stehe ich auf der selben Ebene wie jeder andere auch und habe das Recht Entscheidungen mitzutragen.

F: Welches Ereignis oder welche Person war für dein Engagement prägend?

PR: Eine schwierige Frage. Ich bin sicher, dass mein Umfeld und meine Erziehung dazu einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Von Kind an wurde mir beigebracht, dass ich eine von vielen in einer Gesellschaft bin und dass ich viele Privilegien habe, die man mit anderen zu teilen hat. Das ist so die Kernidee, die mich immer begleitet hat und mich dazu geführt hat, darüber nachzudenken, wo man agieren kann, um Verletzungen entgegen zu wirken. Das ist auch ein Grund, warum ich bei einer NGO bin: Ich muss nicht in einer Partei sein, um etwas zu bewirken, auch als Teil der Zivilgesellschaft kann man viel Wirkung erzeugen.

F: Wie wäre dein Idealbild der Welt?

PR: Ich denke, das wichtigste Grundprinzip wäre, dass der Einzelne erkennt, dass seine Freiheit dort aufhört, wo die Freiheit des Anderen anfängt. Denn wenn ich frei sein will, muss ich auch darauf achten, dass die anderen frei sind! Außerdem wäre es wichtig, dass man zu seinem Wort steht. Das merkt man gerade bei solchen Organisationen. Es ist wichtig nicht nur innerhalb der Organisation sich prinzipientreu zu geben, sondern man sollte das im Alltagsleben auch einhalten. Für mich ist es egal, ob jemand sagt, er glaube an die Menschenrechte. Es ist wichtig, dass man das auch lebt.

F: Wie würdest du dir das ideale Europa vorstellen?

Paola Rosini - Peace Brigades InternationalPR: Ich als Italienerin weiß, wie die Politik Italiens in Europa angesehen wird. Daher würde mir wünschen, dass wir eines Tages alle vereint sind. Uns als ein Volk fühlen. Ohne Personen, die wegen der politischen Lage ihrer Nation ausgeschlossen werden. Und das diejenigen, die sehr viel haben, es den Anderen ermöglichen auch viel zu bekommen – nicht nur Geld und Macht, sondern vor allem Rechte.

F: Hattest du schon einmal das Gefühl, dass deine eigenen Menschenrechte verletzt wurden?

PR: Nicht so stark, aber mir ist es im Ausland häufiger passiert, dass ich wegen meines Akzentes komisch angesprochen wurde. Ich wurde dann gefragt, wann ich doch endlich lerne, richtig deutsch zu sprechen. Ich habe es aber nicht so ernst genommen. In Italien empfinde ich die eingeschränkte Pressefreiheit als Menschenrechtsverletzung. Ich merke es aber, also geht es noch. Aber es gibt auch Menschen, die diese einseitigen Informationen nicht merken. Das ist schlimmer.

Peace Brigade International ist eine internationale Menschrechtsorganisation, die sich im Rahmen der Menschenrechtskonventionen und des humanitären Völkerrechts für den Schutz bedrohter Personen engagiert und bei den staatlichen Institutionen die Einhaltung der Menschenrechte fordert. Der Gedanke, auf dem das Vorgehen von pbi basiert, stammt von Mahatma Gandhi - gewaltfrei durch „peace brigades“ in Konfliktgebieten zu intervenieren. Daraus entstand 1962 der lockere Zusammenschluss „World Peace Brigades“, aus dem sich 1981 die internationale Organisation pbi entwickelte. Weitere Infos über pbi und die Möglichkeiten sich zu engagieren im Internet:

www.pbi-deutschland.de

www.peacebrigades.org

Text: n.wienkoop at freihafen punkt org | Fotos: l.pedersen at freihafen punkt org




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