Was leistet eine Schule auf St. Pauli?


Der Alltag der Ganztagsschule St. Pauli ist anders, als man ihn sich vorstellt: Hier herrschen nicht Gewalt und Unterdrückung, Probleme werden als Herausforderung gesehen – ein hoher Ausländeranteil stellt nicht automatisch ein Hindernis, sondern vielmehr kulturelle Vielfalt dar.

Ein Beitrag von Marie Siepmann

Montagmorgen um halb acht, eine ungewohnte Zeit, um auf der Reeperbahn unterwegs zu sein – und einige wenige sind es doch. Von hinten erkenne ich ihn sofort, wie er mit seinem schiefsitzenden Ranzen und seinen offenen Schuhen eine Seitenstraße vom Kiez alleine entlang trottet. Der kleine Tom* ist auf dem Weg in die Ganztagsschule St. Pauli, wo er die erste Klasse besucht. Am Eingang des Grundschulhauses in der Bernhard-Nocht-Straße, das direkt am Hafen gegenüber von Dock 11 liegt, wird er mit einigen Klassenkameraden ungeduldig seine Lehrerin erwarten, damit sie ihnen am liebsten schon vor dem regulären Schulbeginn die Tür aufschließt. Von acht Uhr morgens bis 14:30  werden diese Kinder in der Schule sein, wer will kann danach noch an der Nachmittagsbetreuung bis 17:00 Uhr teilnehmen.

Die Ganztagsschule St. Pauli ist sowohl Grund- als auch integrierte Haupt- und Realschule. Sie liegt im Herzen St. Paulis, einem der sozialen Brennpunkte Hamburgs. Sie besitzt einen hohen Ausländeranteil und hat täglich mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Doch wie sehen diese aus und wie werden sie bewältigt?

Erste Stunde in einer ersten Klasse, das Thema „Soziales Lernen“ steht auf dem Stundenplan: Die Kinder sitzen in einem Stuhlkreis und haben, unter Anleitung ihrer Klassenlehrerin und des Sozialarbeiters der Schule, Raum, um über ihre persönlichen Anliegen zu sprechen. „Gestern auf dem Spielplatz bin ich hingefallen…“ beklagt sich Lisa*. „Heute Morgen hat Papa mir schon wieder eine reingezimmert…“ gesteht Tom* schüchtern. Was in der Gesprächsrunde zu Tage kommt, ist teilweise erschütternd. Viele Kinder haben zu dem Thema „Gewalt Zuhause“ etwas zu sagen und sie dürfen: Sie sollen überlegen, wie sie ihrem Mitschüler Tom* helfen können. Es werden Tipps abgegeben, was sie gegen Gewalt tun und wie sie sich in schwierigen Situationen verhalten können. Hier werden Sechsjährige zu Experten, die mir wie Erwachsene gegenüber sitzen, die auf einmal diskutieren, mitreden und mögliche Problemlösungen überlegen. Keine moralischen Vorträge der Klassenlehrerin finden statt, sondern Hilfe zur Selbsthilfe wird hier geleistet. In Extremfällen jedoch beginnen an dieser Stelle Interventionsmaßnahmen seitens der Schule, wie zum Beispiel Hausbesuche, welche hauptsächlich von dem Sozialarbeiter durchgeführt werden und oftmals erfreuliche Ergebnisse erzielen.

Selbsthilfe ist nötig, denn heutzutage ist die Schule der Ort, an dem zwei Dinge gelehrt werden müssen: Nicht nur eine optimale Wissensvermittlung, auch das soziale Miteinander ist wichtig. Was manche Familien ihren Kindern an sozialen und an Bildungsdefiziten mit auf den Weg in die Schule geben, hat diese aufzuholen und auszugleichen. So wie auch morgens in der zweiten Stunde: Hier findet eine halbe Stunde lang ein spezieller Sprachförderunterricht für ausländische und deutsche Kinder mit Sprachdefiziten statt. Auf der anderen Seite steht die Begabtenförderung, z.B. der sogenannte „Schlaufuchskurs“, in dem Kinder weiter gefördert und angeregt werden. Weitere Kurse und Angebote schmücken das Programm dieser Schule aus, welche die Kinder nicht nur zu unterrichten, sondern auch einen Tag lang zu unterhalten hat: Es werden beispielsweise eine Schach-AG, ein Gärtnerkurs, Geigen- und Trommelunterricht in der gesamten Primarstufe, sowie Fahrrad- und Tanzkurse am Nachmittag angeboten. Auch findet ein Muttersprachenunterricht in Türkisch und Romanesse statt. Ein Kooperationsprojekt zwischen der Schule und zwei örtlichen Kindergärten bietet kleinen, noch nicht eingeschulten Kindern eine frühzeitige Sprachförderung durch Lehrerinnen der Schule, um sprachliche Defizite rechtzeitig auszugleichen –  eine Reaktion der Schulbehörde auf die Pisa-Studie.

Morgens um 10 Uhr, nach einem gemeinsamen Frühstück, läutet es zur Pause.

Wer glaubt, auf dem Schulhof nur Gewalt und sich gegenseitig bedrohende Jugendbanden anzutreffen, der liegt falsch. Solche und andere Vorurteile herrschen über den Hamburger Kiez „unseren Problemstadtteil St. Pauli“, behauptet Grundschullehrerin Renate M.*.

Doch woher kommen diese Vorurteile? Unwissen spielt hierbei eine große Rolle. Und wer sagt denn, dass ein hoher Ausländeranteil negativ sein muss? Internationalität wird in der Ganztagsschule St. Pauli als Herausforderung gesehen, aber auch als Ressource, aus der man seinen Nutzen ziehen kann: So tanzt die kleine Chilenin Pilar* ihrer Klasse einen Volkstanz vor und gemeinsam singen sie auf Spanisch. Doch ein schlechtes Image scheint dieser Schule vorauszueilen, ungeachtet der realen Verhältnisse. Vielleicht liegen auch deshalb, und nicht nur wegen der im Stadtteil rückläufigen Kinderzahlen, nun schon zum zweiten Mal infolge die Anmeldezahlen unter der geforderten Grenze.

Der Hamburger Senat spart in der Bildungspolitik und in naher Zukunft werden wieder mehrere Schulen geschlossen werden. Zu befürchten ist, dass es dabei egal ist, was sie leisten und wie wichtig sie an ihren Standorten sind. Auch die Ganztagsschule St. Pauli ist in Gefahr.

Aber sind es nicht auch die Medien, die zur Vorurteilsbildung beitragen? Sie liefern wenig und wenn nur negative Beispiele aus den Problemgebieten unserer Großstädte. Nach dem Motto: „Nur die schlechten Nachricht werden gesendet, denn die guten Nachrichten sind langweilig“. Wie wir es täglich aus dem Fernsehen und Rundfunk erfahren.

Aber wo bleibt da die Realität? Die Realität ist, dass sich die Kinder und Jugendlichen der Ganztagsschule St. Pauli in den Pausen nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen und dass das Schul- und Lehrpersonal hoch engagiert ist.

Tatsache ist, dass heutzutage mehr als je zuvor eine gute Bildungspolitik gefordert ist, welche allen Kindern, egal welcher Herkunft, die gleichen Chancen bietet. Ist dies zuviel verlangt? Nein, denn dies kann durch engagierte Arbeit und durch den Staat gut ausgestattete Ganztagsschulen realisiert werden.

Schön ist es, am Ende des Schultages zu merken, wie sich die Lehrergemüter langsam entspannen, weil sie heute wieder einiges geleistet und erreicht haben. Am deutlichsten ist dies zu spüren, wenn der kleine Tom mir nach Schulschluss zuflüstert, dass er am liebsten in der Schule bleiben würde, um weiter mit den anderen Kindern „zusammen arbeiten und spielen zu können“.


* Namen von der Redaktion geändert

m.siepmann at freihafen punkt org




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