Das Spiel um Schachmatt und K.O.
Schachboxen fordert seine Sportler im höchsten Maße physisch und mental heraus. Angeregt durch ein Comic hat ein Berliner zwei Sportarten vereint, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Ein Beitrag von Katharina Rettke
In wohl kaum einer anderen Sportart haben die Spieler so stark mit Vorurteilen zu kämpfen wie beim Schach oder beim Boxen. Gelten Boxer häufig als „dumme Schläger“, so werden Schachspieler hingegen meist als „intelligente Weicheier“ dargestellt.
Wie sich trotzdem beide Sportarten verbinden lassen, sah Iepe Rubingh. Der in Berlin lebende Holländer ist der Erfinder des Schachboxens - eine der wohl anspruchsvollsten Sportarten der Welt! Nirgendwo anders ist die psychische und physische Qualität der Akteure gleichermaßen stark gefordert wie im Spiel um Schachmatt und K.O.
So treten zwei Kontrahenten abwechselnd in elf Runden, fünf Box- und vier Schachrunden, gegeneinander an, wobei immer mit dem Denkspiel begonnen wird. Eine Schnellschachrunde dauert vier Minuten, eine einminütige Pause trennt sie vom zweiminütigen Ringkampf. Schachmatt, Überschreiten der Überlegungszeit, K.O, Kampfabbruch, und Aufgabe - auch das Wettkampfende ist regulär wie bei den beiden Sportarten.
Erfinden musste Rubingh dieses Regelwerk nicht. Die Vorlage zu der Sportart hatte der Zeichner und Regisseur Enki Bilal bereits einige Jahre zuvor mit seinem Comic „Äquatorkälte“ geliefert. Nun machte es sich Iepe Rubingh zur Aufgabe, die Idee in die Realität zu übertragen. „Es ist ein gekürzter Mix aus den beiden Sportarten.“, so Rubingh. Der ehemalige Geschichtsstudent hat sich viel vorgenommen: „Ich will Sport, Kunst und Entertainment verbinden. Schachboxen soll Körper und Geist trainieren.“
Und tatsächlich: Entertainment wird geboten. Die Atmosphäre bei Wettkämpfen kommt der, die bei reinen Boxwettkämpfen entsteht, sehr nahe. Wo bei Schachwettkämpfen geschwiegen werden müsste, ist doch ein relativ großer Lärmpegel in der Halle zu verspüren. Auch das bunte Rahmenprogramm mit Nummerngirls, VIPs und dem zum Schluss überreichten Siegergürtel geben dem ganzen einen Hang zum Kampfsport.
So auch in Köln am 21. April. Unter dem Motto „Geprügelt wird sich im Ring, Kriege führt man auf dem Brett“ wurde die erste Kölner Stadtmeisterschaft im Mittelgewicht ausgetragen.
Den Titel als erster Kölner Schachboxmeister konnte Jan Mielke erringen. Nach einem spannenden Kampf gelang es ihm, durch Zeitüberschreitung von Dittrich zu gewinnen.
Neben der Stadtmeisterschaft wurde am Wettkampftag ebenfalls der Qualifikationskampf zur Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen „Anti-Terror“ Frank Stoldt aus Berlin und dem Kroaten Zoran „The Priest“ Mijatovic ausgetragen. Als erster Herausforderer um die kommende Weltmeisterschaft steht nun „Anti Terror“- Frank. Geschickt verteidigte er im Ring die Knock-Out-Versuche durch Zoran “The Priest” und zwang ihn durch Schachmatt in der siebten Runde zur Aufgabe.
Großes Geld verdient ein Schachboxer im Gegensatz zu seinen Kollegen im reinen Boxgeschäft noch nicht. Die Athleten sind allesamt keine Profis. So ist der Gewinner des Kölner Schachboxduells, Jan Mielke, im wahren Leben Unternehmensberater.
Wer die Sportart bewundern will, muss entweder bereit sein, einige Kilometer zurückzulegen oder noch einige Zeit zu warten. Denn wer durch die Kanäle seiner Flimmerkiste zappt, wird vergebens suchen.
k.rettke at freihafen.org



