Die Welt zu Gast am Kicker


tischfuÃ�ball_3.jpgDie Fußball WM hat begonnen. Jeder fiebert mit, weiß alles und kann ohnehin alles viel besser. Einziges Problem: Wir sind unsportlich – und viel zu faul sowieso. Wie gut, dass es Tischfußball gibt.

Ein Beitrag von Jenny Wolf

Alles schaut auf das Spielfeld. Den Spielern laufen die Schweißperlen übers Gesicht. Der letzte Schuss ist entscheidend. Schafft Deutschland den Einzug ins Finale der ersten offiziellen Tischfußball Weltmeisterschaft, die vom 25. bis zum 28. Mai 2006 in der Fischauktionshalle stattfand? Insgesamt 20 Nationen, vorwiegend aus Europa, aber auch Exoten wie Südafrika, Japan oder Argentinien, buhlten um den Titel. In den Halbfinals stehen sich Deutschland und Belgien, Österreich und Frankreich gegenüber.

Das deutsche Team nimmt eine Auszeit. Ruhe in der Halle, tiefes Durchatmen bei den Spielern. Es geht weiter. Und: Tor für Deutschland. Einzug ins Finale. Die Halle ist nicht mehr zu halten, neben mir fallen sich zwei ältere Herren mit Tränen in den Augen in die Arme, das Team springt und jubelt wie von Sinnen. Später erzählt mir Patrick Glocker (35) aus Saarbrücken, Spieler im Team Deutschland und maßgeblich am Siegtreffer beteiligt, dass damit für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen wäre. Noch nie hätte Deutschland gegen Belgien gewonnen und dann ausgerechnet dieses Mal – im Halbfinale der Weltmeisterschaft. Worauf es denn ankäme, wenn man nicht nur in schummrigen Kneipen oder ausgebauten Kellerräumen kickern wolle, frage ich ihn: „Das Wichtigste sind Konzentration, Nervenstärke und der Siegeswille. Aber auch die Technik sollte stimmen.“ Das ist also mein entscheidender Fehler: Ich als absoluter Laie versuche immer den Ball irgendwie ins Tor zu bewegen, einschließlich hektischer Bewegungen und durchdrehender Spielfiguren. Im Profi-Sport hingegen wird genau bedacht, ob der Pin-shot, der Pull-shot oder vielleicht doch eher der Jet zum gewünschten Erfolg führen könnte. Für mich klingt das alles wie Bahnhof, aber als Patrick mir erzählt, dass er bereits seit 18 Jahren trainiert, fühle ich mich besser. Wie lange hast du denn speziell für dieses Event geübt? „Das war nicht soviel. Die letzten drei Wochen habe ich täglich um die drei Stunden gespielt, aber hauptsächlich, um die Routine zu bekommen. Dann fühlt man sich sicherer.“

tischfuÃ�ball_2.jpgAls zweites Finalteam hat sich Österreich qualifiziert. Nach einer kurzen Pause soll es weitergehen. Der Zeitplan ist bereits mit einer Stunde überzogen. Das Spielfeld wird aufgerüstet, Tische gewechselt. Die Österreicher beginnen mit dem Warmmachen. In 10 Minuten soll angepfiffen werden und vom deutschen Team fehlt jede Spur. Die Gegner üben weiterhin fleißig. Das Finale sollte vor 30 Minuten beginnen. Immer noch stehen die Österreicher einsam und verlassen vor den Tischen. „Das deutsche Team bitte aufs Spielfeld!“, nach der dritten Durchsage wird die Stimme am Mikro lauter und die Halle unruhig. Was ist los? Wo ist unser Team? Wartend und planlos sitzen die Fans auf der Tribüne. Selbst die deutsche Ersatzspielerin Jana Daenekas weiß nicht, wo ihr Team steckt.

Endlich. Sie kommen. Die Nationalhymnen werden gespielt und der Stadionsprecher begrüßt das Publikum herzlich zum Finale „Österreich gegen Italien“, ach nee, „Entschuldigung, es muss Österreich gegen Deutschland heißen“.

Während die ersten Spiele starten, möchte ich von Patrick wissen, was los war. „Die Belgier haben Einspruch gegen den letzten Satz des Halbfinals eingelegt und wollten Spielwiederholung. Sie meinten, Mehmet, mein Spielpartner, hätte klammheimlich einen Punkt dazugeschoben. Dabei sieht man in den Fernsehaufzeichnungen ganz deutlich, dass er aus Versehen zwei statt einen Punkt geschoben hat. Aber nicht heimlich.“ Spielwiederholung gab es nicht. Vor dem Finale haben die Belgier dem deutschen Team sogar „Viel Glück“ gewünscht. „Dabei haben die uns leise zugeraunt ‚Ihr habt den Sieg gestohlen!’.“ Wie auch immer, am Ende des Tages stehen zwei Dinge fest: Österreich ist Weltmeister, und ich bin froh, dass ich nur in schummrigen Kneipen spiele, wo sich nach dem Spiel immer alle wieder lieb haben.

j.wolf at freihafen punkt org




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