Eine einzige Baustelle
Die Kämpfe zwischen Bosniern und Serben liegen inzwischen über ein Jahrzehnt zurück. Doch ihr Echo ist noch heute zu hören. Ein Beispiel dafür sind die „Zwei Schulen unter einem Dach“ - ein Beweis dafür, dass ethnische Spaltung vielerorts das Denken der Einwohner bestimmt.
Ein Beitrag von Jennifer Nausch
Knarrend öffnet sich die Tür zum Seminarraum. Sandala schiebt ihren dunklen Schopf durch den schmalen Spalt. Zügig geht sie in Richtung Pult. „Ich bin leider ein bisschen spät dran“. Die Studentin im vierten Semester an der pädagogischen Fakultät in Sarajewo befindet sich bereits in der Examensphase. Grundschullehrerin will sie werden. Heute hält sie vor ihren 30 Kommilitoninnen und ihrer Professorin ein Referat über den Umgang mit traumatisierten Kindern. Verlegen lächelt sie, während sie hektisch Zettel aus ihrer schwarzen Ledertasche kramt – die Notizen für ihr Referat. Im Saal ist kein einziger Mann. Allmählich wird es ruhiger in den Sitzreihen, Taschenspiegel und Lippenstifte verschwinden von den Tischen. Sandala atmet tief ein. „Wie können wir Kindern helfen, Erlebnisse wie den Anblick eines toten Menschen zu verarbeiten?“
Die grausamen Kämpfe zwischen orthodoxen Serben, muslimischen Bosniaken und katholischen Kroaten machten aus dem gerade unabhängig gewordenen Bosnien ein ethnisch zersplittertes Land. Der Krieg zerstörte Schulen, zerriss Familien und vernichtete Existenzen. Die Trennung hat sich nicht nur im Denken der Menschen, sondern auch in der nach dem Friedens-Vertrag von Dayton geschaffenen politischen Struktur festgesetzt. Bosnien besitzt ein kompliziertes föderales Verwaltungssystem mit 14 selbstständigen Bildungsministerien. Auch nach einem Jahrzehnt ist das Echo des Krieges immer noch deutlich zu hören. Täglich ruft es in Form von zerstörten Häusern und Bildern getöteter Angehörigen den Bewohnern Leid und Grausamkeit aus der Vergangenheit ins Gedächtnis. Viele Kinder sahen hilflos mit an, wie nicht nur Nachbarn und Bekannte, sondern auch ihre eigenen Eltern und Geschwister zu Opfern wurden.
„Kinder mit auffälligem Benehmen leiden oftmals unter einer Traumatisierung.“ Die Stimme der Studentin erfüllt den dunklen Raum. Einzige Lichtquelle ist der Beamer für ihre Präsentation. An einer freien Stelle über der Tafel zeigt sie eine Auflistung von Analysemethoden und Merkmalen für gestörtes Verhalten. Neben dem Text lächelt eine Comic-Sonne. „Bettnässerei, Schlaf- und Essstörungen oder extreme Schüchternheit sind eindeutige Anzeichen für traumatische Erlebnisse“. Mit einem ernsten Gesichtsausdruck schaut die Referentin ins Plenum. Im Saal ist es still, nur ab und zu rauscht eine Straßenbahn am Fenster vorbei. Die meisten Studentinnen wissen aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, traumatisiert zu sein. Sie haben den Krieg aus unterschiedlichen Blickwinkeln selbst miterlebt. An der Universität in Sarajewo sitzen Serbinnen, Kroatinnen und muslimische Bosnierinnen nebeneinander auf der Vorlesungsbank. Auf diese Weise zusammen zu studieren und zu lernen ist in Bosnien und Herzegowina nicht überall selbstverständlich. Lukavica heißt der serbische Teil Sarajewos. Dort dürfen nur Serben zur Uni gehen. In den bosnisch-katholisch dominierten Gebieten, haben sich oftmals die Volksgruppen die Schulen untereinander aufgeteilt. „Zwei Schulen unter einem Dach“ nennt sich diese Organisationsform. Die Kinder lernen zwar im gleichen Gebäude, aber zu unterschiedlichen Zeiten, mit verschiedenen Lehrern und Lehrplänen. Fehlende Bildungsstandards, veraltete Methoden und miserable Ausstattungen der Schulen verschlimmern die Lage zusätzlich. Das bosnische Bildungssystem ist eine Bausstelle. Die internationale Gemeinschaft hat sich bereits vor Jahren des Chaos in der Bildungslandschaft des Landes angenommen. Ihre Mission ist es, einheitliche Verwaltungsstrukturen und Bedingungen an den Schulen zu schaffen. Vier Jahre sind vergangen, seit die Regierung die aktuelle Bildungsreform verabschiedet hat. Seitdem wacht die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE) über die Einhaltung der Pläne. „Schwierige Situationen sollen deutlich benannt und nicht umschrieben werden“, erklärt Sandala eine der Regeln für den Umgang mit traumatisierten Kindern. Beschönigende Worte würden nur unnötig den Prozess der Bewältigung erschweren. Einige Studentinnen machen eifrig Notizen. „Gibt es dazu noch Fragen?“ Sandala atmet noch einmal tief durch. Im Saal herrscht Schweigen. Damit endet der Vortrag. Die Professorin gratuliert, schreibt eine gute Note auf. Zum ersten Mal an diesem Morgen huscht ein Lächeln über das Gesicht der angehenden Gundschullehrerin. Ihr Examen ist ein Stück näher gerückt.
Alle 52 „Zwei Schulen unter einem Dach“ sollen noch dieses Jahr im Rahmen der OSZE-Reformen aufgelöst werden. Das bedeutet gleiche Schulverwaltungen und Lehrpläne für alle Ethnien und somit die Annäherung an einen einheitlichen Bildungsstandard für das ganze Land. Die Unicef-Beauftragte im Bereich Partizipation und soziale Mobilisierung Erna Ribar bezweifelt, dass dies noch dieses Jahr Realität wird. Die Präsidentschafts-Wahlen stehen vor der Tür. Die „Zwei Schulen unter einem Dach“ seien eine politische Angelegenheit, mit der nationalistische Parteien im Wahlkampf auf Stimmenfang gehen werden. Ein weiteres Problem ist die Kluft zwischen Theorie und Praxis. Außerdem ist es ohne zentrale Kontrollmöglichkeiten schwierig, dem Ziel eines einheitlichen Bildungssystems näher zu kommen. Nicht nur auf politischer Ebene muss sich etwas bewegen, sondern auch in den Köpfen der Menschen; deswegen organisiert Unicef Lehrerfortbildungen. Ziel ist es, Lehrer zu befähigen, ihre Schüler zu demokratischen Bürgern zu erziehen. Das „Internationale Multireligiöse Interkulturelle Zentrum“ arbeitet daran, an den Schulen zwei bis drei Stunden interreligiösen Religionsunterricht pro Woche einzuführen. Wenn Kinder früh lernen, die anderen Religionen zu verstehen, werden sie sich auch gegenseitig tolerieren, meint Moris Albahari, Mitglied des Direktoriums.
Auch Sandala denkt, dass das gemeinsame Spielen und Erleben für Kinder der beste Weg sei, den friedlichen Umgang miteinander zu lernen. Das zu ermöglichen sei künftig die Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern in Bosnien und Herzegowina. „Muslimische, orthodoxe und katholische Kinder müssen zukünftig in ganz Bosnien und Herzegowina zusammen zur Schule gehen können.“ Die anderen Studentinnen schreiben jetzt noch eine Klausur. Sandala greift nach ihrer Tasche und verlässt zufrieden den Seminarraum. „Ich freue mich auf meinen Job.“ Knarrend fällt die Tür hinter ihr ins Schloss.
j.nausch at freihafen punkt org



