“Mir lejbn ejbig!” - Wir leben trotzdem
In der Diskussion um vermeidliche „No-go-areas“ zeigt rechtsradikale Gewalt (wieder?) beeindruckende Präsenz. FREIHAFEN traf die 81-jährige Auschwitzüberlebende Esther Bejarano, die sich jeden Tag erneut gegen das Vergessen der Nazi-Vergangenheit einsetzt.
Wo früher die Nummer 41948 eingraviert war, ist heute eine Narbe. Esther Bejarano sitzt auf einem orange-farbenen Stoffsessel in ihrem Wohnzimmer, das mit Fotos, Zeichnungen, Figuren, Kerzen und Büchern gemütlich ausstaffiert ist. Die Beine hat sie überschlagen. Gerade zuvor hat sie für ein Foto posiert, hat schmeichelnd das Gesicht gehoben. Auf vielen Fotos sehe sie furchtbar aus, scherzt sie. Und für einen Moment vergisst man, warum da eine Narbe auf dem Unterarm ist, wird man angesteckt von der Zuversicht der kecken Augen, die kampfeslustig unter den schwarzen Augenbrauen hervorblicken und sagen: Hier bin ich, und hier bleibe ich. Ich lass’ mich nicht unterkriegen. Von niemandem. Aber die Narbe ist da, genau wie ihre Vergangenheit. Reichspogromnacht, Auschwitz, Ravensbrück, Todesmarsch, all diese Begriffe kennt man und fasst es nicht, dass die kleine Frau mit den weißen Haaren einem tatsächlich gegenüber sitzt und scherzt und lacht und lebt.
FREIHAFEN: Die meisten Schüler verbinden Auschwitz mit Bildern aus dem Geschichtsbuch. Eines davon zeigt das Innere einer Baracke, zeigt die steil abfallenden Betten, aus denen jeweils fünf bis sechs verhungerte Häftlinge herausgucken. Frau Bejarano, haben sie Erinnerungen an die erste Nacht im Konzentrationslager Auschwitz?
An die erste Nacht kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass wir entsetzt waren, als wir in verschiedene Blöcke eingeteilt wurden. Die ganze Prozedur war schrecklich: Man ist in einem großen Saal angekommen mit ganz vielen SS-Männern und -Frauen. Wir mussten uns nackt ausziehen, dann hat man uns die Haare geschoren. Das ist schlimm gewesen, denn wir wollten uns vor diesen Männern ja nicht ausziehen. Wir haben uns wahnsinnig geschämt und haben angefangen zu weinen. Später wurden wir in verschiedene Baracken eingeteilt, das waren frühere Pferdeställe. Es gab keine Betten, sondern Kojen, die waren aus Stein und da mussten sieben oder acht Frauen, manchmal sogar zehn Frauen drin schlafen.
Die Musik hat Ihnen das Leben gerettet. Gleichzeitig mussten sie zusehen, wie, während sie spielten, Menschen in den Tod geschickt wurden. Sie haben Ihr Leben lang Musik gemacht. Ruft diese nicht schreckliche Erinnerungen hervor?
Nein, überhaupt nicht. Es ist nicht richtig zu sagen, nach Auschwitz könne man weder Musik machen, noch Gedichte schreiben noch malen. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ich heute auf der Bühne stehe und Lieder singe, die mit der Vergangenheit zu tun haben, dann mache ich das als Aufklärungsarbeit, denn ich kann mit Musik vieles bewirken.
Nachdem sie 15 Jahre lang in Israel gelebt hatten, sind sie nach Deutschland zurückgekehrt. Dort wurden Sie erneut mit rechter Gewalt konfrontiert. Wie war das, zurückzukommen in das Land der Täter, und immer noch Nazis vorzufinden?
Zuerst dachte ich, dass es so etwas überhaupt nicht mehr gibt. Sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht hierher kommen. Es ist mir immer noch sehr schwer gefallen, diesen Schritt zu wagen. Als ich über die deutsche Grenze kam und ich die ersten Polizisten gesehen habe, da wurde mir richtig übel und ich habe mir gedacht: ‚Was hast du deiner Familie angetan?’.
Wie sind Sie danach in Hamburg zurechtgekommen?
Es hat lange gedauert, bis ich mich überhaupt integrieren konnte. Ich konnte einfach nicht mit den Menschen reden. Ich habe bei jedem, der etwas älter war als ich, gedacht, was hat der wohl im Krieg gemacht? Vielleicht ist er der Mörder meiner Eltern und Schwestern. Aber dadurch, dass ich später Menschen getroffen habe, die wirklich gegen Hitler gekämpft haben, hat sich das verbessert. Die haben mir auch zu verstehen gegeben, dass ich meine Geschichte erzählen muss. Das war ein Segen für mich.
Warum gibt es in Deutschland immer noch Nazis?
Das frage ich mich auch. Im Grundgesetz steht drin, dass alle diejenigen Parteien oder Organisationen, die Nachfolgeorganisationen der NSDAP sind, verboten sein müssen. Man sagt immer, wir leben in einer Demokratie und alle Menschen müssen die Möglichkeit haben, ihre Ideologie zu verwirklichen. Ich bin sehr für Demokratie, sehr. Aber für Menschen, die Millionen andere fabrikmäßig gemordet haben, darf es nicht die Möglichkeit geben, ihre menschenverachtende Ideologie preiszugeben.
Nun gibt es das Argument, dass verbotene Rechtsradikale im Untergrund schlimmer seien als solche, die sich offen zeigen und dadurch besser zu überwachen sind.
Natürlich macht man etwas Verbotenes umso lieber, aber es ist eine billige Ausrede, zu sagen, wenn wir die NPD verbieten, wird sie im Untergrund tätig sein. Denn wenn Nazis im Untergrund sind, dann kann man sie bei unserer heutigen Gesetzeslage, mit all der Bespitzelung, ohne Probleme fassen.
Der deutsche Patriotismus erlebt heute zur WM eine Art Renaissance und alles von der Cola Dose über den Gartenzwerg bis hin zum Bikini ist Schwarz-Rot-Gold. Wie sollten junge Menschen heute mit ihrem „Deutschsein“ umgehen?
Ich bin nicht dafür zu sagen, ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Genauso wenig aber zu sagen, ich bin stolz, ein Engländer oder ein Franzose oder ein Israeli zu sein. Ich kann stolz sein, wenn ich ein Mensch bin. Das heißt für mich human zu sein, Mitgefühl zu haben, Rücksicht auf andere zu nehmen, tolerant zu sein und bereit zu sein, Hilfe zu leisten.
In der Debatte um Integration wird immer wieder der Wunsch nach einer „deutschen Leitkultur“ genannt. Wie bewerten Sie diese?
Mit Leitkultur kann ich überhaupt nichts anfangen. Ein Mensch muss die Möglichkeit haben, so zu leben, wie er will. Natürlich muss man, wenn man in einem Land lebt, die Gesetze befolgen, aber doch nicht so, dass alle nach unserer Pfeife tanzen.
Und wie bewerten Sie ein grundlegendes Wertegerüst, das für alle Bürger verbindlich ist? Ich denke, viele Leute verstehen das unter Leitkultur.
Aber ich glaube, dass viele Menschen das eben nicht verstehen. Eine Leitkultur kann nur bedeuten, menschlich zu sein. Viele Schüler fragen mich, als was ich mich fühle, als Jüdin, als deutsche Jüdin, als jüdische Deutsche, oder als Israelin. Ich kann darauf nicht antworten und sage dann immer: „Ich fühle mich als Mensch!“.
Ihre Kinder sind mit sieben und neun Jahren nach Deutschland gekommen, haben also den Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht. Ist Deutschland das Vaterland Ihrer Kinder?
Das glaube ich nicht. Deutschland ist auch nicht mein Vaterland, obwohl ich hier geboren bin und die ganze deutsche Kultur aufgenommen habe als Kind. Ich bin der Meinung überall, wo man sich wohl fühlt, ist man zuhause. Das hat nichts mit Vaterland zu tun. Sondern ich kann mich überall wohl fühlen, wo es nette Menschen gibt und wo ich ein Aufgabengebiet habe, das mich befriedigt. Für mich ist das meine Aufklärungsarbeit hier in Deutschland.
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Esther Bejarano wird 1924 in Saarlouis geboren. 1943 wird sie nach Auschwitz deportiert, wo sie zunächst schwere Zwangsarbeit leisten muss, dann jedoch in das Mädchenorchester des Lagers aufgenommen wird. Sieben Monate lang erwartet sie am Tor die aus- und einmarschierenden Häftlinge mit Musik. Von Auschwitz wird sie in das KZ Ravensbrück überstellt und nach 18 Monaten Zwangsarbeit auf den Todesmarsch von 1945 geschickt. Sie entkommt und wird von alliierten Truppen aufgesammelt. Nach dem Krieg zieht sie nach Israel, das sie 1960 verlässt, um nach Deutschland zurückzukehren.
Heute engagiert sich die 81-Jährige im Kampf gegen den Neo-Nazismus und in der Vergangenheitsbewältigung. Mit ihrer Gruppe „Coincidence“, der auch ihre beiden Kinder angehören, veranstaltet sie regelmäßig Konzerte mit jiddischer und internationaler Musik gegen den Faschismus.
Nächster Auftritt: 9.11.2006, Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, 19.30 Uhr.
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