Als Security auf dem Christopher-Street-Day…
Als schmächtige „Hete“, Security-Kraft auf dem Christopher-Street-Day zu sein, ist gar nicht so einfach. Man wird auf charmante Art ignoriert und bei der Arbeit gut unterhalten.
Ein Erfahrungsbericht von Jennifer Nausch.
„Sorry, Schätzchen! Gehst du mal kurz beiseite?“, raunt mich eine Stimme von der Seite an. Auf Zehn-Zentimeter-Absätzen tänzelt Laticia über den Asphalt an mir vorbei. Er ist groß und wirkt grazil. Seine Perücke und der schimmernde Federaufsatz verleihen dem Transsexuellen etwas Überdimensionales. Ich schiebe mich sicherheitshalber einen Schritt nach links. Das Paillettenkleidchen noch einmal runtergezupft, erklimmt der schlanke Mann ohne viel Galanterie den Anhänger. Plötzlich knallt ein Korken und mir spritzen Tropfen ins Gesicht. „Welcome on board“. Ronney, der nichts als Hotpants und einen Cowboyhut trägt, freut sich mit einem Sektempfang über den zugestiegenen Gast.
Für mich sind Schampus und Schnaps Tabu. Denn nicht zum Vergnügen, sondern zum Arbeiten bin ich auf dem Christopher-Street-Day (CSD). Für ein paar Stunden darf ich mich „Ordner“ nennen, auch wenn ich nur 1, 70 groß und relativ schmächtig bin. Die Idee, als Security-Kraft für einen Party-Truck zu arbeiten, ist aus einer Not heraus geboren worden, als mich mein Kumpel Martin am Vorabend anrief. Martin ist angehender Event-Manager. Schwul. Zurzeit macht er ein Praktikum in einem Gay-Club in St. Georg. Wegen akutem Personalmangel kam er auf die glorreiche Idee, mich „Hete“ für die Betreuung seines Party-Trucks einzuberufen. Und nun würde ich während der Parade für ein paar Mäuse aufpassen, dass niemand von der rollenden Disko platt gewalzt wird.
„Hey Süße, ich bin ein bisschen im Stress, aber zieh das doch schon mal an, okay?“ Ein gelbes T-Shirt landet auf meiner Schulter und ehe ich ein Wort mit Martin wechseln kann, ist er schon wieder in einem Meer aus Regenbogenfahnen, Wasserbällen und Plastikpalmen auf dem LKW untergetaucht. Dann dröhnt plötzlich House-Musik aus den Boxen. Weiteres Partyvolk besteigt den Anhänger. Einige Kerle in schwarzen Korsagen, ein trainierter Herr im luftigen Schottenrock und ein paar aalglatt rasierte Gogos mit Brustwarzen-Piercings sind mit von der Partie. Martin drückt mir das Stück eines langen Seils in die Hand. Es dient als Absperrlinie rund um den Lastwagen und es verbindet mich mit sieben anderen Ordnern, denen ich nur noch schnell „Hallo“ sagen konnte. Dann geht es los.
Einmal im Jahr gehören die Straßen in den großen Städten den Schwulen und Lesben, den Bi- sowie den Transsexuellen. Zu keinem anderen Zeitpunkt läuft die Szene zu einem Höhepunkt wie am Christopher-Street-Day auf. Unter diesem Namen ist die Parade allerdings nur in Deutschland und der Schweiz bekannt. In anderen Ländern wird das Homofest „Regenbogenparade“ (Österreich) oder als „Pride Parade“ genannt. Seinen Ursprung hat der politische Umzug in New York, als sich Homosexuelle gegen Polizeiwillkür auflehnten. Die Christopher Street in Greenwich Village wurde am 27. Juni 1969 zum ersten Mal Schauplatz gewaltvoller Auseinandersetzzungen zwischen Staatswächtern und Homos nach einer Razzia in der Bar „Stonewall Inn“. Die so genannte Stonewall Rebellion löste eine Kette von tagelangen Straßenschlachten zwischen der Randgruppe und Polizisten aus. Seitdem erinnert in New York jedes Jahr am letzten Samstag im Juni ein Straßenumzug, der „Christopher Street Liberation Day“, an dieses Ereignis.
In der Menge verloren, das Seil als einzigen Halt, laufe ich dem Wagen hinterher. Langsam schiebt und ächzt er sich die Lange Reihe in St. Georg hinab. Eine tosende Menge folgt ihm unbekümmert, so wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln. Unsere Route führt quer durch die Innenstadt am Hauptbahnhof vorbei, über die Mönkebergstraße gen Binnenalster und die Sonne knallt auf unsere Köpfe. Ich schwitze - das Seil straff zu halten ist ganz schön anstrengend. Laticia posiert derweil auf einer der Boxen und wedelt sich mit seinem Fächer Luft zu. Offensichtlich genießen die „Damen der Schöpfung“ ihren Auftritt. Passanten stehen mit runter geklappten Kinnladen am Straßenrand, während Presseprofis mit ihren Fotokameras dem besten Schuss hinterher rennen. Die Schwulen und Lesben hinter mir tanzen währenddessen ausgelassen zur Musik und flirten mit den Partytieren auf dem Wagen. Vereinzelt trauen sich Mutige einen Schritt näher heran. „Hier für dich“, rufen sie dann und reichen Laticia oder den anderen ein paar hochprozentige Kurze hoch. Die wiederum schenken eifrig Sekt aus, füllen Gläser, die sich aus der Menge erheben. Gefällt jemand besonders gut, bekommt er anstatt eines Handkusses auch schon mal die Zunge in den Mund geschoben.
In Deutschland gab es den ersten offiziellen CSD 1979 in Bremen und Berlin nach sieben Jahren Schwulen- und Lesbendemonstrationen. Jedoch dauerte es noch ganze 15 Jahre nach dem ersten CSD, bis der, Schwule rechtlich benachteiligende, Paragraph 175 von der Regierung abgeschafft wurde. Nach einer langen Zeit des Ringens um seinen Erhalt, trennte man sich im Zuge der gesetzlichen Angleichung mit der ehemaligen DDR von dem umstrittenen Verbot, das sexuelle Handlungen unter Männern mit unter anderem mit Gefängnis bestrafte. Schwule wurden deswegen zeitweise vom Volksmund als „175er“ gerufen und auch war der 17. Mai unter Homogegnern als „Feiertag der Schwulen“ bekannt. Der Paragraph wurde oft von den Betroffenen und links orientierten Politikern kritisiert. Er sei Geschlechter diskriminierend, lautete die Anklage. Denn Frauen war die Homoliebe durchweg erlaubt. Sie besäßen kein so „hemmungsloses Sexualbedürfnis“ wie Männer und schädigten damit nicht die „gesunde und natürliche Lebensordnung im Volke“, begründete Konrad Adenauer 1962 den Zweck des Gesetzes.
„Welche Möglichkeiten gibt es auf euren Wagen zukommen?“. Von rotem Lidschatten umrandet, funkeln mich dunkle Augen von der Seite an. Ich zucke mit den Schultern und der nur mit einem Stringtanga bestückte Herr zieht wieder ab. Der fahrende Club ist begehrt. Viele erhoffen sich in Laticias Augen als „Cutey“ durchzugehen und den Wagen zu besteigen.
CSDs sind heutzutage eher eine Spaßparade. Ihr politischer Wert wird zunehmend symbolisch. „Wir wollen nicht das Hauptanliegen heute vergessen“, grölt der DJ in die Menge, „nämlich - das Ficken!!“ Jeder jubelt. Ein dumpfes Gefühl des Übergangenwerdens schlummert in mir und bis zur Endstation der Parade am Jungferstieg ändert sich daran nichts. Es ist nun mal der Tag der Homos, sie zelebrieren ihn und die bunt geschmückten „Transen“ posieren für TV und Zeitung oder verraten Neugierigen ihr Geschlecht. Vor dem Alster Pavillon kriechen sie alle nach vier Stunden wieder vom Wagen herunter. Laticia sucht seine Turnschuhe und verschwindet. „Kommst du heute Abend zur Aftershow-Party?“ Martin nimmt mir das Seil aus der Hand. Es würde bestimmt lustig werden und viel zu sehen geben. Ich sage ab. Das Security-Dasein ist anstrengend und ich brauche wieder etwas, nun ja, Aufmerksamkeit.
j.nausch at freihafen punkt org



