Going to meet the band


Matt und Nan in ihrer Küche in der Lower East Side in New YorkWer tausende von Meilen durch die USA fährt, kommt um einen Abstecher nach New York kaum herum. Und wenn man schon mal in der Stadt ist, warum nicht gleich der Band einen Besuch abstatten, die einen ein halbes Jahr zuvor bei einem kleinen, unscheinbaren Auftritt im Hamburger Molotow wie aus dem Nichts restlos begeisterte – „Schwervon!“?

Ein Beitrag von Frederik Eikmeier

Mein Klopfen bleibt unbeachtet. Einmal, zweimal. Zu laut die Musik jenseits der großen, klingellosen Tür, auf der statt einem Namensschild lediglich ein grüner Aufkleber mit der Aufschrift „Olive Juice Music“ zu finden ist. Erst ein drittes, energischeres Klopfen findet schließlich Gehör und Nan Turner öffnet mir die Tür und bittet mich herein.
Nan ist die weibliche, Schlagzeug spielende und singende Hälfte von „Schwervon!“. Sie entschuldigt sich dafür, dass Major Matt Mason, ihr Gitarre spielender und ebenfalls singender Bandkollege und Lebensgefährte, im wohnungs-internen Studio nebenan noch einer befreundeten Sängerin bei den Aufnahmen hilft.

Vor ein paar Wochen ein erster Kontakt per E-Mail, mir gefiel die Band, ich wollte ohnehin nach New York, warum also nicht mal vorbei kommen? Und jetzt stehe ich hier, in der Küche von Nan und Matt.
Sie unterscheidet sich nur unwesentlich von der herkömmlichen Studentenküche, gerade genug Platz, um am Tisch zu sitzen, gerade noch genug sauberes Geschirr, um nicht spülen zu müssen. Das zum Aufnahmestudio umfunktionierte Wohnzimmer beansprucht große Teile der überschaubaren 3-Zimmer-Wohnung. Neben einem Sofa ist hier nur noch Platz für Mischpult, Schlagzeug, und andere Instrumente. In einer Ecke stapeln sich Kartons, der Großteil ist mit frisch-gepressten CDs gefüllt. In einem anderen hat es sich die offizielle Band-Katze namens „Gummo“ gemütlich gemacht, sie gibt ein bedrohliches Knurren von sich, als ich ihr zu nahe komme. An den Wänden haufenweise Postkarten, Photos und Poster; eines davon, die White Stripes abbildend, erinnert mich sofort an den Auftritt der beiden ein gutes halbes Jahr zuvor im Molotow.

Im Vorprogramm von Kimya Dawson war erst ein unscheinbarer Junge mit Wollmütze aufgetreten. Das Publikum saß andächtig im Halbkreis vor der Bühne des Molotow, während er auf seiner Gitarre sein wehleidiges Liedgut zum Besten gab. Dann kam „Schwervon!“. Nan und Matt machten dem Publikum schnell klar, dass ihre Musik nicht zum andächtigen Rumsitzen gedacht ist. Der ebenso liebenswerte wie mitreißende Mix aus unkompliziertem Garagen- (oder vielleicht eher Wohnzimmer-) Rock und bezauberndem Songwriting animierte zum Aufstehen und Sich-Bewegen. Auf der Suche nach Referenzen zum eben Gehörten stieß ich später unter anderem auf jene White Stripes, die hier in der Lower East Side bei Nan und Matt über dem Toaster hängen.

Bei einer Tasse Tee erzählt mir Nan jetzt vom Stress der letzten Tage und Wochen – der allerdings zur Folge hatte, dass das neue und dritte „Schwervon!“-Album namens „I Dream of Teeth“ fertig ist. Sie ist nicht nur froh, dass die harte Arbeit vorerst ein Ende hat, sondern geradezu euphorisch: „Ich finde, es ist richtig gut geworden. Es rockt auf jeden Fall noch mehr als unser zweites Album!“ Eine Einschätzung, die sich beim ersten Hören des Albums später bestätigt: Mal klingt das Album ein wenig nach den von Matt und Nan sehr geschätzten Sonic Youth, mal eher wie ein Rolling Stones-Cover; mal singt man von Murmeltieren oder brennenden Libellen, an anderer Stelle von den überschaubaren Vorteilen von Zeitarbeit und anderen Ungerechtigkeiten unserer Zeit, und zwischendurch grüßt ein Trompetensolo. Der Stress in der Arbeit an dem Album bestand vor allem in der Feinabstimmung: „Die Reihenfolge der Tracks, die Länge der Pausen zwischen den Tracks, die Lautstärke einzelner Song-Elemente – selbst wenn man eigentlich fertig ist gibt es noch genug Dinge, die einen wahnsinnig machen können. Aber es ist trotzdem ein tolles Gefühl, alle Aufnahmen im Kasten zu haben und sich mit derlei Kleinigkeiten herumzuplagen.“, erzählt Nan. Die Songs schreibt sie meist mit Matt gemeinsam: „Einer schreibt ein paar Zeilen, der andere fügt etwas hinzu. Allerdings kommt es auch schon mal vor, dass Matt einer meiner Solo-Songs so gut gefällt, dass dieser dann zum ‚Schwervon!’-Song aufsteigt.“

Und der Erfolg? Zwar hat sich die Band in den letzten Jahren einen Namen innerhalb der New Yorker Antifolk-Szene erspielt und hat auch diesseits des Atlantik mit mehreren Auftritten positiv überraschen können, zu Weltruhm und Reichtümern hat es aber bislang noch nicht gereicht. Daher ist Nan auch darauf angewiesen, sich auf anderem Wege Geld zu verdienen. Sie beichtet mir, dass sie nebenbei in der Telefonzentrale einer großen Bank in Manhattan arbeitet, während Matt den Großteil seiner Zeit und seines Herzbluts in Olive Juice Music steckt. Mit dem eigenen Plattenlabel wird nicht nur die Musik von „Schwervon!“ vertrieben, auch viele anderen junge Musiker aus New York und anderswo bekommen eine Chance.

Müde und hungrig von Aufnahme und Interview zieht es uns gegen Abend schließlich in ein nahegelegenes Thai-Restaurant. Dort erfahre ich mehr über die Lebensläufen der beiden Bandmitglieder. Während es Nan aus dem Bundesstaat Washington wegen eines Schauspielstudiums an die Ostküste verschlug, war es für den aus Kansas stammenden Matt vor allem die Musik, die den Big Apple attraktiv machte. Eines Tages begegneten sich die beiden – der Rest ist (Band-)Geschichte, die mittlerweile schon viele Jahre andauert.

Nach dem Essen dann Ernüchterung: Der geplante Auftritt am nächsten Abend muss leider ausfallen – der Veranstaltungsort ist doppelt gebucht, „Schwervon!“ wird verschoben, das harte Schicksal kleiner Bands im großen New York. Doch der Abend ist noch nicht verloren und so gehe ich mit Nan zu einer „Open Mike Session“ im „Bowery Poetry Club“. Dort reißen zwei als Hinterwäldler-Zwillingsschwestern verkleidete Moderatorinnen ohne Hemmungen schlechte Witze über Geschlechtskrankheiten und ihren unüberhörbaren Hang zur Nymphomanie. Nur die etwas düsteren Tattoos, die unter den standesgemäß kurzen Kleidern auf den Beinen der beiden zu sehen sind, lassen erahnen, dass sie jenseits der Bühne ein weniger bemitleidenswertes Leben führen. Zwischendurch geben sich mal mehr, mal weniger talentierte Musiker oder Comedians das Mikrofon in die Hand, und sind bemüht in ihren fünf Minuten auf der Bühne das Publikum von ihrem Können zu überzeugen. In den Reihen unmittelbar vor der Bühne herrscht eine geradezu familiäre Atmosphäre, das Publikum dort kennt sich von anderen Abenden wie diesem und respektiert die Situation, hier auf der Bühne zu stehen. Der Lärmpegel in den hinteren Reihen ist um so größer. Dort hat man hat sich bei kaltem Bier an der Bar Wichtiges zu erzählen, das Geschehen auf der Bühne stört fast ein bisschen.

Bis dann schließlich gegen Ende des Abends Nan auf die Bühne geht, ein Keyboard im Schlepptau. Während sie in ihren Liedern mal von Elefanten, mal vom Leben an sich mit all seinen Problemen erzählt, hört der ganze Saal für ein paar Minuten andächtig zu. Und auf dem Weg nach Hause kommt es mir wenig später so vor als würde die Schwervon!-Musik in meinem Kopfhörer New York zu einem etwas besseren Ort machen.

f.eikmeier at freihafen punkt org




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