Von der Waffenfabrik zum Künstlertreff
Der Hamburger Kampnagel zeigt es: Kaum ein Ort versprüht so viel künstlerischen Charme, wie eine einstige Fabrik. Warum sollte das im fernen China anders sein, fragte sich FREIHAFEN und hat die stillgelegte Waffenfabrik „789“ in Peking besucht, die heute als Campus der Künste dient.
Ein Beitrag von Guo Xu
Peking zur Mittagszeit. Smog schließt die Stadt wie eine Käseglocke ein. In der sengenden Sonne glühen die breiten Straßen, die von gläsernen Hochhäusern und grauen Betonbauten gesäumt werden. Ein schier endloser Strom von bunten Autos quält sich durch die verstopften Straßen. Wanderarbeiter hocken auf dem Bürgersteig und betrachten mit müden Augen das bunte Treiben der Millionenstadt.
Früher hätten sie hier Arbeit gefunden. Hier, im Nordosten der chinesischen Hauptstadt, im Viertel Dashanzi. Heute deuten nur noch rostige Heizrohre und die von einer Backsteinmauer eingeschlossenen Lagerhäuser und Fabrikkomplexe auf ein ehemaliges Vorzeigeprojekt der Kommunisten: die Fabrikanlage „798“. Waffen wurden hier gebaut, vierzig Jahre lang, zum Kampf gegen den Kapitalismus. Es hat nicht gereicht. Die freie Marktwirtschaft kam nach Peking, die Fabrik ging pleite.
Heute leben in diesem Viertel Pekinger Künstler, vielleicht sogar die Avantgarde. In den fünfziger Jahren noch Arbeitsstelle und Zuhause tausender Arbeiter, ist „798“ nun zum Künstlertreff mutiert: Lofts und Galerien schmücken das Gelände, in den Bars und Cafés trinkt man Milchkaffee zu französischen Chansons und diskutiert über die bevorstehende Vernissage.
Und so teilen die Wanderarbeiter nun ihren Schatten mit den Straßenverkäufern, die alte Magazine und Obstwaren auf einer schmutzigen Plastikplane ausgebreitet haben. Und es gibt neue Idole: Im Restaurant servieren die Kellner das chinesisches Essen noch direkt unter den Augen einer pinken Statue des kommunistischen Führers Mao, Studenten stöbern in dem Buchladen ein paar Meter weiter aber in den gesammelten Schriften der Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir, draußen an der Fassade hängt ein Bild des Philosophen Jean-Paul Sartre.
Was hat die Künstler in das alte Industrieviertel gezogen? Als nach der Schließung der Waffenfabrik die „Zentrale Akademie der Künste“ einzog, waren es wohl die billige Miete und der ausgefallene Charme der alten Werkhallen. Künstler und Fotografen, Designer, Werbeagenturen und Publizisten kamen. Die weiträumigen Hallen bieten heute auch eine einzigartige Bühne, die große Bands von außerhalb für Konzerte anlockt.
Wang Yiqiong ist erst seit zwei Jahren hier. In seinem kleinen Atelier im 798 stapeln sich Entwürfe und Zeichnungen. “Ein größeres Atelier kann man sich heute kaum noch leisten. Die ganz großen Ateliers und Galerien - die gehören denen, die schon ganz groß rausgekommen sind”. Nicht wenigen Künstlern dient ihr Atelier zudem als Ausstellungs- und Wohnraum - es ist keine Seltenheit, auf einer Entdeckungstour durch das Viertel zufällig in die private Werkstatt oder den Wohnbereich zu stolpern. Anders als die fest verschlossenen Türen in den meisten Gegenden Pekings stehen hier alle Räume der neugierigen Öffentlichkeit zur Verfügung. „798“ zeigt, wie alte Flächen neu belebt werden können. Das Viertel ist ein Organismus, der sich ständig wandelt, neu anpasst. Ein Körper, dessen Einzelteile durch die Ballung der vielen Kunstflächen unablässig im Austausch miteinander stehen.
Dabei ist es verblüffend, mit welcher Freizügigkeit die oftmals subversiven Kunstwerke zur Schau gestellt werden, trotz Zensur: Ein Fotograf zeigt Aktphotografien vom Platz des Himmlischen Friedens: Nackte auf genau dem Platz, der 1989 in aller Welt berühmt wurde, als die chinesische Armee friedliche Studentenproteste mit Panzern und Maschinengewehren niederschlug. Ein Künstler modelliert eine Statue des altehrwürdigen Mao – mit Hängebrüsten. Ein anderer stellt die Terroranschläge vom 11. September als Trickfilm dar.
Innerhalb der backsteinernen Mauern, versteckt zwischen rostigen Maschinen und dampfenden Röhren scheinen die Gedanken sich frei entfalten zu können. Doch wie so oft liegt die Alternative nahe am Trend. Und so lockt die Avantgarde von „798“ nicht nur Freidenker und Künstler an, sondern auch Touristen und Trendscouts. Omega und Sony zum Beispiel feierten im Viertel ihre Releasepartys; die schicken Cafés und Bars sind oft teurer als in Deutschland. Kunst ist chic, Avantgarde in einem aufstrebenden Schwellenland allemal. In den Hallen des „798“ wird die Frage lauter werden, ob Kunstwerke die oftmals scharfen politischen Botschaften erfolgreich übermitteln können. Und ob sie dann noch verstanden werden. Die Wanderarbeiter auf den Bordsteinen werden wohl weiterziehen.
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