Woher kommt die „Schlampe“? – Ahnenforschung der Schimpfwortfamilie
Das Fluchen gehört zum Menschen wie Ché Guevara zu Kuba (auch wenn er es selten zugibt). Woher aber kommen Ausdrücke wie „Scheiße“, „Schlampe“, „Wichser“ und Co.? FREIHAFEN hat Ahnenforschung in den beliebtesten Schimpfwortfamilien betrieben und herausgefunden: Viele der schmutzigen Familien hatten einst einen passablen Ruf.
Ein Beitrag von Tung Nguyen
Schlechten Tag gehabt? Hatte Cheffe einen Wutanfall? Hat deine Freundin mit dir Schluss gemacht? Regen dich die Glatzen auf? Du kannst deine gestaute Wut nicht mehr kontrollieren. All der Frust, all der Ärger, sie müssen raus! „Wichser!“ „Arschloch!“ „Schlampe!“ So, könnte es ewig weitergehen. Man beschimpft sich, reagiert sich ab, nur eines fragt man nie: Woher die so häufig gebrauchten Wörter eigentlich stammen. Da ist z.B. die Großmutter aller Schimpfwörter, die „Scheiße“. Sie hat ihren Ursprung weit zurück, bei den Indiogermanen. Einer ihrer Ur-ur-ur-Großeltern war das Wort „Skeid“. Aus Skeid entstand unter anderem das Wort „scheiden“ und mit der Zeit und den Generationen wurden d und ß ausgetauscht: Großmutter „Scheiße“ war geboren und bedeutet wortwörtlich nichts anderes, als das Ausscheiden von Exkrementen. In Assoziation zu Oma Scheiße steht natürlich auch ihr Liebhaber und Ausscheidungsort - der Arsch. Auch er hat einen indogermanischen Vorfahren, das Wort „Orso“, was übersetzt auch Hinterteil heißt. Der Englische Begriff für diesen Körperteil, „Arse“, lässt sich ebenfalls von dem den Orso ableiten.
Eine etwas unfeinere Familie ist zweifelsohne die der „Fotze“. Ihr Stammbaum reicht nur zurück ins Mittelhochdeutsche. Ihre Mutter ist das Wort Vut, ein anderes Wort für Vagina. Fotze, Vagina, alles das Gleiche? Nicht ganz: Denn im 15. Jahrhundert war die Vagina noch der Hintern, da die verklemmten Menschen des Mittelalters kein eigenes Wort für das weibliche Geschlechtsteil kannten und es so mit Hilfe des Wortes Vagina, „der Hintern“, umschrieben. Die „Fotze“ ist demnach ein wahrer Bastard in der Familie der Schimpfwörter, ein uneheliches Kind, ein Wort dessen Herkunft eigentlich nichts mit seiner späteren Bedeutung gemeinsam hat.
Doch damit ist sie nicht alleine. So berühmt die Schimpfwortfamilien sind, so unziemlich sind auch ihre Stammbäume: Ein anderer Bastard im Bereich Schimpfwörter ist der „Wichser“. „Wichsen“ ist heute ein anderer Ausdruck für Masturbation. Früher aber hatte der „Wichser“ eine ganz andere Bedeutung. Geboren im 18. Jahrhundert als siamesisches Zwillingspaar, war das Wichsen zunächst die Handbewegung, die man beim Einwachsen von Böden oder Schuhen macht. Erst im ersten Weltkrieg machte sich der bis dahin unsichtbare Zwilling bemerkbar: Die Verlierer in der Armee mussten oft den Boden wachsen und bohnern oder den Offizieren die Schuhe wachsen. Der Verlierer der Einheit war somit ein Wichser und peu a peu, trennten sich die siamesischen Zwillinge und der sich als Schimpfwort begreifende „Wichser“, nahm mehr und mehr Einfluss. Ohne seinen bösen Bruder konnte der harmlose „Schuhwichser“ jedoch nicht überleben. Im Laufe der Zeit verschwand er völlig und machte seinem Siam den Weg zum ewigen Weltruhm der Schimpfwörter frei. Last but not least widmet die Ahnenforschung sich dem Titel. Woher kommt die „Schlampe“? Tatsächlich hat dieses Wort keine verzwickte Historie. Es führt lediglich auf das Wort „Schlamp“, was im 16. Jahrhundert eine kleine Schlemmerparty war zurück. Das maßlose „schlemmen“ und „schlürfen“ wurde später einfach zweckentfremdet.
Das Resultat der Ahnenforschung sieht also wie folgt aus: Schimpfwörter stammen eigentlich aus ganz normale Wortfamilien, lediglich ihr schlechter Umgang hat sie zu den anrüchigen, unfeinen Wortfeldern gemacht, die sie heute sind. Und wie die Jugend von heute so ist, reichen ihr nicht einmal die vielen, verdorbenen Leben der einstigen Alltagswörter, nein, sie verführt auch noch weitere Wörter auf die dunkle Seite der Macht. Heute schon den Nachbarn einen „Lauch“ genannt?
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