Reisetagebuch - Jennifer Nausch in Burkina Faso
Unsere Autorin Jennifer Nausch nutzte Ihre Semesterferien für ein Praktikum in unserer Partnerredaktion L ‘Oeil des Jeunes. Im Reisetagebuch auf www.freihafen.org berichtet sie von ihren Erlebnissen.
In unserem kleinen Dossier findest Du außerdem Infos über das Zustandekommen unserer Partnerschaft, Burkina Faso und einiges mehr.
08.04.2007 | Ich bin wieder zurück im Land des Biers, des sparsamen Lächelns und des gemäßigten Klimas. Noch vor meiner Abfahrt war ich beim Deutschstudenten Eric, den die meisten noch von unserer Gruppenreise nach Burkina im August 2006 kennen, in seiner samstäglichen Sendung auf Deutsch im klimatisierten Studio.
“Der deutsche Puls”, so heißt ihre Radioshow, schlug eine Stunde lang und ich wurde kräftig mit Fragen bombardiert. Auch Zongo und Alex waren da und moderierten mit dem wohl süßesten Deutsch - mit burkinischen Akzent. (Und sie hofften, dass sie mir mit ihrer radikalen journalistischen Ader, die “ja schon fast an Diplomatie grenzt” nicht so sehr auf den Keks gegangen sind.) Zongo war schon einmal im Rahmen einer Studienreise in Deutschland und hat gemerkt: Das europäische Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann auch die schönsten Träume platzen lassen. So machte er die Bekanntschaft von Afrikanern, die voller Hoffnung im Gepäck nach Deutschland gereist waren, um sich das Geld für einen besseren Lebensstandard zu verdienen und nun nicht genügend erarbeiten können, um den Flug zurück nach Hause zu bezahlen.
Ich erzählte noch ein wenig von meinen Erlebnissen in Burkina, von den Aufgaben von L’oeil des Jeunes und am Ende wollten sie mich gar nicht mehr gehen lassen, bzw. meine Stimme da behalten. Für Werbezwecke. Gesagt, getan. Nun ertönt wöchentlich meine Stimme auf Ouagas Stadtsender Pulsar, die zu Sidos Agrotönen nach Deutschhungrigen Hörern fragt.
Ich habe zwar das Land der “aufrichtigen Bürger” verlassen, aber Pauline ist noch da. Pauline ist eine französische Studentin und will ein lokales Entwicklungsprojekt in Kooperation mit l’oeil auf die Beine stellen. Bis Juni wollen Salbre und sie noch einen Bus organisieren und finanzielle Unterstützung von den Bürgermeistern arrangieren und die Aufklärung der Jugend vorantreiben. Vielleicht finden wir ja jemanden, der einen gut erhaltenen Bus über hat? Fühlt sich jemand angesprochen?
Mehr dazu gibt es bald auf der Homepage von FREIHAFEN.
Macht’s gut, Jenni
.
21. bis 24.03.2007 | Bevor ich weiterschreibe: Die neue Internetseite von L’oeil des jeunes ist online. Der kanadische Informatikpartner Patrice von der Organisation Oxfam in Quebec ist vor zwei Wochen abgereist und nun glänzt L’oeil ganz neu im web. Klickt doch mal rein unter www.oeildesjeunes.org
Am Mittwoch fahren Salbre und ich nach Bobo-Dioulasso. Gegen 23 Uhr fährt unser Bus - wir sind die ganze Nacht unterwegs. Die Idee, auf diese Weise Hotelkosten für eine Nacht zu sparen, war im Endeffekt nicht sehr schlau. Die Sitzflächen waren beängsigend klein und noch viel mehr Angst hat mir gemacht, dass sich ein ziemlich korpulenter Mann neben mich setzte. Das Malheur begann erst, als er anfing zu schlafen und mit seinen 50 Tonnen an meiner Schulter nieder sackte und damit meinen Bewegungsraum enorm einschränkte. Schlafen unmöglich. Der Bus wurde von vier Sicherheitsmännern, die mit Maschinengewehren ausgerüstet waren, bewacht. Es gibt insbesondere in der Nacht viele Überfälle auf den einsamen Strassen Burkinas. Es seien oftmals verzweifelte arbeitslose aus der Elfenbeinküste Eingewanderte, die Busse anhalten, erzählt Salbre.
Um 5 Uhr morgens kommen wir an. Bobo ist noch ganz ruhig. Und was mir sofort auffällt - das Klima ist anders, angenehmer. Die Luft frischer. Ich merke, wir sind weiter von der Wüste entfernt und näher an der Elfenbeinküste, näher am Mehr.
Warum wir nach Bobo fahren? Zum ersten Mal veranstalten die Vorsitzenden der Universität mit Unterstützung der Regierung Universitäts-Sportspiele an der Universität in Nasso (15 km von Bobo entfernt). Auch Studenten der Unis aus Benin und Mali nehmen teil. Mehr als 1000 akademische Nachwuchssportler waren am Start und Salbre wollte wissen, wie die Reisebedingungen und die Veranstaltungstage so ablaufen, welche Probleme es gibt.
Ein Mangel an Informationen wurde unter andrem beklagt und ein Mangel an Verpflegung. Die Überlegung das Finale zu streichen kam auf. Aber nicht jeder wollte sprechen. Es herrscht doch noch viel Angst vor einem Auftritt in der Öffentlichkeit und möglichen Konsequenzen hierzulande.
Es war im ganzen ein lohnender Aufenthalt. Bobo ist eine schöne Stadt mit viel mehr Grün und viel mehr Stille.
Am Samstag sind wir mittags zurückgekommen. Mit dem Bus. Abends gab es eine kleine Abschiesparty. Später mehr.
Jenni
08.03.2007 | Heute ist Weltfrauentag. Und der wird natürlich erst recht in Burkina zelebriert. Ich bleibe doch einen Tag länger auf dem Dorf, bis Freitag, weil ich diesen besonderen Tag hier auf dem Lande miterleben will.
Zum ersten Mal versammeln sich alle Frauen aus den Dörfern eines Landesteils im Zentrum in Toeze, um vor der Bürgermeisterin und dem Bürgermeister der Gemeinde zu diskutieren und symbolisch für die Emanzipation zu marschieren. Alle tragen die gleichen schwarz-roten Kopftücher und dunkelblauen Hüfttücher. Alle strahlen irgendwie. Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass die burkinische Frau so in der Öffentlichkeit auftritt. Endlich hört ihnen mal jemand zu.
Normalerweise tauschen am 8. März hier Männer und Frauen nur symbolisch für einen Tag ihre Aufgaben, bzw. der Mann versucht zu kochen. Dutzende Kinder haben sich eingefunden und sich schattige Plätze in den Bäumen ergattert, um diese Seltenheit besonders gut zu beobachten. Ich bin gerührt. Ich frage mich auch, in wie weit an diesem Tag effektiv etwas verändert werden kann. Denn Beschneidung, die ja offiziell hierzulande verboten ist, wird nach wie vor oft von einigen Familien versteckt an kleinen Mädchen vorgenommen.
Abends gibt es ein großes Abschiedsessen. Ich geb’ einen aus, um mich bei der Familie für ihre Gastfreundschaft zu bedanken. Es gibt Reis, Kohl und Kartoffeln und massig von ihrem Naturbier Dolo. Sie opfern für das Essen zwei Hühner. Ich hoffe doch noch immer, dass dieses eine Freche dabei war, das immer versucht hat, die Tomaten in unserem Zimmer zu essen. Danach wird gebetet. Die Familie ist katholisch und hält sich an ihre religiösen Riten. Als der eine Bruder von Margot und die Schwägerin vorbeten wollten, haben sich alle vor Lachen die Bäuche gehalten. Es wurde bereits zu viel des guten Gebräus getrunken und die beiden bekamen das Gebet nicht mehr ganz zusammen.
Am Ende habe ich noch ein wenig mit Margots Vater gesprochen, bzw. Margot hat für uns von More-Französisch für uns übersetzt. Er hätte nicht gedacht, dass ich länger als einen Tag bleiben wollen würde und er ist sehr zufrieden, dass ich so viel Spaß bei ihnen hatte und ich jederzeit wiederkommen könne.
Tja, da habe ich als Einzelkind dann am Ende doch noch eine Riesenfamilie und sogar eine afrikanische…
06.03.2007 | Bepackt mit Trinkwassersäckchen und reichlich Toilettenpapier geht es los in Richtung “Nayalgue”, dem Dorf, in dem Margot geboren wurde und in dem auch schon Sebastian am Tag unserer Abreise war.
Wie wir die etwa 50 Kilometer Entfernung bewältigt haben? Margot hat einen netten Nachbarn. Der wiederum hat einen netteren Van mit einer noch netteren Klimaanlage. Ich kenne ihn nur als “le voisin” (der Nachbar). Für mich ist er einfach nur der nette Nachbar. Für jemand anderes ist er jedoch die zweite Hand: Für den Präsidenten Burkina Fasos Blaise Compaoré. Jetzt erklärt sich auch die Frage nach dem Auto. Man lebt hier dicht an dicht. Blaise reist übrigens vom 22. bis zum 25. März nach Deutschland um Angie zu besuchen. Diese Info habe ich natürlich von niemand anderem als von Monsieur le voisin, den wir leider in diesem Zeitraum auch entbehren müssen.
Angekommen, habe ich ein anderes Dorf erlebt, als Sebastian im August. Konträr zu dem, was man auf den Fotos zu dem Artikel über die Baumwollernte in unserer Mannawanna Ouagadougou-Ausgabe sehen kann, ist das Land strohig und trocken. Kein Mais, keine Baumwolle, kein Grün. Dafür aber viele liebe und neugierige Menschen und noch mehr Tiere. Sogar ein behindertes Huhn.
Abends essen wir Reis mit den Zutaten, die Margot und ich auf dem Markt im Dorf eingekauft haben im Mondschein, der von einer kleinen Petroleumlampe unterstützt wird, und lauschen Radiosendungen auf More.
Grüße von Jenni
03.03.2007 | Abends holt mich Margot ab, eine Freundin von Bebe, die ich auch schon vom Austausch im August kenne. Wir wollen weggehen und ich übernachte auch bei ihr. Margot wohnt nicht so weit entfernt. Trotzdem spürt man schon deutliche Unterschiede, was die Wohnqualität betrifft.
Margot wohnt in einem Haus mit zwei Zimmern und ohne Wellblechdach. Sie hat ein richtiges Bett mit Mückennetz und einen Fernseher. Es kommt mir unwahrscheinlich luxuriös vor. Ihr Hof hat ein WG-Flair, da sie nicht mehr bei ihrer Familie sondern mit einigen anderen jungen Frauen zusammen wohnt.
Nach 23 Uhr, als wir alle um den Fernseher versammelt sitzen, hören wir ein Gruppentrommeln. Eine Horde von Kindern zieht durch die Straßen mit Blechbüchsen und Schlägern im Gepäck. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Zum Glück aber die Burkinabé: “Chat Attrappe la lune” (Die Katze reißt den Mond an sich - o.Ä.) nennt sich hier die Mondfinsternis. Wenn es einmal im Jahr eine Mondfinsternis gibt, dann wird hier Krach gemacht und zwar so lange, bis der Mond wieder in ganzer Form scheint und glänzt (bzw. die Katze den Mond in Ruhe lässt).
Mondige Grüße,
Eure Jenni
03.03.2007 | Ich fahre aufs Dorf, das 15 Kilometer von Ouaga entfernt liegt. Habe es mir wie so eine Art Vorort vorgestellt, wie Wedel für Hamburg. Angekommen, fühle ich mich aber dreihundert kilometer entfernt. Ein paar Häuschen mitten im Nichts.
Mangobäume säumen die Landschaft (schade dass sie erst nach meiner Abfahrt im April reifen) und alle sitzen, wo es irgend geht, im Schatten. In der Hitze teilen sich Mensch wie Tier den Sonnenschutz der Bäume: Kinder, Alte Ziegen, Hunde und Hühner vereint. Aber am aller herrlichsten ist diese Stille und der laue Wind. Kein Motorenlärm, kein Gestank. Herrlich. Kein Strom, kein fließend Wasser, kein Klo, kein Licht - nicht so herrlich. Wir sind hier, um eine Verlobung zu zelebrieren.
Die Schwester von Salbres Frau (Katholikin) verlobt sich mit einem Moslem. Das ist hier kein Problem, weil die Tradition, die Verlobung zu feiern, auf dem Dorf dieselbe ist und die religiösen Unterschiede katalysiert. Die Dorfalten planen den Ablauf und dirigieren alles. Die Frauen bereiten das Essen vor. Nachdem sich die ca. vierzig männlichen Freunde und Familienmitglieder auf Bänken im Schatten eingefunden haben, kann die Prüfung beginnen. Den Moslems zuliebe nimmt an derselben keine Frau (außer mir) teil. Wenn die Dorfältesten die Hühner, die der Freund von Salbres Schwester überreicht, annehmen, heißt es, dass sie ihn für die Verlobung akzeptieren. So ist es. Erleichterung und Freude. Danach wird Tabak gekaut und selbst gebrautes Bier aus einer Kalebasse getrunken (Katholiken), bzw. die Moslems trinken Wasser. Die Kluft zwischen der modernen und der traditionellen Kultur kommt hier ganz gut zu Tage. Mehrmals klingelt von Freunden, die der Zeremonie der Dorfältesten beiwohnen, das Handy und sie gehen auch ran. Tja so ist das. Die Konsumgüter machen sich überall breit. Und das ist insbesondere hier in Afrika ein Problem. Aber dazu gibt es bald mehr. Auch mehr zu Sonntag und meiner morgen beginnenden Reise in ein anderes Dorf (bis Donnerstag) gibt es dann ab Freitag.
A bientot, Jenni
01.03.2007 | Warum bin ich in Burkina Faso? Naja, da gibt es viele gute Gründe. Und einer davon ist natürlich, dass ich einfach mal ganz weit weg von Deutschland sein will und von allem, was im Ansatz damit zu tun hat. Dazu gehören natürlich auch die Einwohner. No way.
Heute abend wird getanzt bei l’oeil des jeunes. Mit den deutschen Schülern, die ich am Dienstag schon gesehen habe. Sie sind einfach überall. Die Deutschen. Und man kann ihnen nicht entkommen
. Um 17 Uhr trudelten sie ein und vorher muss natürlich vorbeitet werden. Der Besuch der Gruppe hat mal wieder den klaren Unterschied zwischen der deutschen und der burkinischen Mentlität zur Schau gestellt:
Salbre teilte der Gruppe mit, dass sie sich ihre Getränke leider selbst kaufen müssen, wenn sie im Büro tanzen und auch etwas trinken wollen, da l’oeil des jeunes kein Geld dafür habe. Das taten sie auch und lieferten zwei Kisten, eine mit Bier und eine mit Cola, am Vormittag bei uns ab.
“Und was trinken wir?” Salbre ist entsetzt. “Typisch die deutsche Mentalität. Dort kauft man nur für sich. In Afrika tut man so etwas nicht”, erklärt Salbre. “Wenn jemand einkauft, dann kauft derjenige auch etwas für alle anderen.” Das kenne ich schon. Wenn ich spüre ich habe Lust auf Bananen und ich will mir welche auf dem Markt kaufen, dann kaufe ich nicht zwei, sondern gleich acht Stück, von denen ich dann auch wirklich nur eine esse. Es ist ungewohnt, aber es funktioniert, weil wirklich jeder mit jedem teilt. Ich habe den Eindruck, “Tu es invité” ist der am zweithäufigsten benutzte Satz neben “Ca va?”.
Bon journée, a bientot
jenni
27.02.2007 | Salbre nimmt mich mit zum Festgelände des Kinder-Fespaco. Dort diskutieren 17 deutsche Schüler aus der Nähe von München und ihre drei Lehrer gemeinsam mit Schauspielern und Sängern über Unterschiede zwischen dem deutchen und dem burkinischen Verhältnis von Mann und Frau.
Einer der beiden Sänger der Hip-Hop-Gruppe “Yelen”, der auch in der populären burkinischen Telenovela “Ina” mitspielt, ist anwesend und sagt: “Ich preferiere eine Frau, die ruhig ist, sich nicht beschwert. Und natürlich muss sie treu und artig sein”. Damit repräsentiert er einen großen Teil der burkinischen Realität. Hier herrschen, die bei uns längst überholten Rituale: Die Frau bleibt zu Hause, passt auf die Kinder auf und kocht. Der Mann verdient das Geld. Geheiratet wird hier sehr früh. Eine Frau, die mit 30 Jahren noch keinen Mann gefunden hat, wird nie mehr heiraten, habe ich mir sagen lassen. Auch kenne ich ein Mädchen hier, die 23 Jahre alt ist und bisher noch keinen Freund hatte. “Das ist der Grund, warum ich oft sehr nachdenklich bin”, gesteht sie schüchtern. “Die Leute fangen an, über dich zu reden und fragen sich, was mit dir nicht stimmt.” Verlobte lösen sich hier nur ungerne voneinander, da die Verlobung nicht nur eine Abmachung zwischen zwei Personen, sondern zwischen zwei Familien und damit auch ein Bruch des Familienbündnisses bedeutet. Im Konfliktfall wird meistens der schöne Schein der Freiheit vorgezogen.
Die Fernseserien, die teilweise europäisch oder auch lateinamerikanisch angehaucht sind, thematisieren die Probleme der jungen Burkinabe. Die Realisatrice der Serie “Ina” Valerie sagt: ” Der Einfluss aus Europa ist nicht so groß. Wir spiegeln wirklich das afrikanische Leben wieder und versuchen auch unsere Tadidion mit einzubinden.” Salbres Kommentar über burkinische “Gute Zeiten, Schlechte Zeiten”: “Mein Eindruck ist nicht der, dass ihr die afrikanische Tradition aufrecht erhalten wollt, sondern, vielmehr, dass ihr einem euroäischem Ideal hinterher eilt. Oder warum kleidet ihr euch europäisch und tragt keine afrikanischen Frisuren in der Serie?”
Valerie darauf: “Das ist es ja nunmal. In Wirklichkeit tragen nunmal viele Burkinabe europäische Klamotten und das ganz einfach, weil die afrikanischen Kostüme meistens das zehnfache davon kosten. Wir greifen echte burkinische Themen auf.”
Damit veranschiede ich mich, eure jenni
26.02.2007 | Ich sitze an meiner kleinen Schreibtischimprovisation in der Redaktion. Es ist noch früh am Morgen. Grübelnd starre ich auf das Flimmern des alten Toshiba-Laptops. Ich habe lange nichts mehr auf Französisch geschrieben. Aber es geht ganz gut. Ich komme voran mit meinem Artikel über die Weltwasserkrise und mögliche Lösungen. Doch dann, wie verhext:
Gerade in dem Moment, in dem ich zu schreiben beginne, kommt ein kleiner Junge ins Haus gelaufen. Er trägt ein Fussballtrikot und sieht relativ gepflegt aus. Trotzdem bleibt er vor mir stehen und hält die Hand auf. Ich hatte nichts für ihn, ich wusste nicht, was er wollte. Als Salbrè ihn sah, rief er “dehors” (raus), aber der Kleine wollte nicht hören. Er schüttelte energisch den Kopf und hockte sich hin. Das Erste und auch das Einzige, was er sagte, war: “eau” (Wasser). Tja und nachdem er getrunken hatte, verschwand er auch genau so schnell, wie er gekommen war.
Abends geht es ins Kino “Neerwaya”. Ich cruise auf dem Moto mit Alizeta dort hin. Von aussen sieht es für burkinische Verhältnisse ziemlich pompös aus. Als ich den einzigen Kinosaal des Cinés betrat, musste ich aber doch schmunzeln. Ich kam mir fast vor wie im Audimx an der Uni Hamburg. OP-Beleuchtung und weiße, kalte Wände… Die Kinosessel konnten an der Atmosphäre auch nicht mehr viel drehen. Haben “Tsotsi” (südafrikanischer Film) und “La monde est un ballet” (Burkinische Komödie) gesehen.
Au revoir, Jenni
![]()
![]()
![]()
25.02.2007 | Ich mache einen Ausflug in das reichste Viertel Ouagas. Es nennt sich ganz futuristisch “Ouaga 2000″. Dri, Bebes kleiner Bruder, von mir auch “huitiem” (der Achte) genannt, wohnt dort auf einem Hof bei seinen Eltern, den Tanten und Onkels, einem weiteren Dutzend halbangeheirateter Geschwister und mindestens 50 weiteren Kindern. So kommt es mir vor.
Nun kenne ich die komplette Familie. Nein, den Stammbaum kann ich jetzt natürlch immer noch nicht verfolgen. Im Gegenteil. Egal. Wir gehen spazieren. Dri und ich. Im Sektor D. Es ist ungewöhnlich ruhig in diesem Quartier. Lange, breite Straßen, gesäumt von riesigen Häusern. Ohne Wellblechdächer. Ohne Erdlochklos. Und es ist heiss. Aber wir machen viele Stops bei Bekannten. Die natürlich einen Ventilator haben und Wasser aus der Flasche und Sesamkekse anbieten können. Nachdem wir noch eine Weile Dris Kumpels aus dem Viertel beim Fussballspielen zugesehen haben, geht es wieder zurück in mein Wohnviertel, zu Bebe. Kein anderer als mein personal Taxidriver fährt mich dahin. Auf ihn ist Verlass. Wenn er eine Panne hat, dann ruft er mit Sicherheit an. Naja, wenn er denn Guthaben auf seinem Handy hat.
Abends geht es in die Bardancing Kunde. Bebes grosser Bruder singt und tanzt dort. Er ist handycappé, sitzt im Rollstuhl aber er tanzt wie ein Weltmeister. Das afrikanische Blut? Aber mit Sicherheit. Danach wird die Tanzfläche eröffnet für jedermann und auch ich wage mich aufs Parkett. Habe einen Lieblingssong gefunden und mit ihm auch meinen afrikanischen Rhythmus neu entdeckt.
Später wieder auf dem Hof angelangt, denke ich nach. Auf dem Weg zur Toilette fange ich schon mal an, nur noch durch den Mund zu atmen, damit ich nicht wegen des Geruchs in Ohnmacht falle und hämmere mir wie immer monoton in meinem Kopf ein: “Kakerlaken, ich sehe euch nicht, ihr seid gar nicht da”. Und trotzdem schaffe ich es immer wieder auf dem Örtchen nachzudenken:
Burkina ist unheimlich schön. Aber es ist auch ein Land der Kontraste. Es ist herrlich warm hier, aber auch sehr dürr und karg. Die Menschen hier sind unglaublich fröhlich und zum Großteil auch wahnsinnig schön, aber der Großteil ist von Armut gekennzeichnet. Was bedeutet Armut hier? Das variiert natürlich. Und ja, Bebe ist gesund, hat im Vergleich zu den Bettlern noch genug zu essen. Aber viel mer (was das Materielle betrifft) hat sie auch nicht. Ich wusste nicht genau, wie arm sie ist, aber ich habe es ganz deutlich in Situationen wie diesen gespürt: Als ich meine Nagelschere nicht auf Anhieb fand und mir eine leihen wollte, fragte sie mich verzweifelt, ob ich mir die Nägel nicht abkauen könnte. Und wenn wir weggehen und Bebe noch schnell zum Bistro ihrer Schwägerin geht, um sich dort ein wenig Butter auf die Lippen zu schmieren. Lippgloss der burkinischen Art.
A tout à l’heure, jenni
24.02.2007 | Es ist noch frueh, doch alles ist schon auf den Beinen. Die ganze Famlie wuselt auf dem Hof umher. Wie immer. Ausschlafen wird hier zur “mission impossible”. Man gewöhnt sich dran. Doch etwas ist anders heute. Alle sind so aufgehübscht. Die Frauen haben ihre Lippen bunt bemalt, jedes Mitglied trägt ein festliches Familiengewand, ganz nach Tradition.
Ich erfahre, dass alle im Aufbruch zu einer Hochzeit von der Tochter der Schwester der Mutter sind. Die Informationen kommen doch comme toujours - sehr spontan. Und durch die Familenstrukturen bin ich immer noch nicht ganz durchstiegen. Es sind acht Geschwister, fünf Brueder, drei Schwestern inklusive Bebe, meiner Freundin. Einige der Brüder haben mehrere Frauen und die wiederum haben noch mehr Kinder. Jedenfalls stand eines fest: Die Familie räumt den Hof, einen ganzen Tag lang. Schlag gegen die Wange links, Schlag gegen die Wange rechts. Träume ich? Der Traum wird wahr und ich hab einen Nachmittag lang Ruhe. Als Einzelkind ist das seit langem mal wieder recht angenehm. Doch bevor die Sippe ihr Gut verlässt, müssen noch Fotos gemacht werden.
Die Einladung, mitzukommen, habe ich leider abgeschlagen. Ich habe noch genug Tamtam vor mir. Nämlich die Eröffnung des größten afrikanischen Filmfestes Fesbaco im Stade 4 Aout. Mit Ernest, Salbrè und Assamption an meiner Seite im Schatten der Pressetribüne lässt sich das Spektakel ganz gut verfolgen. Berühmte burkinische Popstars wie die Sängerin Samirama oder die HipHopgruppe Yelen sind da, es wird getanzt, ganz nch Tardition der Mossi und vieler anderer Stämme und am Ende der vierstündigen Zermonie darf ein Feuerwerk natürlich nicht fehlen. Das ganze geht natürlich nicht ohne Pannen über die Bühne, eine der vier grossen Lautsprecheranlagen streikt zwischenzeitlich, was zu leichten Unruhen in dem betroffenen Viertel des Stadions führt.
Bis morgen, eure Jenni
23.02.2007 | Die letzten beiden Tage fegte morgens der Wind über das Land. Aufatmen. Erleichterung. Aber nicht für meine Freundin Bebe. Entrüstet zieht sie sich ihren Pullover an und packt sich wieder ins Bett. “Toll, ich wollte duschen. Aber es ist ja viel zu kalt”. Und auch nicht mehr für mich bis zu dem Moment, …
… in dem ich ein Mofa besteige. Der Sand wirbelt hier quer durch das Land, ein milchiger Schleier liegt in der Luft. Beim Mofafahren ist das besonders unangenehm und kann im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen.
Die Vorbereitungen für das Filmfest “Fesbaco” laufen derweil auf Hochtouren. Man stößt vermehrt auf andere Weiße. Salbrè hat schon das erste Thema für einen Artikel gefunden: Ihn empört, dass eine Zigarettenmarke das Festival sponsort. Ansonsten werde ich heute an der Journalisten-Versammlung des DED teilnehmen und anfangen, meinen ersten französischen Artikel über die Welt-Wasser-Krise zu schreiben.
A pros pros: Meine Lieblingssprichwörter auf Französisch: “Petit à petit, oiseau fait son nid” (Stueck fuer stueck baut der Vogel sein Nest) und “en que de poisson” (Wie ein Fischschwanz - ohne Ziel oder Sinn)
Gruss eure Jenni
22.02.2007 | Tag neun: Es geht mir gut, ja ausgezeichnet. Diese Information bekommt aber erst ihren Biss, wenn man dazu weiss, dass ich hier alles quer durchs Beet esse. Salat, Reis und Nudeln mit öliger Soße, Fleisch, Fisch und auch fettige Kuchen. Bis vor Kurzem harrte ich immer noch des Tages, an dem ich für meine Unbedachtheit mit Magenschmerzen und Übelkeit bestraft werde, doch inzwischen halte ich mich schon fast für unverwundbar.
Heute war der letzte Tag meines Kurzpraktikums an der Ecole maternelle, der Vorschule des Viertels. Ich assistierte drei Tage lang einem mit Salbré befreundeten Lehrer in der grande section, in der Ouagas junge Energiebündel im Alter von fünf bis sechs Jahren Formen, Farben und Zahlen zu unterscheiden lernen. Beim Thema Frucht hatten anfangs doch noch einige ihre Probleme und tränkten die Orange in ihrem Malbuch mit grüner Farbe. Eines aber haben alle sofort klar festgestellt: Die Besucherin ihrer Klasse hat eine andere, eine weisse Hautfarbe. Als dann fingen sie gleich wild und durcheinander an, auf More (war ja klar, dass sie sich eine Sprache aussuchen, die ich nicht verstehen kann - Kinder sind doch manchmal so brutal) zu singen: “Die Weisse sieht aus wie eine Aubergine” und krümmten sich vor Lachen. Nach einer Standpauke des Lehrers haben sie mich aber doch alle respektvoll mit “Tanti” angesprochen. Ob ich mit dem Flugzeug wegfliege, hakte ein Mädchen keck nach - ich musste sie leider enttäuschen: Es war nur Assamption, mein Kollege bei L’oeil des jeunes, der mich mit dem “Moto” abholte.
Ich werde eine kleine Reportage ueber meine Erfahrungen fuer L’oeil des jeunes anfertigen. L’oeil des jeunes hat zur Zeit keine Mittel für den Druck. In Zukunft wird das schülerzeitungsähnliche Heft deshalb mit einem hochprofessionellen Internetauftritt glänzen. Bereits seit März rüstet ein Kanadier von einer verbündeten Organisation Salbré, Moussa und Assamption mit IT-Kenntnissen aus. Mitte März fährt er wieder nach Hause. Kurz bevor auch ich mich hier wieder loslösen werde. Aber bis dahin ist es noch ein Weilchen, also schaut doch ab und zu mal wieder rein und staunt, was es zu berichten gibt.
Au revoir, Jenni
20.02.2007 | Warum haben Afrikaner eigentlch eine so grosse Tanzleidenschaft? Mit jeder Frage, die mir auf dem Herzen liegt, kann ich mich vertrauensvoll an Bebes jüngeren Bruder Dri wenden, er hat für jede Frage eine Antwort parat. Ganz einfach:
Anders als die Deutschen, werden die afrikanischen Babys schon von klein auf auf dem Ruecken getragen und nicht im ruhigen Kinderwagen chauffiert. Auch nach dem Baden trocknet man sein Kind hierzulande nicht ab, nein man schüttelt es kräftig. Daher rührt der Drang zur Bewegung…
Am Samstagabend haben wir das dann überprüft. In der Bar Dancing namens “Palais Royal” war es im Gegensatz zum Hamburger Kiez schon um 22 Uhr voll. Kein Platz mehr auf der Tanzfläche. Also legten Dri und Bebe zwischen Tischen los und haben den ganzen Club mitgerissen. Alle haben zugeschaut und geklatscht. Der DJ, der zum Amüsement durch die Menge mit einem Mikro marschiert, war auch gleich zur Stelle - was für eine Show. Ich selbst habe den burkinischen Rhythmus noch nicht wieder so verinnerlicht und blieb lieber sitzen. Hat nichts genützt. Natürlich ist der DJ auf die Nassara (”Weisse” auf Moré) aufmerksam geworden und musste mich dem Club vorstellen. Nachdem jeder wusste, Jenni l Allemand est là, tauchten lustigerweise zwei Weisse aus der Menge auf. Die beiden deutschen Frauen arbeiten fuer den DED und wollten sich mir vorstellen. Wer hätte es gedacht: Die eine, Melanie, arbeitet seit drei Monaten hier und ist mit unserem vertrauten Deutschstudenten Eric zusammen. Wir unternehmen bald etwas gemeinsam.
Na denn, …bis demnächst, Eure Jenni
19.02.2007 | Muezinrufe aus der Moschee verklumpen morgens um 5 Uhr zusammen mit Mr. Gockels Geschrei zu einem akustischen Klumpen, der sich in meine Träume mischt. Doch alsbald werde ich eh für eine halbe Stunde geweckt.
Ich wälze mich dann ein paar mal auf der Matratze hin und her, die so dünn wie eine zweimal gefaltete Wolldecke ist, und muss auch Bebe, die neben mir schläft, manchmal ein Stück zur Seite rollen, aber dann schlafe ich wieder bis ca. 8 Uhr…
In diesem Land, in dem die Mögichkeiten begrenzt sind, stehen mir innerhalb dieses Rahmens alle Türen offen. Ich hätte in der Redaktion schlafen können, in der ich ein Praktikum mache. Hier gibt es eine europäische Toilette, die zwar keine Brille hat und schmutzig ist, und eine Dusche. Auch hätte ich ein Zimmer in einem Haus mieten können. Doch ich habe mich gegen die Einsamkeit und den Krümel europäischen Standards entschieden, sondern für das echte, afrikanische Leben.
Das einfache Leben hier ist nicht einfach. Will sagen: es ist gewöhnungsbedürftig für mich. Aber ich nehme gerne vieles in Kauf. Ich gehe dort zur Toilette, wo Kakerlaken das Örtchen ihr Revier nennen können. Es riecht fürchterlich bei dem Erdloch und man braucht eine Kerze abends, da es so dunkel ist, aber es geht. Und eine Dusche - das ist, wenn ich mich mit einer Gießkanne in einer Baracke auf dem Hinterhof unter freiem Himmel besprenkel. Auch die Zähne putze ich draussen über einem Sandhaufen… Dafuer gehöhrt mir aber eines:Das Gefühl, tief im warmen und warmherzigen Schoss Afrikas zu ruhen. Voller Geborgenheit. Alle sind freundlich zu mir und wollen nur das Beste. Und wenn mich abends mein “personal taxidriver” nach hause bringt, hat Bebe meistens schon Reis aufgesetzt, den wir zusammen mit den blossen Händen von einer Platte essen. Ich fühle mich hier sofort wie zu Hause.
Ach ja, Taxi fahre ich, da die Burkinabè mich nicht mit dem Mofa alleine fahren lassen. “La circulation est trop dangereaus”, sagen sie. Bin aber bei meinem Praktikum ständig mit einem Kollegen auf dem Mofa unterwegs. Also hat sich der Kauf des Helmes doch gelohnt. Waren gestern auf einer UN-Konferenz zum Bericht über menschliche Entwicklung. Ich soll darüber schreiben, hab aber nur die Hälfte verstanden …am 24.ß2. geht das grosse, internationale Filmfest “Fesbaco” los, wo wir von der Jugendredaktion natürlich auch alle dabei sind. Ich könnte noch viel mehr schreiben, hab aber nicht mehr so viel Zeit und das Internet ist sehr langsam, melde mich also bald mit einem Zwischenbericht wieder.
Ihr Lieben, macht es gut, Eure Jenni



