Können wir mit dir nach Hause kommen?
Ob in der U-Bahn, einem Schanzencafé oder in der Mönckebergstraße –täglich teilen wir Hamburg mit Tausenden von Unbekannten. Wie deren Leben verläuft, wo sie wohnen und womit sie ihren Kühlschrank füllen? FREIHAFEN findet es heraus.
Ein Beitrag von Annina Loets
Frauen, die mit ihren Katzen sprechen, lösen bei mir Unwohlsein aus. Sie tragen diesen Mief aus Ohrensessel, Gemüse-Bratlingen und Wollmäusen mit sich herum. Zum Glück ist Tanja anders. Zwar redet sie tatsächlich mit „Tassmo“ und „Kathrynka“. Zwar findet sie Kinder „phantasievoll“ und guckt jeden Sonntag den Tatort. Eine schreckschraubige Katzentante ist sie deshalb aber nicht. Im Gegenteil. Der Küchenstuhl ist ihr lieber als ein Ohrensessel und anstatt zu stricken, arbeitet sie gerade an einer Bewerbungsmappe für die Kunsthochschule. Ihr Staatsexamen in Deutsch und Sozialwissenschaften auf Lehramt hat sie zwar bereits hinter sich. Ob sie allerdings zuerst noch auf eine Kunsthochschule gehen, oder aber direkt ihr Referendariat machen soll, da ist sie sich noch nicht sicher.
Das alles erzählt sie uns auf dem Weg vom Supermarkt zu ihrer Wohnung: Quer durch Altona, Spritzenplatz, Bahrenfelderstraße, Eulenstraße. Bestuckter Altbau hier, Türkischer Gemüsehändler dort – Altona wirkt gleichzeitig überschaubar und urban. Schließlich eine Treppenodyssee aufwärts und wir sind da: 2 Zimmer, 50 qm, 600 Euro warm. Katzenspielzeug liegt auf dem dunklen Dielenboden. Pflanzen umranken die Fenster. An der Wand im Flur prangt eine kleine Fotogalerie. In der Küche abgewaschenes Geschirr: Nicht umwerfend, aber gemütlich; nicht penibel, aber sauber. Seit einem Jahr wohnt die 30-jährige mit ihrem Freund in dieser Wohnung und „erst mal kann das auch so bleiben“.
Am Ende des kurzen Ganges liegt die Küche, ihr gegenüber die beiden Zimmer. Tanjas Freund bewohnt das linke, sie das rechte. Den Unterschied bemerkt man sofort. Links stellen ein einsames Foto über dem Schreibtisch, und ein blauer Kinosessel in der Ecke das einzige Lebenszeichen dar. In Tanjas Zimmer sind die Wände mit zahlreichen Fotos und Bildern dekoriert, es gibt einen Läufer. Unsere Führung endet in der Küche, Tanja setzt sich auf ihren Lieblingsplatz, den Küchenstuhl direkt an der Heizung.
Wie ihr die Heimatstadt gefalle? „Gut. Nur die Arroganz der Leute ist oft schwer zu ertragen.“ Viele seien steif und arrogant, „durchgestylt und schanzenschick.“ Das merke sie auch bei ihrer Arbeit an einer Grundschule in Eppendorf: „Ein Mädchen bei mir in der Klasse kommt jeden Morgen mit maßgeschneiderten Designer-Klamotten an. Und die ist sieben oder so.“
Später dürfen wir noch einen Blick in den Kühlschrank werfen. Uns springen die Ü-Eier ins Auge, die sie wie selbstverständlich im Eierfach in der Schranktür untergebracht hat. Naschkatze im Endstadium. Und Frustesser?. „Ich neige schon zur Melancholie“, beginnt Tanja. „Aber dann gehe ich eher joggen oder schwimmen.“ Ansonsten frönt sie gerne der Sonntagsrituale: Törtchenessen beim Portugiesen oder Elbspaziergänge.
Ob sie einen Traum habe? Ein großes Ziel für die Zukunft? Am Liebsten würde sie ein Kunstatelier für Kinder aufbauen. „Kinder sind so spontan und phantasievoll.“ Niemals will sie als eine völlig verbitterte 50-Jährige enden, die nur an Job und Einkommen denkt. „Klar, die Arbeit hat einen gewissen Stellenwert, aber mein Leben soll bunter sein.“, sagt sie.
Mit diesem Schlusswort im Ohr, verabschieden wir uns. Draußen ist es kalt und schmuddelig, grauer Matsch taucht die Stadt in Tristesse. Bei dem Gedanken an „Tassmo“ und „Kathrynka“ müssen wir dann doch schmunzeln. Es lohnt sich eben immer wieder, fremde Menschen zu Hause zu besuchen.



