Schuss Treffer König
Ohne Puschelhut, Flinte und ohne schwere Orden – was bleibt da eigentlich noch übrig von einem Schützenkönig? FREIHAFEN traf Schützenkönig Thomas Schnell in zivil. Ein Portrait.
Ein Beitrag von Annina Loets | Fotos: Jonas Fischer
Thomas Schnell ist genauso groß wie alle anderen. Er trägt dunkle Jeans und einen schwarzen Pullover. Dazu Semiwanderlatschen mit einer Spur von DrMartens Design. Er hat blaue Augen und eine Frisur am Scheideweg zwischen rasiert und modisch kurz. Er ist nicht dünn und auch nicht dick. Nicht uninteressant aber auch nicht auffällig. Seit einem Montag im August 2006 ist Thomas Schnell Schützenkönig von Steinkirchen, einem 1800-Seelen Dorf im Alten Land. Mit Können habe das allerdings wenig zu tun, sagt der 33-jährige Junggeselle. „Schützenkönig wird man durch einen Glücksschuss. Das ist aufm Schützenfest. Die Königsscheibe ist für zwei Stunden geöffnet. Da kommen die Leute in einer Bierlaune hin, haun da ihre Schüsse rauf und der beste Schuss wird eben Schützenkönig.“
Wer schießen will, muss allerdings wissen worauf er sich einlässt. Schließlich hat ein König Verantwortung. „Für ein Jahr ist man der Repräsentator für den Verein“, sagt Thomas. „Man präsentiert den Verein überall.“
Sechs Schützengilden gibt es im Alten Land. Hält ein Verein sein Schützenfest, werden die Könige der umliegenden Dörfer von dem abdankenden Schützenkönig eingeladen. So ergeben sich häufige Besuche. Viel organisatorischer Aufwand. Thomas muss nämlich auch die Schützenkönigin und den Jungschützenkönig „zusammentrommeln“ und fragen, ob sie mitfahren wollen. Für andere Hobbies bleibt dem Veranstaltungstechniker vom NDR daher wenig Zeit. Im örtlichen Spielmannzug trommelt er, aber zum Squash- und Badmintonspielen kommt er nur noch selten. Trotzdem gefällt ihm das Leben auf dem Dorf. Die Menschen seien lockerer. „Die können auch mal Fünfe gerade sein lassen.“ Mit dem Schießen hat Thomas einfach irgendwann angefangen. „’86 bin ich glaub ich eingetreten. Und dann geht man da immer hin und übt Schießen, weil einem das Spaß macht. Und wenn das einem Spaß macht, dann macht man das und schießt.“ Allerdings dürfe man das Sportschießen nicht mit der Jagd verwechseln. „Jäger bin ich nicht!“, stellt er klar.
Ein Schützenkönig muss aufgeschlossen sein. „Immer allein in der Ecke stehen sollte er nicht.“, erklärt Thomas. „Das wäre ja öde.“ Trinkfest? „Es wird viel Bier getrunken, und auch mal Korn.“, meint er. „Aber man kann ja immer auch Wasser trinken. Zwingen tut einen da niemand.“ Schützenvereine würden zwar oft als Saufvereine abgestempelt, aber das sei eher bei den Jungschützenkönigen so. Thomas hat zwei Gewehre.
Ein Luftgewehr und ein KK – Klein Kaliber. Die stehen im Keller in einem Sicherheitsschrank. Gegen Aggressionen rumgeballert hat er noch nicht. „Das macht niemand im Schützenverein“, behauptet er. Wenn Thomas nicht trommelt oder schießt, dann hört er gerne Musik. Keine Marschmusik wie im Spielmannszug, „Das kann man sich auch nicht jeden Tag anhören.“, meint er. „Ich bin eigentlich eher in die Poprichtung, ruhige Poprichtung. Phil Collins und solche Scherze.“
Schützenkönig ist man in Steinkirchen eigentlich nur einmal in seinem Leben. Nach seiner Amtszeit wird Thomas für 15 Jahre gesperrt. Danach will er nicht noch einmal antreten. Beim nächsten Schützenfest kommen ihn seine Kollegen vom NDR besuchen, um sich ein Bild vom Dorfleben zu machen. Schützenkönig können sie aber nicht werden. Selbst wenn sie am selben Tag in den Schützenverein einträten, auf die Königsscheibe dürften sie nicht schießen. Ein König hat schließlich Verantwortung.



