Von der Straße zurück ins Leben


„Hinz&Kunzt“-Verkäufer gehören zu Hamburg wie Schietwetter und Labskaus. Romantisch zu verklären sind sie deshalb aber nicht: Ihr Alltag ist hart, die Hoffnung sich wieder hoch zu kämpfen gering. Kleine Könige, findet FREIHAFEN-Autor Claudius Schulze.

Ein Beitrag von Claudius Schulze

Jahrelang, bei jedem Wetter stand er da, vor Minimal – der jetzt REWE heißt. Er, das ist Harti, mein „Hinz&Kunzt“-Verkäufer. Seine Geschichte ist wie die vieler anderer Obdachloser: Er verliert seine Arbeit, wenig später trennt sich seine Frau von ihm. „Als sie mich vor die Tür setzte bin ich bei Freunden untergekommen“, erzählt er. Doch lange ist das nicht möglich. Er muss raus, hat kein Geld für eine Wohnung. Schon bald findet er sich auf der Straße wieder, wohnt auf der „Platte“.

Ganz unten, das kennen sie alle, die „Hinz&Kunzt“-Verkäufer. Haben Freunde verloren, Krankheiten überwunden, Einsamkeit erfahren. Das Leben auf der Straße ist hart, doch aufgeben wollen sie nicht, wollen sich wieder hoch kämpfen. Arbeit, Wohnung, Familie – zumindest ein klein bisschen bürgerlicher Frieden. „Hinz&Kunzt“-Verkäufer sein, das heißt auch noch die Kraft zu haben, sich auch an den letzten, an den dünnsten Strohhalm zu klammern. Etwa zwei Drittel der Obdachlosen gelten als alkohol- und drogenabhängig. „Hinz&Kunzt“ ist oft der letzte Ausweg, der letzte Pfad zurück von der Straße in ein halbwegs geordnetes Leben. Doch Energie ist nötig: Die Obdachlosen bekommen kein Almosen. Für den kargen Lohn müssen sie Arbeiten. Das Prinzip: für 75 Cent kaufen die Zeitungsjungen jedes Exemplar, für 1,60 Euro verkaufen sie die Zeitung an Passanten weiter.

Doch nicht nur um Geld geht es bei dem Straßenzeitungsprojekt. Es ermöglicht den Verkäufern mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die anders sind, als sie selbst. Anders, weil sie in einer „gesicherten Existenz“ leben. „Es wundert mich, wie viele Menschen auf mich zukommen und Sachen sagen wie: „Du bist jung, du schaffst es dein Leben in den Griff zu bekommen.“ Das sind schon schöne Sätze, die Mut machen“, schildert etwa Verkäuferin Yvonne, gerade einmal 19 Jahre alt.

„Hinz&Kunzt“-Verkäufer sind Helden das Alltags. Menschen, die sich nicht aufgeben, die sich wieder Stück für Stück nach oben kämpfen wollen. Harti hat es geschafft. Er hat eine Wohnung hier in der Nachbarschaft gefunden, auch einen Job. „Meine Wohnung ist nicht groß, aber es ist eine eigene Wohnung. Was will ich mehr?“ fragt er. „Hinz&Kunzt“ verkauft er heute nicht mehr. Doch ohne den Zuspruch, den er als Verkäufer bekam, und ohne das Geld, das er verdiente, hätte er es nicht von der Platte weggeschafft.




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