Chinas kleine Kaiser
Ob Spielzeug, Essen oder Aufmerksamkeit — Chinas heranwachsende Generation musste nicht teilen. Denn was in Deutschland die Rentenversicherung bedroht, ist in China seit den 80er Jahren Gesetz: Das Einzelkind.
Ein Beitrag von Guo Xu
In schwarzen Schriftzeichen prangte die Botschaft auf unzähligen Propaganda-Plakaten der 50er Jahre: „Geburtenkontrolle für die Revolution”, „Heirate spät für die Revolution” oder “Geburtenkontrolle ist gut”. Weil China nach dem Zweiten Weltkrieg eine regelrechte Bevölkerungsexplosion erlebte, fürchtete die kommunistische Zentralregierung die rasante Verjüngung der Gesellschaft. Durch Propagandakampagnen versuchte sie die Bevölkerung auf Geburtenkontrolle einzustimmen. Was in Deutschland durch den demographischen Wandel unvorstellbar geworden ist, wurde in China Anfang der 80er Jahre sogar Gesetz: Die Ein-Kind-Politik. Ihr entsprang eine Generation von Einzelkindern, die sich vor gewaltigen Herausforderungen sieht.
Weil viele Paare nur ein Kind bekommen durften, rückte das Einzelkind in den Mittelpunkt der gesamten Familie. Vater, Mutter, Oma, Opa – sie alle widmen sich heute dem Wohl des Kindes in der Hoffnung, dass aus ihm etwas werden möge. Oft artet die familiäre Sorge in regelrechter Anbetung des Sprösslings aus: Gerade die Einzelkinder der Städter werden mit Essen verwöhnt, Spielzeugen verhätschelt und oft wie kleine Kaiser behandelt.
Doch auf jedem kleinen Kaiser lastet eine ungeheurer Druck. Verlässt das Kind erst einmal den häuslichen Palast, so ist es als einziger Nachkomme enormen Erwartungen ausgesetzt. Bereits im Kindergarten stellen die Familien daher oft die ersten Weichen für die zukünftige Karriere. In der Grundschule beginnt dann der harte Konkurrenzkampf um Leistungen, der am Gymnasium mit den Abschlussprüfungen seinen Höhepunkt erreicht. In der 1. Klasse wird von Morgens bis Abends gelernt, denn die Schulen sieben gnadenlos aus. Und am Ende der Schullaufbahn entscheiden die landesweiten Abschlussprüfungen, wer die Eliteuniversitäten in Peking oder Shanghai besuchen darf und wer nicht. Nicht umsonst werden die Prüfungstage im Juni die „zwei schwarzen Tage“ genannt. Oft gibt es Wochen zuvor schon einen durchdachten Ernährungsplan — denn nichts soll dem Zufall überlassen werden. Die Eltern eskortieren die rund sieben Millionen kleinen Kaiser zur Schule, Taxifahrer befördern sie häufig zum Nulltarif. Vor den Gymnasien darf nicht gehupt werden. Oft werden ganze Straßenabschnitte während der Prüfungszeit gesperrt. Baustellen in Schulnähe müssen ihre Arbeit einstellen, Polizisten stellen sicher, dass die Schüler ungestört ihre Prüfungen ablegen können.
In einer Gesellschaft, in der der Einzelne im Meer der Masse untergeht, kann er nur durch Leistungen aus der Menge herausstechen, so wächst der Druck. Ein Problem, das verstärkt wird durch die Tatsache, dass auf sieben Millionen Prüflinge nur halb so viele Studienplätze kommen. Über den Numerus Clausus hierzulande können die meisten Chinesen deshalb nur müde lächeln, denn die Prozentzahlen für deren Eliteuniversitäten sinken in den Promillebereich. In den “schwarzen Tagen” kommt es daher sogar zu Selbstmordfällen.
Doch nicht nur der Karrieredruck lastet auf den kleinen Kaisern: Demographen erwähnen oft das “Missing Women” Phänomen. Seit den 90er Jahren verändert sich das Geschlechterverhältnis in der chinesischen Gesellschaft. So kamen 2006 auf 1.13 Männer bloß eine Frau. Nicht jeder Kaiser wird also seinen Gegenpart finden. Auch zeigt sich ein westlicher Trend: Durch die stetige Halbierung der Generationen und die zunehmende Verbesserung des Gesundheitssystems verändert sich die typische Bevölkerungspyramide in einen „Dönerspieß“. Die immer älter werdenden kleinen Kaiser werden daher langfristig, wie andere Industrie-Nationen, mit der Renten- und Gesundheitsversorgung zu kämpfen haben.
Heute gilt die Ein-Kind-Politik mit vielen Ausnahmen, die für Außenstehende oft undurchschaubar und absurd erscheinen. So gilt seit den 90er Jahren, dass man in den Städten nur ein Kind haben darf und auf dem Land zwei, insbesondere, wenn das erste ein Mädchen war. Ferner darf man ein zweites Kind haben, wenn „(1) ein Elternteil allein die Familienlinie seit zwei Generationen fortfüht (2) der Ehemann der einzige von mehreren Brüdern ist, der die Fähigkeit besitzt sich fortzupflanzen (3) die Frau ein Einzelkind ist und der Mann bei ihrer Familie wohnt (4) beide Partner Einzelkinder sind (5) einer der Ehemänner ein versehrter Veteran ist (6) die Ehefrau mit einem zurückgekehrten Auslandschinesen verheiratet ist oder (7) es sich um einen Haushalt in einem Berg- oder Fischereibetrieb mit wirtschaftlich erschwerten Bedingungen handelt.“ Angesichts solch bürokratischen Auswüchse bleibt die Frage, welche Rolle der Nachwuchs in der modernen Welt der Zahlen und Wahrscheinlichkeiten einnehmen soll.
In Deutschland läuft die Kampagne jedenfalls andersherum. Adenauers „Kinder kriegen die Leute immer“ musste dem parteiübergreifenden Schlachtruf „Deutschland braucht mehr Kinder“ weichen. Vielleicht sorgt aber auch in China der demographische Dönerspieß dafür, dass bald auch die kleinen Kaiser wieder Geschwister kriegen dürfen.



