Napoleon-Syndrom
Napoleon, Hitler, Kim Jong Il – diese Diktatoren verbindet nicht allein ihre Skrupellosigkeit. Jeder von ihnen misst weniger als 1,70m. Liegt der Schlüssel der diktatorischen Grausamkeit in den fehlenden Zentimetern?
Ein Beitrag von Annina Loets
Manchmal kann ich Napoleon verstehen: Es ist einer dieser verdreckten Freitagnachmittage. Mit einem Sixpack unterm Arm steh ich an der Supermarktkasse. Mir gegenüber hockt eine fette, gelbzahnige Raucherlunge. In ihren Mundwinkeln hat sich zähflüssiger Speichel angesammelt. Begriffsstutzig glotzt sie mich an. Als ich mein Bier auf das Band stelle, nuschelt sie kaltschnäuzig: „Kann ich mal deinen Ausweis sehen?“ – „Kann ich bitte nicht deine gelben Zähne sehen?“, will ich schon zurückfeuern. Stattdessen denke ich an das Bier und klatsche säuerlich meinen Ausweis aufs Band. Es ist an solchen Freitagnachmittagen, an denen ich verstehe, warum Kleinsein böse macht. „Wäre ich nicht 1,62m klein, sondern sonnige 1,80, dann würde sie mich nicht für 15 halten“, schießt es mir durch den Kopf. Leider bin ich aber nun einmal unabänderlich klein. „Aber wenn ich Macht hätte…“, grollt eine düstere Stimme aus tieferen Gefilden meiner Seele. „Wenn ich mächtiger als alle anderen wäre, dann dürften sie nicht…“
So oder ähnlich dürfte Napoleon gedacht haben, als er, wie ein Gemälde es zeigt, von den Parisern ausgelacht wurde. Oder Adolf Hitler, als ihn das Publikum bei seinem ersten Putschversuch in München nicht so recht ernst nehmen wollte. Oder Kim Jong Il, der mit seinen 1,60m deutlich kleiner als sein Vater-Diktator Kim Il Sung ist. Zu allem Überfluss beanspruchte sein Vater auch noch den Ehrentitel „der große Führer“. Kim Jong Il hingegen nennt sich der „liebe Führer“. Erniedrigt, lächerlich, klein und entschlossen, es allen zu zeigen — so könnte der ganze Ärger mit den Tyrannen begonnen haben. Einer nach dem anderen wurden sie zu kaltblütigen Diktatoren. Niemand durfte mehr ihre Körpergröße belächeln. Und hätte jemand Napoleon nach seinem Ausweis gefragt, wenn er nach Wein verlangte, es wäre ihm schlecht ergangen. So verwundert es auch nicht, dass Angaben zu der Größe von Diktatoren kritische Details sind: Napoleons Körpergröße schwankt je nach Quelle um ganze 20 Zentimeter (zwischen 149 und 169 Zentimetern). Hitler habe sogar seinen Leibarzt umbringen lassen, um zu vertuschen, dass er nur 1,69m maß. So munkeln zumindest ein paar Geschichts-Nerds eines online-Forums. Danach sei er plötzlich 1,72m groß gewesen.
Natürlich ist das ganze höchst unwissenschaftlich. Schließlich gibt es auch andere Merkwürdigkeiten, die Diktatoren teilen. So hatten Hitler und Napoleon beide nur ein Ei. Auch ein Grund, die Welt beherrschen zu wollen? Wohl kaum. Und dann natürlich die fiese Kindheit: Sowohl Stalin, als auch Mussolini und Hitler litten an ihren autoritären Vätern. Und Kim Jong Il wurde von seiner fiesen Stiefmutter gepeinigt, die, wie in Grimms Märchen, ihre eigenen Sprösslinge auf dem Balkon der Macht in Pjöngjang sehen wollte.
Festgesetzt hat sich die Idee der kleinen Dominanz dennoch: Auch heute wird häufig der Begriff „Napoleon-Syndrom“ gebraucht, um kleine bissige Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen zu beschreiben. Was das jetzt alles mit der REWE-Kröte und meinem Ausweis zu tun hat? Hoffentlich nichts. Zwar merke ich hier und dort einen napoleonischen Jähzorn, mörderische Tendenzen blieben bis jetzt allerdings aus. Andererseits habe ich auch keine fehlenden Eier, keine böse Stiefmutter oder einen Prügelvater. Wohl braucht es zum Diktator mehr Handicaps als kurze Beine. Zur Sicherheit werde ich mir allerdings ein TShirt drucken. Aufschrift: Respekt! Oder ich werde Diktatorin. Natürlich ist das Blödsinn. Kokolores. Und im Zweifelsfall hilft ja noch der Gedanke an ein Bier gegen Machtphantasien.




Am 12. April 2007 um 11:01
Haha,lustig.
Kenn ich sowas.
Bin auch knappe 1,60m…
Irgendwie muss man das Ganze ja kompensieren
Grüße aus Oberhausen!