Wem die Stunde schlägt


patientenflur.jpgImmer lauter werden die Stimmen, die aktive Sterbehilfe salonfähig machen wollen. In Hospizen versucht man unterdessen durch Pflege das Sterben zu erleichtern. Ein Beispiel: Das Hamburger Hospiz Leuchtfeuer.

Ein Beitrag von Anne Kühnel | Fotos: Tilman Höffken

Heute sind die Jalousien von Danielas Zimmer heruntergezogen. Dennoch findet die Sonne ein paar Nischen und wärmt den Raum. Daniela sitzt mit ihrem Mann Bernd an einem Tisch, der zwischen ihrem Bett und der großen Fensterfront steht. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt. Während eines Ausflugs hat sich ihr Morphiumpflaster gelöst. „Diese Schmerzen wünsche ich nicht einmal meinen ärgsten Feinden.“ sagt sie. Seit einem Jahr wohnt Daniela im Hamburger Hospiz Leuchtfeuer. Sie ist Mitte dreißig und unheilbar krank. Krebs. Lange Strecken laufen kann sie nicht mehr, dafür sind die Schmerzen zu groß. Bernd hat sie im Hospiz geheiratet. Er besucht sie jeden Tag. Die erste Chemotherapie hat nicht angeschlagen. Gerade hat sie eine weitere angefangen. Die Ärzte geben ihr wenig Hoffnung. Doch die Hoffnung ist das Einzige, an das sie sich noch klammern kann. „Solange es noch ein Fünkchen Hoffnung gibt werde ich alles tun, damit ich weiterleben darf.“, sagt sie. Für das Hospiz Leuchtfeuer hat sich Daniela bewusst entschieden – wegen der Nähe zum Leben. Überall im Haus stehen Blumen auf den Tischen. Die Wände sind in einem freundlichem Gelbton gehalten. Es gibt einen Wintergarten und ein Wohnzimmer mit Fernseher. In einem Entspannungsraum steht eine Badewanne. „Da könnten sich die Bewohner mit einem Glas Sekt und einer Zigarette reinfallen lassen“, erzählt Schwester Iris. Vor der Einrichtung liegt eine Wiese mit Bäumen. Die Schwestern gehen hier oft mit den Bewohnern spazieren. Bei schönem Wetter sitzen sie häufig auf einer der Bänke und unterhalten sich. „Nur weil man bald sterben muss, ist man noch lange nicht tot!“, sagt Daniela. Sie ist eine der wenigen Bewohner im Hospiz, die auch noch Ausflüge ins Kino, in die Sauna oder in eine Bar unternehmen. Schwester Iris holt unterdessen neues Morphium. Die dunkelblonde Krankenpflegerin lächelt freundlich. Sie ist eine von 12 Krankenschwestern, die sich um die todkranken Bewohner kümmern. „Am wichtigsten für mich ist es, dass ich etwas von meiner Lebensfreude an die Bewohner weitergeben kann.“, erzählt sie. Bereits seit zwei Jahren arbeitet die 28-jährige hier. „Ich fand das Sterben schon immer spannend. Bevor ich hier angefangen habe, arbeitete ich auf der Intensivstation. Irgendwann stellte sich dann für mich die Frage: Will ich eigentlich pflegen oder will ich retten? Das Pflegen gibt eine herkömmliche Klinik nicht her und ich überlegte mir, wo man denn überhaupt noch pflegen kann. So kam der Wunsch in einem Hospiz arbeiten zu wollen und Leuchtfeuer war dabei ein Volltreffer.“ sagt Iris. „Meiner Meinung nach ist Leuchtfeuer das innovativste Haus. Es ist hier mitten am Puls der Zeit. Direkt neben uns gibt es einen SM-Verlag und daneben wiederum einen Kindergarten. Das Haus liegt nur wenige Meter vom Kiez entfernt. Ich finde, das passt ganz gut zum Sterben.“, fügt sie hinzu.

Leuchtfeuer gibt es seit 1998. Jährlich werden hier ungefähr 100 sterbenskranke, überwiegend an Krebs leidende, Menschen betreut. Geheilt wird hier niemand mehr. Es werden lediglich Schmerzen gelindert. Es gibt auch keine Ärzte in dieser Einrichtung, es sei denn einer der Bewohner wünscht eine parallele Behandlung von einem Arzt. Aufgabe der Schwestern ist es, den Todkranken die Möglichkeit zu geben, sich in Würde von Ihrem Leben verabschieden zu können. Neben dem festangestellten Pflegepersonal gibt es ein weit verzweigtes Freiwilligennetz. Die meisten Freiwilligen sind Angehörige ehemals Verstorbener, die diese Einrichtung auch weiterhin unterstützen wollen. Sie sitzen an der Information, organisieren Mahlzeiten und essen mit den Bewohnern.

Im hellen Eingangsbereich des Gebäudes steht eine große weiße Kerze. Daneben liegen eine Wachskarte und ein Buch. Wenn jemand gestorben ist, wird die Kerze angezündet. Sie brennt ungefähr24 Stunden. Der Name des Verstorbenen wird in die Wachskarte eingraviert, damit die anderen Bewohner wissen, um wen sie trauern. In das Buch wird der Name und das Sterbedatum eingetragen. Jeder der etwas dazuschreiben möchte, hat dazu die Möglichkeit. Nachdem die Kerze erloschen ist, wird der Name in der Wachskarte wieder eingeschmolzen. Symbolisch sind so alle Bewohner nach dem Tod wieder beisammen.

Später sitzt Daniela mit Bernd auf einer der Bänke im Garten. Es ist noch warm. Ein leichter Wind wiegt die Blätter. Daniela geht es wieder besser. Das Morphium beginnt zu wirken.




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