Eigentlich haben wir Ernsteres zu tun…


Manche Spiele gelten als gut. Ballspiele, zum Beispiel. Andere Spiele gelten als schlecht. Ballerspiele, zum Beispiel. Dabei sind alle Spiele doch vor allem eins: überflüssig. Oder wie ist das?

Ein Beitrag von Oskar Piegsa | o.piegsa at freihafen.org

Die Welt geht vor die Hunde. Bürgerkrieg im Irak, Völkermord in Darfur, globale Klimakatastrophe. Immer mehr Aids, immer mehr Schulden, immer mehr Kinderpornographie. Angesichts all der Probleme auf der Welt ist es zynisch, dass wir diese Ausgabe unseres Heftes ausgerechnet über etwas so banales und überflüssiges wie „Spielen“ machen. Könnte man sagen. Aber:

Erstens: Menschen spielen

Kurze Geschichte: Letzten Sommer verbrachte die FREIHAFEN-Redaktion einige Zeit im westafrikanischen Burkina Faso (siehe Heft Nr. 8/2006). Die Vereinten Nationen halten Burkina Faso für eines der am schlechtest entwickelten Länder der Welt. Die meisten Bewohner können nicht lesen und schreiben. Staatspräsident Blaise Compaoré baut sich „Ouaga 2000“, ein Luxusviertel mit Mietpreisen auf HafenCity-Niveau, während sein Volk in den Abgasen schrottreifer PKW auf ungeteerten Straßen sitzt und Maiskolben röstet. Und die Ermordung des regierungskritischen Journalisten Norbert Zongo jährt sich übernächsten November zum zehnten Mal – ohne, dass sich die Gerichte des Landes erkennbare Mühe gegeben haben, den Fall aufzuklären. Eigentlich haben die Burkinabè ernstere Probleme, als Freistöße und Fallrückzieher zu üben.

Trotzdem: noch in dem abgelegensten Dorf unserer Reise gab es einen Fußballplatz. Staubig und improvisiert – aber unübersehbar vorhanden. Offensichtlich ist das so: Menschen spielen. Fast immer und überall, unabhängig davon, was sonst los ist.

Zweitens: Was sind Spiele?

Kurz vor dem zweiten Weltkrieg veröffentlichte der Kulturhistoriker Johan Huizinga ein Buch namens „Homo Ludens“ – der Titel ist lateinisch für „der spielende Mensch“. In diesem Buch versucht er zu definieren, was ein „Spiel“ eigentlich ist. Wer spielt, schreibt Huizinga, der weiß, dass Spielen etwas Anderes ist, als das „gewöhnliche Leben“. Spiele sind Selbstzweck. Und: Sie werden in der Regel „begleitet von einem Gefühl der Spannung und Freude“. Was Huizinga da schreibt, das weiß fast jedes Kind: Wenn wir spielen, dann bewegen wir uns in einer Fantasiewelt. Wir tun das, weil es Spaß macht – das ist der einzige Grund.

Alle Kultur entsteht aus Spielen, glaubt Huizinga. Längst nicht alles, was als Spiel anfing, ist auch heute noch eines. Der professionelle Fußball in der deutschen Bundesliga ist demnach, anders als das Hobby-Gebolze in Burkina Faso oder dem Hamburger Stadtpark, kein Spiel mehr. Er ist längst mehr als Selbstzweck.

Drittens: Gute Spiele / schlechte Spiele Professionelle Fußballspieler bestreiten durch den Sport ihren Lebensunterhalt, er ist ihr Beruf. Einige verdienen damit Millionen. Gastwirten bescherte der Fußball im letzten Sommer einen Umsatzhoch. Und Politiker freuen sich über den nationalen Imagegewinn durch die WM. In Deutschland gilt es nicht erst seit 2006 als Nationalkultur, ein Stück Leder über den Rasen zu dreschen, dabei ordentlich zu schwitzen, und nach anderthalb Stunden ein paar unvollständige Sätze in Fernsehkameras zu sprechen.

Andere Spiele haben einen schlechteren Stand. Computerspiele, zum Beispiel. Sie gelten in Deutschland als Kinderkram. Über die Computerspiele-Nutzung von Erwachsenen gibt es bisher noch keine verlässlichen Daten – in den wichtigsten Umfragen zur Mediennutzung kommen sie schlicht nicht vor. Was das Computerspielverhalten von Kindern angeht, wissen Wissenschaftler relativ gut Bescheid. Fast 100 Prozent aller Jugendlichen haben zu Hause Zugang zu einem PC, mehr als ein Drittel der 12- bis 19-Jährigen spielen täglich oder mehrmals in der Woche Computerspiele. Computer sind für Jugendliche wichtiger als Fernseher, das war eines der zentralen Ergebnisse der JIM-Studie 2006, aus der diese Zahlen stammen. Dazu passen die Wachstumszahlen der Spiele-Industrie. Bereits heute setzt sie mehr Geld um als die Filmindustrie. Marktforscher erwarten, dass auch die Musikindustrie bald überholt wird. Die Umsätze legen eine Vermutung nahe: Es sind längst nicht nur Kinder, die Computer spielen.

Dass sie angeblich nur für Kinder sind, ist jedoch nicht das einzige Imageproblem der Computerspiele. Ein anderes ist, dass Computerspieler als potentielle Gewalttäter gelten. Dabei neigt auch ein Teil der Fußballfans zu Gewalttaten. In Deutschland kommt es in unregelmäßigen Abständen zu Ausschreitungen im Stadien, in Italien wurde vor einigen Monaten wegen der Gewalttäter sogar die Saison unterbrochen. Bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich wurde ein Polizist von Hooligans brutal getötet. Als „Killerspiel“ hat trotzdem bisher noch kein Politiker oder Polizist Fußball öffentlich bezeichnet. Der Begriff stammt nach eigenen Angaben vom bayerischen Innenminister Günther Beckstein und bezeichnet gewalthaltige Computerspiele, ein Lieblingsbeispiel von Politikern und Journalisten ist „Counter Strike“.

Viertens: Warum haben wir Angst vor Spielen?

In seinem Aufsatz „Violence and the Political Life of Videogames” wundert sich Clive Thompson über die Annahme, dass Computerspiele mehr als andere Spiele kriminelle Handlungen motivieren könnten. Er schreibt: Nur in wenigen Ausnahmen, zu denen etwa die populäre „Grand Theft Auto“-Serie gehört, spielt man Verbrecher oder Amokläufer. Meistens (zum Beispiel auch in „Counter Strike“) gehe es im Gegenteil darum, Polizisten, Agenten oder Soldaten zu spielen – Staatsdiener, die die öffentliche Ordnung wiederherstellen müssen. Statt durch Anarchie zeichneten sich viele Computerspiele durch eine übertriebene Autoritätsgläubigkeit aus. Computerspieler als Amokläufer und Chaoten? Thompson schreibt: Eigentlich müsse man viel mehr Angst davor haben, dass Zocker zu frommen Patrioten würden.

Was Thompson ironisch formuliert meinen andere durchaus ernst. Entgegen der Mainstream-Meinung glauben John C. Beck und Michell Wade, dass Computerspiele pädagogisch wertvoll sind. „80% der Manager unter 35 Jahren haben eine erhebliche Videospiel-Erfahrung”, schreiben sie. “Gamer sind vorbereitet, großartige Führungspersönlichkeiten zu werden. Sie sind selbstbewusst, motiviert und haben hohe Ansprüche an sich selbst. Wie Unternehmer verlassen sie sich auf ihre Fähigkeiten.” Und eine Studie in der Fachzeitschrift „Archives of Surgery“ ergab, dass Chirurgen, die gelegentlich Videospiele zocken, besser operieren.

In einem Punkt sind sich Computerspielekritiker und – befürworter aber einig: Zuviel daddeln ist schädlich. So wie zu viele Kopfbälle oder zu viel Bratwurst und Bier im Stadion. Wer statt des Medizin- oder BWL-Studiums zum Joystick greift, ist also eher schlecht beraten. Spiele sind doch eher zum Spaßhaben geeignet, als zur Karrierevorbereitung. Ganz so, wie Johan Huizinga es schon schrieb: Spiele sind Selbstzweck und haben mit dem „gewöhnliche Leben“ ernst mal nicht viel zu tun. Eigentlich haben wir Ernsteres zu tun. Eigentlich.

Fünftens: Kein Ende

Fazit? Vielleicht nur das: Egal, ob wir das jeweils gut finden, oder nicht – wir werden ums Spielen nicht herumkommen. Also: Press Continue. Vor dem Spiel ist nach dem Spiel.




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