Filmkritik vom Filmfreund: Von Grenzerfahrungen im Kinosaal


Inside

Punkte: Punktebewertung entfällt
Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury
Cast: Béatrice Dalle, Alysson Paradis, Nathalie Roussel, François-Régis Marchasson, Jean-Baptiste Tabourin
Spieldauer: 83 min
Kinostart: Bereits auf DVD
Gesehen auf den 6. Fantasy Filmfest Nights (www.fantasyfilmfest.com)

Ab und zu kann es vorkommen, dass selbst ein eingefleischter Horrorfan im Kino sitzt und mit dem Gedanken spielt, ob der nun das Kino verlassen sollte, sich übergeben möchte, oder einfach bis zum Ende ausharrt, in der Hoffnung noch einen runden Abschluss zu finden. Letzteres habe ich über mich ergehen lassen.

Ein tragischer Autounfall verändert das Leben der schwangeren Sarah. Ihr Mann, der beim Unfall ums Leben kam, fehlt ihr und während sie sich immer mehr in sich zurückzieht entschließt sie sich den Weihnachtsabend allein zu verbringen. Mitten in der Nacht beginnt Sarah von einer mysteriösen Frau belästigt zu werden, die sich im Laufe der Nacht Zugang zum Haus schafft. Ihr Ziel: Das ungeborene Kind, ihre Mittel: eine Schere und ihre Gefühle: gänzlich abgeschaltet.

Inside schafft vieles, was Genreverwandte bereits versuchten. Die banale Handlung und Atmosphäre erinnert stark an den ebenfalls französischen Gewaltschocker „High Tension“, der vor allem durch starke Logikfehler in der Auflösung der Geschichte zu einem Misserfolg wurde, jedoch stilistisch und atmosphärisch neue Maßstäbe setzte. Die Schlüsselszene von Inside ist zwar keine innovative Überraschung, doch gibt es zumindest keine zentralen Logikfehler. Der Spannungsaufbau grenzt an Perfektion. Wenn die Psychopathin in Sarahs Zimmer herumschleicht, eine Schere über ihren Bauch gleiten lässt und mit einem kurzen „klack“ die Spitze in ihren Bauchnabel rutscht, läuft einem ein gewaltiger Schauer den Rücken herunter. Ein wirklich solider Psychoschocker – bis zu einem gewissen Punkt.

Jeder wird in seinem Leben einmal eine Grenzerfahrung erleben, was Gewaltdarstellung in Filmen betrifft. Wenn literweise Kunstblut, wie in Splatterklassiker Braindead, einen belustigenden Charakter annehmen oder an den richtigen Stellen und in richtigem Maße angewendet werden, ist das akzeptabel. Wenn die Gewaltdarstellung ins Unerträgliche überschreitet, kann dies nur mit einem Faktor ausgeglichen werden: Intention und Moral. Doch diese ließ sich bei Inside nicht finden. Was bleibt ist ein Psychoschocker mit eiskalter Stimmung, Blut, noch mehr Blut, und noch viel mehr Blut. Nicht nur die Gewalt steigert sich exponentiell, auch die Frage nach dem Sinn des Ganzen wächst mit jeder Minute. Aus diesem Grunde entfällt auch hier die Punktevergabe: Das, was der Film versucht zu sein, setzt er perfekt um. Das was er sein will, grenzt für mich jedoch stark an Perversion. Wer meint, er müsse sich in schier unendlich langen Einstellungen ansehen wie einer Schwangeren der Bauch mit einer kleinen Metallschere geöffnet wird, wird mit Inside bestens bedient. Eigenverantwortung sollte man bei diesem Film tragen können. Eine Empfehlung oder Abratung spreche ich in diesem Falle nicht aus. Wer seine Grenzen testen möchte, findet hier eine passende Gelegenheit.

Der Filmfreund
Björn Hochschild

filmfreund [at] freihafen.org




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