Die Lange Nacht der Reizüberflutung
Einmal im Jahr hat die hanseatische Bevölkerung die Möglichkeit, in nur einer Nacht ihr Verlangen nach kulturellem Gut zu befriedigen. Es gilt: Eine Karte für 45 Hamburger Museen. Wir wohnten diesem einzigartigen Ereignis bei.
Ein Beitrag von Marie Charlott Goroncy
All diejenigen, die ein tiefes Verlangen nach kulturellen Zusammenstößen verspüren und die direkte Konfrontation aller künstlerischen Richtungen hautnah erleben möchten, sind auf der langen Nacht der Museen vollkommen richtig aufgehoben.
All diese Menschen waren da, am 26. April, als Hamburg seine Museumspforten für ein Spektakel aus Musik, Tanz und vielfältigen Ausstellungen öffnete. Sie umgaben uns wie ein Adrenalin gesteuerter, sensationsgeiler Mob und drängten wissbegierig in die 45 Museen aller Hamburger Stadtteile.
Auch wir hegten das Interesse unsere Bildungslücken, bezüglich moderner und vergangener Kunst, zu schließen und tiefschürfenden Recherchen während der einzelnen Veranstaltungen nachzugehen.
Wir jedoch waren primär überfordert von dem reichhaltigen Angebot, erschöpft durch visuelle Überreizung, bevor wir den ersten Programmpunkt entgegen strebten und verbrachten die erste Zeit damit, stumm und vor Faszination sabbernd vor den Deichtorhallen zu sitzen. So schön das rosa Heftchen – die strukturierte Gebrauchsanweisung für die Nacht der Museen als Sammelsurium aller Aktionen – auch war, es wollte uns nicht so recht dabei unterstützen, einen konstruktiven Plan für den Abend zu entwerfen.
Nicht weil wir schon immer mal auf den Spuren des berühmten Modefotografen F.C. Gundlach wandeln wollten, sondern weil eine Rallye durch die Ausstellung seines Lebenswerkes führte, stolperten wir als erstes durch ein Labyrinth aus Bildern hübscher Frauen, die lange vor unserer Zeit abgelichtet wurden.
Nachdem wir eine halbe Stunde später immer noch nicht herausgefunden hatten, was Gundlach eigentlich studieren wollte und in uns in keiner Weise das Interesse für die Frauenzeitschrift Brigitte aufkeimen wollte, die in Gundlachs Leben eine so ausgeprägte Bedeutung zu haben schien, verließen wir das Gebäude. Einstimmig konstatierten wir, dass es entspannter ist, einen Bildband zu durchblättern
Wir bewegten uns wagemutig weiter in eine andere Deichtorhalle und hörten Jazz, während wir geduldig unter dem winzigen hier-beginnt-die-Führung-Pfeil verharrten, um uns informativ durch die Ausstellung des Schweizer Künstlerduos Peter Fischli/David Weiss geleiten zu lassen. Kam leider keiner.
Diese Aufgabe mussten wir wohl oder übel allein bewältigen. Hat uns vor ein immenses Problem gestellt. Denn hinter den Plastiken, Bildern und Filmen sollten sich philosophische und theoretische Fragen nach der Erklärung der Welt verbergen. Uns war es leider nicht möglich, den tieferen Sinn in den Werken der renommierten Gegenwartskünstler zu erfassen. Die Tageszeit und die um uns drängenden Massen schienen schlechte Voraussetzungen zum Denken zu sein und dienten uns als hinreichende Entschuldigung dafür, dass wir uns nicht die Mühe machten, jedes einzelne Kunstwerk zu analysieren. Höchst unbefriedigt verließen wir auch dieses Museum.
Gegen dreiundzwanzig Uhr fanden wir das, wonach wir den ganzen Abend lechzten: Aktion!
Durch Zufall erfuhren wir, dass die Galerie der Gegenwart von Poetry Slammern gerockt wird und wir nahmen das erste Mal am Abend die Beine motiviert in die Hand, um rechtzeitig zu erscheinen.
Wir waren nicht rechtzeitig - aber erschienen. Wir hatten einen beschissenen Blick auf das Geschehen - lauschten jedoch mit Freude.
Uns wurde feinste Poesie mit viel Humor dargeboten. Wild gestikulierte Literaten gaben ihr zu Papier gebrachtes Gedankengut zum Besten und animierten die Schaulustigen zu schallendem Gegröhle und jubelndem Applaus.
Unser Geist erwachte, fühlte sich gefordert und Endorphine durchzogen endlich wieder unseren Blutkreislauf.
Der Poetry Slam weckte in uns das Begehren tätig zu werden - etwas zu produzieren, auf das wir stolz sein können.
So stiefelten wir kurzerhand zum Museum für Arbeit, benutzten unsere verwöhnten Großstadtkinderhände und fabrizierten zauberhafte kleine Kupfermünzen mit individuellen Gravierungen, Bildchen und den unterschiedlichsten Emailleglasuren.
Endlich hatten wir das Gefühl, etwas sinnvolles gemacht zu haben.
Als ich nach einem langen Abend endlich in mein Bette sank und die letzten Stunden reflektierte, hatte ich nicht das Gefühl, die Lange Nacht der Museen ausgiebig genug genutzt zu haben. Die vielen Museen, die wir hätten besuchen können, ähnelten den tausend verschiedenen Kornflakes-Packungen im Supermarkt, zwischen denen man sich entscheiden muss, allerdings weder entscheiden will, noch kann, wenn man gerade keine Lust verspürt, eine intensive Erörterungsphase zu durchleben.
Die Lange Nacht der Museen war das beste Beispiel für das Verlangen in der heutigen Gesellschaft, möglichst viel, in möglichst kurzer Zeit und für möglichst wenig Geld zu konsumieren. Ich konnte verifizieren, dass dies keine befriedigende Herangehensweise an die Kunst ist.
Zwar genoss ich die festliche Stimmung, die mich von allen Seiten umgab, doch neige ich nach dieser Erfahrung dazu, meine Museumsbesuche auf eine Ausstellung am Tag zu beschränken. Denn zumeist bin ich kein Kulturmuffel, sondern war von der langen Nacht der Museen einfach überfordert.
m.goroncy [at] freihafen.org



