Der etwas andere Einstieg in den Fußball-Sommer
300 Kurfilme aus 40 Ländern der Welt und Filmgäste von allen Kontinenten.
Das ist das internationale Kurz Film Festival Hamburg und
dieses Jahr wurde auch FREIHAFEN in seinen Bann gezogen.
Anfang Juni. Der Sommer ist endlich auch in Hamburg angekommen und seine Einwohner bereiteten sich euphorisch auf einen neuen Fußball-Sommer vor.
Überall wird diskutiert und gewettet, welches der Teams die größten Chancen hat, Europameister zu werden.
Nur bei mir ist diese Euphorie noch nicht angekommen. Obwohl ich versuche, mich an Fachgesprächen zu beteiligen, sind meinen Gedanken längst bei dem, was vom 4.6. – 9.6.2008 in der Hamburger Filmszene passieren wird: Das Internationale Kurz Film Festival Hamburg kündigt sich an und erwartet werden 300 Kurzfilme aus 40 Ländern dieser Welt, von Südamerika über Europa bis nach Asien. Viele fragen sich vielleicht, was man mit Filmen anfangen soll, die von drei bis 30 Minuten lang sind?
Das dachte ich auch, aber als ich dann meinem ersten Filmblock gesehen habe, hat sich meine Meinung schlagartig geändert. Benommen taumel ich aus dem Kino und stelle fest, dass Kurzfilme alles das können, was Langfilme zu bieten haben. Dies beweist das Kurz Film Festival Hamburg nur zu gut. Das Programm aus einer Mischung von Dokumentationen, Kurzspielfilmen, Musikvideos, Experimentalfilmen und Animationsfilmen, die in verschiedene Filmblöcke aufgeteilt sind, erfasst jeden Kinobesucher und macht Lust auf mehr. Die Filme sind gesellschaftskritisch, politisch, humorvoll, phantasievoll und oft technisch herausragend.
Da ist zum Beispiel das zwölfminütige Drama „Petit Dimanche“ des Kanadiers Nicholas Roy. Der Film zeigt schonungslos und detailgenau die Reaktion eines jungen Mannes auf den plötzlichen Tod seiner Frau. Oder aber der israelische Film „A Different War“ von Nadav Gal, der in 15 Minuten die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der den Hass seiner Mitmenschen gegen die Araber nicht teilen kann und trotzdem durch eine Mutprobe den Respekt seines größeren Bruders erlangen will.
Dann noch der Experimentalfilm „Playing Up“ von dem Engländer Ian Helliwell, bei dem alte Filmaufnahmen von Kinder- und Erwachsenenspielen neu zusammengesetzt wurden. Das Ergebnis ist ein schnelles, kunterbuntes Farbengemisch mit tollem Soundtrack.
Schließlich ein satirischer Kurzspielfilm von den Hamburgern René Schöttler und Markus Schaefer, dessen Büro abbrannte nachdem der Elektriker feststellte: „Da ist nichts!“.
Das Publikum kriegt vor Lachen nur die Hälfte der urkomischen Dialoge mit.
Drei Nachmittage und Abende verbringe ich damit, in heißen Kinos zu sitzen und weiteren Filmen aus sechs verschiedene Filmblöcke meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Jedes mal aufs Neue von den Filmen erfüllt und überwältigt. Gerne würde ich noch mehr Filmblöcke sehen, aber irgendwann machen auch die Kinos ihre Türen zu.
Damit sind die Nächte des Kurz Film Festivals aber noch längst nicht vorbei.
Ab 23 Uhr gehts auf in den Festivalclub, wo sich viele der 500 angereisten Regisseure, Kameramänner/frauen und Produzenten versammelten, umgeben von Kurzfilmfans wie mir.
Es wird getanzt, gekickert oder einfach nur über den erlebten Tag geredet. Die meistgestellte Frage des Abends ist wohl: „And where are you coming from then?“. Ich lerne Menschen aus England, Kroatien, Rumänien aber auch Brasilien oder Palästina kennen.
Neben dem ganzen Lachen, Trinken und Rauchen wird fachmännisch über die Filme diskutiert, was tausend mal interessanter ist, als das Ergebnis des nächsten Fußballspiels.
Die Spannung steigt, als am Montag Abend die Preisverleihung alle in die Zeise- Hallen lockt. Auch, wenn nur wenige Filme einen Preis bekommen, sind alle in bester Stimmung und die letzte Nacht wird noch einmal durchgefeiert.
Schließlich aber war das Festival nach fünf Tagen vorbei und genauso schnell wie die Besucher gekommen waren, waren sie wieder weg und mit ihnen verschwand der Rausch, den das Festival in mir ausgelöst hat.
Nun warte ich ungeduldig auf das nächste Jahr, wenn die Hamburger Programmkinos wieder ihre Türen für Kurzfilmbesucher öffnen, Hamburg von Gästen aus aller Welt geflutet wird und auf die beste Atmosphäre, die ich in Hamburg je erlebt habe.
Marie Witte



