Filmkritik vom Filmfreund: Der „gute Cop“


Punkte: 7/10
Regie: Jennifer Chambers Lynch
Cast: Julia Ormond, Bill Pullman, , Pell James, Ryan Simpkins, French Stewart
Spieldauer: 97 min
Kinostart: 17. Juli 2008

Schräge Polizisten, Drogenjunkies und kleine Mädchen –alle anwesend bei einem brutalen Massaker. Nicht unbedingt eine Alltagssituation, aber eine Basis für einen soliden Thriller. „Unter Kontrolle“ versucht anders zu sein. Ob er es schafft?

Die FBI-Agenten Elizabeth Anderson und Sam Hallaway sollen in einem abgelegenen Ort Amerikas eine brutale Mordserie aufklären. Das letzte Massaker, bei dem mehrere Menschen ums Leben kamen, ereignete sich auf einer Landstraße. Ein stereotypischer Macho-Cop, eine vom Koks gekennzeichnete junge Frau und ein schweigsames achtjähriges Mädchen sind die Augenzeugen. In drei verschiedenen Räumen hinterfragen die Beamten die Geschehnisse unter Aufsicht der FBI-Agenten. Je tiefer sie in die Geschichte eindringen, desto mehr Widersprüche tauchen auf.

In „Unter Kontrolle“ sitzt zum zweiten Mal David Lynchs Tochter Jennifer Lynch auf dem Regiestuhl. Die Story, der Trailer, der „Roadmovie-Aspekt“, der Cast (Bill Pullman, bekannt u.a. aus „Lost Highway”) erwecken hohe Erwartungen beim Zuschauer. Erwartungen an einer Art Nachwuchslynchfilm. Dies versprechen die ersten Szenen auch. Atmosphäre, Einsatz von Musik und Kamera ähneln stark den Arbeiten ihres Vaters. Doch schon nach kurzer Zeit wird deutlich, dass diese ihren ganz eigenen Stil umzusetzen vermag. Man bekommt hier keinen Neuaufsetzer von “Lost Highway” zu Gesicht. Vielmehr ist „Unter Kontrolle“ ein eiskalter Thriller, der davon lebt, die verworrenen Augenzeugenberichte im Verhör direkt mit der Wahrheit in Rückblenden zu vermischen. Im Laufe der 97 Minuten schwindet die Glaubwürdigkeit der Augenzeugen, während das Interesse des Zuschauers steigt. Besonders hervorzuheben ist die schauspielerische Leistung von Bill Pullman, der seinen durchaus schrägen Charakter bestens umzusetzen versteht. An schrägen Charakteren mangelt es nicht in „Unter Kontrolle“; Polizisten, die zum Spaß auf fahrende Autos schießen und Junkies, die einen Dealer ausrauben, der an einer Überdosis leidet.

„Unter Kontrolle“ ist kein Film, dessen Handlungsstränge verworren und beim ersten Ansehen schwierig nachzuvollziehen sind, wie in den meisten Filmen von David Lynch. So ist es ein kleines Manko, dass hartgesottene Thrillerfans den bitterbösen Plot des Filmes schon zu früh spüren und vermuten. Der Spaß, den man sich hier eventuell selbst nehmen könnte, wird aber von der unglaublichen Dichte an Charakterzeichnungen fast wettgemacht. Insofern ist „Unter Kontrolle“ auf gewissen Ebenen wirklich ein erfrischend neuartiger Thriller, der zwar einiges besser machen könnte, aber vieles eben genau richtig macht. Letztlich bleiben die Fragen zu klären: Wem kann man vertrauen, wer ist zu verurteilen, wer sagt die Wahrheit und wer Lügt, welche Rolle spielen Drogen und was ist ein „guter Cop“?

filmfreund [at] freihafen.org
Björn Hochschild




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