Die lange Nacht der Museen 2008
Ein Besuch bei Fischli und Weiss, Felix Vallotton und F.C. Gundlach
20:00: Die Sonne geht unter, die Stimmung steigt. Beflügelt von der warmen Frühlingsluft lässt man sich von den Massen treiben und landet wie von selbst an den Deichtorhallen. Vor Ort stürze ich mich ins Getümmel und schon finde ich mich in mitten des photographischen Werks von F.C. Gundlach wieder. Aufgeregte Kunst-Studentinnen wuseln wie Gänsemütter um kleine Besuchergruppen herum, als hätten sie Angst, jemand könnte ihre Ausführungen, die sich mehr auf die einzelnen Models, als auf Gundlach selber beziehen, verpassen. Dies ist sehr belustigend; spannend jedoch weniger. Ich gehe auf eigene Faust weiter. Es ist erstaunlich leer und man hätte genug Zeit, sich stundenlang mit einzelnen Fotos zu beschäftigen - will ich aber nicht. Vielleicht liegt es daran, dass wir heutzutage in jeder Modezeitung professionelle Modefotographie finden, vielleicht fehlt mir auch der Sinn hierfür, jedenfalls will es mir nicht gelingen, das Avantgardistische in Gundlachs Bildern zu schätzen. Es zieht mich nach Draußen.
21:00: „Das musst du unbedingt sehen, sonst verpasst du was!“ Diesen Satz meiner Freundin im Ohr, betrete ich die Ausstellung von Fischli und Weiss. Im Eingang empfangen mich riesengroße, rosa Blumenbilder, die bei den kleinen Mädchen neben mir Begeisterungsstürme hervorrufen, mich aber eher an Ikea erinnern. Als seien überdimensionale Fotographien die neuste Erfindung der beiden Künstler, ist Raum zwei von etwas surreal anmutenden Flughafenbildern ausgefüllt, die mich aber auch nicht zum Verweilen auffordern. Die nächste Halle ist dunkel und wird von einem Tonkessel in der Mitte beherrscht. Bevor ich mich selber heran traue, beobachte ich die Menschen, wie sie sich scheu über den Rand beugen, grinsend hineinschauen und nachdenklich wieder gehen. Grund hierfür sind die mittlerweile weltweit berühmten Fragen der beiden Künstler, welche die Kesselwand zieren. Plötzlich rätselt halb Hamburg, ob das Glück einen finde oder wem eigentlich Paris gehört.
Während ich noch überlege, ob ich ein Räuber im Wald werden solle, starren mich zwei Monster an. Gestatten, Bär und Ratte, zwei Filmhelden ganz nah am Leben, gespielt von Fischli und Weiß. Stundenlang könnte ich den beiden zuschauen, wie sie durch die Berge wandern, sich mit dem „Säuli“ den Magen vollschlagen und gleichzeitig wichtige Dinge wie Freundschaft, Liebe und vor allem Kunst analysieren.
Es ist mittlerweile recht voll geworden und so überlasse ich dem nächsten Lebenssinnforscher meinen Platz und begebe mich widerwillig zurück in die Realität. Als würde mein Feingefühl schon ahnen, wie großartig die Skulpturen des nächsten Raumes sind, muss ich mich erstmal geblendet festhalten. Vor mir stehen wohl 50 Sockel mit kleinen Tonfiguren darauf. Nach genauerem Hinsehen entpuppen diese sich als kleine, wie von Kinderhand geformte Szenen, die historische Ereignisse und kleine Momente von großen Persönlichkeiten auf einfache Art wunderbar darstellen. Vorbei an „Herr und Frau Einstein kurz nachdem sie ihren genialen Sohn Albert gezeugt haben“ und „Der erste Fisch beschließt an Land zu gehen“ bleibe ich vor der Figur stehen, die mir die ganze Nacht gute Laune bescheren wird: “Mick Jagger und Brian Jones befriedigt auf dem Heimweg, nachdem sie „I can’t get no satisfaction“ komponiert haben“. Ähnlich befriedigt verlasse ich die Ausstellung und mache mich auf den Weg zur Kunsthalle.
22:30: Seit Monaten schaut eine nackte Frau geheimnisvoll von jeder Litfasssäule Hamburgs auf die vorbeieilenden Passanten. Mit Entzücken wird so manche Frau unter ihnen festgestellt haben, dass der Körper der Abgebildeten kleine Makel aufweist, die in Form von Cellulitis und Leberflecken die Perfektion durchbrechen. Der Mann, der es auf seine Art geschafft hat, die wahre Schönheit dieser Frauen abzubilden, ist Felix Vallotton. In der Ausstellung fesseln mich neben geflügelten Amazonen zwar auch die bedrückend authentisch wirkenden Selbstportraits, doch das Beeindruckendste bleiben die Akte. Es sind zwar nicht viele, doch die Wenigen reichen aus, um in ihnen zu versinken, bis die Füße schmerzen. Ja, denke ich, diesem Künstler ist es gelungen, die wahre Schönheit einzufangen, welche sich auch noch ganz von selbst erklärt. Obwohl ich mich längst nicht satt gesehen habe, gebe ich meinen Füßen nach und wandle beglückt ins Freie, wo ich von wohl klingender Musik empfangen werde.
23:30: Hingegen allen Vorhaben, verzichte ich auf weitere Museen und setzte mich, das Risiko der Reizüberflutung verkleinernd, vor die Kunsthalle und lausche einer osteuropäischen Tanzkapelle. Inmitten von anderen müden, aber begeisterten Kunstfreunden lasse ich zufrieden lächelnd den Abend ausklingen.
Lea Zierott



