Das cis Wohnzimmer

Eine Analyse der cisheteronormativen Strukturen eines Familienzusammenkommens hinsichtlich all der inhärenten diskriminierenden Strukturen lol.

Allein mit zwei cis Männern auf dem Sofa. Ich fühle mich unwohl. Allein mit zwei cis Männern, die offensichtlich ihre toxische Männlichkeit raushängen lassen. Der eine die Arme vor der Brust verschränkt, bauscht er sich leicht auf. Beide reden mit vertiefter Stimme. Der andere die Arme auf den Sofalehnen, nimmt er das Sofa für sich ein. Nimmt den Raum ein. Es ist sein Wohnzimmer. Nach zwei Minuten gehe ich. Der typische Handwerkertalk beginnt, nachdem der eine noch banale, inhaltslose Aussagen über Corona von sich gibt. Keine Struktur, kein Sinn, hauptsache eine vermeintlich absolute Meinung vertreten. Da halte ich gegen. Ich bin auf Verteidigungsmodus. Wie immer in solchen Situationen. Zwei Minuten, dann bin ich weg. 

Ich gehe in die Küche. Zwei weiblich gelesene Menschen halten sich hier auf. Zwei cis Frauen. Die eine bereitet das Essen für alle Anwesenden vor. Das wird sich den gesamten Abend nicht ändern. Die andere sitzt auf ihrem Stuhl und beginnt ein Gespräch über Veganismus. Sie ist Omnivorin und hat den veganen Käse entdeckt. Sie fragt mich dreimal, ob der so schmeckt, wie „richtiger“ Käse. Ich sage dreimal nein und werde jedes Mal etwas rauer im Ton. Ich habe dieses Gespräch nicht gestartet. Ich starte es in den meisten Fällen nicht. Es ist verrückt, es ist traurig, es ist so verdammt lästig und vorhersehbar. Weil es jedes Mal dieselbe Struktur hat. Sie erklärt ihrem Kind, was vegan sein bedeutet. Sie begründet es aber nicht.

Das Essen ist fertig. Eines der anwesenden Kinder probiert von der veganen/vegetarischen Pizza. Surprise, es schmeckt dem Kind. Es fragt die cis Mutter, ob sie probieren will, aber sie will dem Kind das Gemüse nicht wegnehmen. Während des Essens wird eine andere cis Frau von eben dieser cis Mutter zu ihrem neuen cis Freund befragt. Weil es sie ja so viel angeht. Weil eine romantische Beziehung immer und überall erwähnungswert ist. Die cis Mutter überschreitet krasse Grenzen. Die beiden sehen sich zweimal im Jahr und stehen sich nicht nahe. Mich fragt sie nicht nach einem potentiellen cis Freund. Zum Glück. Ich stehe immer noch auf Verteidigungsmodus, um auf die Frage möglichst mit Gegenfragen kontern zu können. 

Wir sind fertig mit dem Essen. Es ist ein paar Tage nach Weihnachten und ich soll die letzten Geschenke aus dem Versteck holen, die wir noch verteilen wollen. Eines der Kinder, männlich gelesen, steht auf und will sie holen. Alle rufen: Nicht du, sie soll es holen und zeigen mit dem Finger auf mich. Und ein Kind: Oder bist du etwa ein Mädchen?! Ich halte die Luft an. Nicht ausrasten. 

Die Kinder sind in einem Alter von sechs und elf Jahren und werden männlich gelesen. In diesem frühkindlichen Alter wurde ihnen bereits beigebracht, dass es schlimm ist ein Mädchen zu sein. Das, was wir als das weibliche Geschlecht bezeichnen, ist eine Beleidigung. Es stellt die eigene Männlichkeit in Frage. Innerlich raste ich aus. Innerlich tobe ich und kann diese ganze scheiß Heteronormativität nicht mehr ertragen. 

Seit Weihnachten. Seitdem die ersten cissexistischen Witze gefallen sind. Seitdem meine Queere Lebensrealität nicht ein einziges Mal von einer anderen Person erwähnt wurde. Seitdem ich mich fremd im eigenen Elternhaus fühle. Weil es mich verletzt. Weil es fucking diskriminierende, homofeindliche, transfeindliche und sexistische Situationen sind, in denen ich mich jedes Mal im Dilemma des Aushaltens oder der Gegenrede befinde. Aber ich kann nicht jedes Mal etwas sagen. Es ist anstrengend.   

Wir sitzen wieder auf dem Sofa. Die Kinder toben und verletzten den cis Vater an der Hand. Der wird laut und weist sein Kind zurecht. Weil Mann es so macht. Der andere cis Mann stimmt zu. Weil Mann Kinder eben autoritär in die Grenzen verweist. Weil Mann über den Kindern steht und sie nur so viele Rechte haben, wie vom Mann zugelassen. Sie haben zu gehorchen. Sie sind seine Minisoldaten. Die Unterworfenen. Die für das eigene Ego. Innerlich bin ich taub. Eine cis Frau neben mir verdreht die Augen. Auch sie weiß, was da vor sich geht. 

Wir sollen jetzt Geschenke auspacken. Eines der Kinder hat noch nicht ausgepackt, während alle anderen schon dabei sind ihre Geschenke zu bestaunen. Auch hier sehr klischeehaft: Hauptsächlich SIKU Zubehör, weil hauptsächlich männlich gelesene Kinder (SIKU ist eine Marke, die Spielzeuglandmaschinen herstellt). Das Kind, welches noch nicht auspacken wollte, wird von den umliegenden Menschen dazu gedrängt. Auch von den cis hetero Eltern. Die sind schließlich genervt von dem Verhalten. Die denken nicht daran, dass ihr Kind vielleicht nicht die ganze Aufmerksamkeit haben will und geben sie ihm trotzdem. Auf eine sehr, sehr unangenehme Weise. 

Die Kinder schauen Fernsehen. Das Wort Penis fällt. Die männlich gelesenen Kinder lachen. Sie überspitzen es. Ich schweige und frage sie, warum es so lustig ist. Keine Antwort. Natürlich können sie es nicht erklären. 

Der Besuch muss los. Ich bin erleichtert. Mein Körper fängt an sich zu entspannen. Und trotzdem: Ich will zurück in meine Queere Lebenswelt. 

Bild mit freundlicher Genehmigung von David Reineke
Henrike Notka Verfasst von:

Art Direction I Soziolog*in und Politikwissenschaftler*in I schreibt gerne gesellschaftskritische Kommentare