Der einzig wahre Guide – Gartenparadies auf dem Balkon

Alles neu macht der Mai! Das Trauerspiel, was einmal dein Balkon war, ist nicht länger tolerierbar. Es stapeln sich leicht angerostete Bierdosen vom letzten Festival, dein Glasflaschen-Lager ist vom Schrank unter der Spüle aus Platzgründen dorthin umgezogen, zwei kränkliche Basilikumtöpfe aus dem Supermarkt modern qualvoll vor sich hin und flankiert wird das Stillleben von einem Aschenbecher, der jeglicher Beschreibung spottet. Urlaub auf Balkonien? Vergiss es. Bevor du nun die Barry-Manilow-CD reinschmeißt und dich selbstmitleidig auf eine sonnige Südseeinsel sehnst, konsultiere doch erst den einzig wahren Gärtner, ehh, Guide.

1. Raus mit dem Mist

„Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche“, sagte schon Sokrates, und der ist immerhin bekannt für Weisheiten wie „Abseits ist, wenn der Schiri pfeift“ und „Mailand oder Madrid, hauptsache Italien“. Also raus mit dem Mist, nicht lang schnacken, einfach runter vom Balkon damit. Das hat mehrere Vorteile und nur wenige Nachteile. (Platon, der alte Bolzplatzbuddy von Sokrates würde sagen: „Das Chancenplus ist ausgeglichen.“)

Gut ist, dass du nicht so weit zum Mülleimer laufen musst, durch die Müllsäcke keinen weiteren Plastikabfall produzierst und deine Nachbarn sich aus dem unter deinem Balkon entstandenen Haufen nach Lust und Laune bedienen können. Außerdem macht das Schmeißen echt eine Menge Spaß, wenn man einmal dabei ist. Dass die Glasflaschen bei dem Sturz kaputt gehen, ist nicht so schlimm. Die Nachbarskinder, die immer unter deinem Fenster lärmen müssen, kriegen so auch mal einen Denkzettel verpasst. Und Glas ist ja auch irgendwie Sand, ne?

Nachteilig wirkt sich der Müllberg leider auf die Ästethik deiner Nachbarschaft aus. Aber du hast ja vor, deinen Balkon zu bepflanzen, da wird die Sicht nach unten eh versperrt. Wenn sich einer deiner Nachbarn daran stört, kann er es ja gern wegräumen.

2. Feuchtgebiete und Dreckecken

Nachdem du dich deines weltlichen Ballasts entledigt hast, beginnt nun der unerfreulichere Teil. Du musst tatsächlich einen Gebrauchsgegenstand zum Zusammenkehren von Schmutz und Unrat von Böden, auch bekannt als Besen, benutzen. Da wird einiges zutage kommen, abhängig davon, wie lange der Zustand der Verwahrlosung auf deinem Balkon schon angehalten hat. Der eine Gummistiefel, der so dreckig ist, dass du ihn „irgendwann mal“ gründlich reinigen wolltest, Kronkorken, leere Feuerzeuge, ein halbvoller Sack ausgetrockneter Blumenerde, der Kumpel, der damals bei der Einweihungsparty einfach verschwunden war, nasse Pfützen mit aufgeweichtem Laub und Spinnenweben. Du und dein Besen machen kurzen Prozess. Alles, was du findest, nimmt den gleichen Weg vom Balkon – tritt sich schon fest.

Das ist allerdings erst die oberflächliche Reinigung. Wir brauchen etwas, um die klebrigen, schmutzigen Stellen zu entfernen. Manche empfehlen Wasser, ein altes Hausmittel, welchem allerdings nicht allzu unbeschränktes Vertrauen entgegengebracht werden sollte. Besser ist Salzsäure. Wichtig dabei: immer Handschuhe benutzen. Dann kann dir nichts passieren. Sollte good old HCl in der Apotheke gerade aus sein, tut es auch Schwefel- oder Phosphorsäure. Damit ist jeder noch so hartnäckige Rückstand im Nullkommanichts verschwunden.

3. Einsatz in Balkonien

Damit dein Boden weiterhin so schön sauber bleibt, brauchst du natürlich einen Bodenbelag. Holzpanele kosten viel Geld, müssen ausgemessen und angepasst werden – stöhn. Ähnlich ist es mit Fliesen oder Steinen. Am besten ist und bleibt Teppich. Man kann ihn zuschneiden, neu zusammenfügen, es gibt ihn in fetzigen Mustern und du hast immer warme Füße, wenn du raus auf den Balkon gehst.

Jetzt ist es an der Zeit, deine innere Tine Wittler rauszulassen. Beim Möbelhandel deines Vertrauens schnell eine Balkongarnitur besorgen? Das ist was für Idioten, die ihr Geld gern in der Toilette runterspülen. Doch du bist ein Sparfuchs. Eben einer dieser Menschen, die nachts in der Nachbarschaft fremde Gartenstühle von der Terrasse klauen. Ein Gewinnertyp.

4. Willkommen im Dschungel

Endlich ist es soweit! Die ersten Pflanzen werden ihre Heimat auf deinem Balkon finden. Der Gedanke, einfach Balkonkästen zu kaufen, und diese entlang der Brüstung aufzuhängen, liegt nahe, ist aber völlig blödsinnig. Jeder halbwegs versierte Gärtner weiß, wie schlimm Staunässe für Pflanzen ist. Und ganz ehrlich, du hast auch keine Lust darauf, in den Boden der überteuerten Pflanztöpfe mit dem Teppichmesser Löcher zu stechen. Deshalb kommt hier ein wertvoller Tipp vom Guide, und da wir besonders dein Portemonnaie schonen wollen, ist er ganz kostenlos!

Zuerst brauchst du Erde. Die findest du eigentlich überall, wo noch kein Asphalt ist. Nimm dir einfach einen Eimer mit, schaufel etwas davon rein (keine Angst vor Hundehäufchen, das ist 1A Dünger) und schütte es auf deinen Balkon. Du brauchst keine Sorge zu haben, dass das Gießwasser hässliche Pfützen bildet – der Teppich wird alles aufsaugen. Dann fehlen nur noch die Pflanzen. Folgende bekommst du total gratis auf der Straße:

  • Poaceae und Cyperaceae, bestechen durch langstielige, hellgrüne Blätter, kommen beinahe überall vor und sind erstaunlich robust. Manche Sorten erfreuen durch zarte Blütenstände.
  • Taraxacum, blüht im späten Frühjahr mit großer gelber Blüte und hat gezackte, dunkelgrüne Blätter. Im Herbst wird man Zeuge einer erstaunlichen Transformation, in welcher die Blüte ganz weiß wird und sich die Samen beim kleinsten Windstoß überall hin verteilen. Sehr wuchsfreudig.
  • Castanea, davon allerdings für den Anfang erst die kleinen Exemplare. Bis sich eine prächtige Pflanze entwickelt hat, kann es schon gut und gern mal 50 Jahre dauern. Bis dahin hat man viel Freude an den runden Früchten, aus welchen man lustige Figuren basteln kann.
  • Hedera helix, breitet sich aus wie die sprichwörtliche Stubenfliege. Beim Hautkontakt kann es bei machen Sorten zu hässlichen allergischen Reaktionen kommen, also Vorsicht. Ansonsten eine tolle Kletterpflanze, die deinem Balkon das gewisse Etwas verleiht.
  • Phragmites australis, ist meist an Gewässern zu finden. Braucht deshalb viel Feuchtigkeit. Sieht aber schön aus, wenn der Wind hindurchstreicht und bietet natürlichen Sichtschutz vor neugierigen Nachbarn.

5. Pfleg‘ dein Fleckchen Grün

Alle Pflanzen brauchen ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, besonders, wenn du lange daran Freude haben möchtest. Sie sind halt nicht wie ein Hamster oder Meerschwein, dem man mal eine Möhre in den Käfig schmeißt und dann ist für zwei Wochen Ruhe, nein, sie sind durchaus anspruchsvoller. Dass du sie regelmäßig gießen solltest, ist selbstverständlich. Aber du hast bestimmt schon mal davon gehört, dass Pflanzen besser wachsen, wenn man mit ihnen spricht. Das solltest du von nun an auch tun. Wenn dich deine Nachbarn nun sehen, wie du auf deinem Balkon im Röhricht hockst, und leise vor dich hinmurmelst, werden sie vor Neid erblassen. Auch wenn du mal nicht da bist, in fünf Minuten ist eine Freisprechanlage über ein handelsübliches Megafon gebastelt, die deine Rabatte auch in deiner Abwesenheit beschallt.

Endlich kannst du das Gärtner-Emoji deiner Instagram-Bio hinzufügen. Na, ist das was?

Lotta Johanna Stähr Verfasst von:

22 Jahre alt, Germanistikstudentin, liebt Tarantino-Filme und hört Musik für alte, bärtige Männer. Redakteurin beim FREIHAFEN.