Die vielen Gesichter des Wartens

Warten – wem fallen bei diesem Begriff nicht gleich tausend negative Assoziationen ein? Langeweile, Ungeduld auf das was kommt, das Gefühl festzustecken und nicht wegzukommen sind nur einige davon. Und aus diesem Thema mit seinem negativen Beigeschmack soll man nun eine Ausstellung machen können? Die Kunsthalle in Hamburg hat das gemacht und hat mit dem Titel der Ausstellung, „Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit”, auch die positive Seite dieses alltäglichen Vorgangs hervorgehoben. Und wenn man die Ausstellung besucht, ist man tatsächlich überrascht wie viele Formen des Wartens die Kunsthalle in ihren Räumen versammelt hat: Wenn man den ersten Raum der Ausstellung durch die Tür eines Warteraumes betreten hat, fällt einem zuerst das großformatige Foto der Metro-Station Sé in São Paulo auf. Das Bild beeindruckt durch die dargestellten Ausmaße der Station: auf mehreren Ebenen haben sich Menschen versammelt, die auf ihre Züge warten. Eine Aktivität, die wohl keinem Großstädter unbekannt ist.

Mit dem Warten auf öffentliche Verkehrsmittel beschäftigen sich auch die Bilder der Künstlerin Ursula Schulz-Dornburg. Sie fotografierte Bushaltestellen der Überlandbusse in Armenien. Hier gestaltet sich das Warten allerdings vollkommen anders als in São Paulo: Die Stationen wirken wie zufällig in die Landschaft gestreut und selten sind mehr als drei Menschen an ihnen versammelt. Doch vielleicht fühlt man sich gerade deshalb in die Bilder hineingezogen, die vor allem durch die ungewöhnliche Architektur der Bushaltestellen auffallen.

Fotografie einer Bushaltestelle an der Strecke Erevan-Parakar von Ursula Schulz-Dornburg

Eine vollkommen andere Art des Wartens zeigen die anderen Bilder der Künstlerin Schulz-Dornburg im ersten Saal der Ausstellung: Hier zeigt sie eine Bahnlinie, die einst Damaskus und Medina verband, aber schon lange nicht mehr genutzt wird. Bahnhofsgebäude stehen hier wie Fata Morganas in der Wüste und Schienen verlieren sich im Sand.

Bewegende Bilder

Die bewegendsten Bilder der Ausstellung sind allerdings andere: Auf einem Foto der Fotografin Andrea Diefenbach sieht man ein kleines Mädchen, das konzentriert auf das Essen auf ihrem Teller blickt, während eine alte Dame ihr das T-Shirt zurechtrückt. Bewegend an diesem Bild ist vor allem die Geschichte dahinter: die Eltern der Kinder, die Diefenbach porträtiert hat, sind alle aus ihrem Heimatland Moldau weggegangen, um zu arbeiten. Ihre Kinder blieben dort zurück und werden oft von den Großeltern versorgt.

Das Thema der Macht taucht in den beeindruckenden Bildern von Paul Graham auf, der Arbeits- und Sozialhilfeämter zur Zeit der Premierministerin Thatcher fotografierte. Allerdings ist es eher die Machtlosigkeit der ausharrenden Porträtierten, die hier beeindruckt.

Noch über die Ausstellung hinaus begleitet einen auch das Video „Life Track“ des Künstlers Vajiko Chachkhiani. Es zeigt den Bewohner eines Hospizes, der einfach nur in die Kamera schaut. Doch sein Blick ist so intensiv, mal nach außen, mal nach innen gerichtet, dass man ihn nicht so leicht vergisst.

Standbild aus dem Film Life Track von Vajiko Chachkhiani

Die Ausstellung bietet noch viel mehr Blicke auf das Thema Warten: Was die Angler und Prostituierten des Künstlers Txema Salvans mit dem Thema zu tun haben, welche Rolle die Vorgänge hinter der Bühne eines Theaters spielen und wie das Warten zum Miterleben einer fantastischen Liebesgeschichte führen kann, kann man noch bis zum 18. Juni in der Kunsthalle in Hamburg erfahren.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Carla Mauermann
Carla Mauermann Verfasst von: