Generation Reisen vs. Generation Klima

Letzten September war ich in Italien und möchte von meiner Reise berichten. Keine Sorge: Dies ist kein Artikel, der einem Reisetagebuch oder Travel-Blog gleicht und von besonderen Momenten während der Reise oder atemberaubender Architektur handelt. Dies ist ein Artikel darüber, WIE ich nach Italien gekommen bin und WARUM das WIE. 

Klima und Reisen

Meine Oma ist immer begeistert, wenn ich ihr von meinen Reisen in ferne Länder erzähle. Was für mich Normalität darstellt, muss für sie den Rahmen des Unvorstellbaren sprengen. Sie ist 84 Jahre alt und gehört der Generation an, welche nach dem Krieg am Wiederaufbau beteiligt war. Einer Generation in der Sicherheit und Beständigkeit als Ideal angestrebt wurden. Aber was will ich schon über diese Generation sagen, denn ich gehöre der Generation Reisen an. Den Millennials, die es unseren Großeltern und Eltern zu verdanken hat, ein derart festes Fundament zu haben, von dem aus wir in die große weite Welt fliegen können.

Wenn von dieser Generation die Rede ist, ist der Teil meines unmittelbaren sozialen Kreises gemeint: Es ist ein Privileg zu reisen. Ein Privileg, welches uns ganz schnell in den Rücken fallen kann. Denn Reisen ist teuer und Reisen bedeutet CO2 Ausstoß. Während Fridays For Future zu einer Mainstream-Massenbewegung wird und Instagram und Facebook vor lauter Bilder mit “There is no planet B” Plakaten platzen, sitzen die meisten Demoteilnehmer*innen wahrscheinlich in den nächsten Herbstferien im Flieger in die Türkei.

Nie wieder fliegen?

Vor ein paar Monaten habe ich mich dazu entschieden, das nicht mehr zu tun. Ich will nicht mehr fliegen. Denn was ein einziger Kurzstreckenflug der Umwelt antut, sollte mittlerweile allen bekannt sein. Gerade Europaflüge gehören in die Tonne. (Aber in welche lol) Meinen letzten Flug habe ich im Frühjahr dieses Jahres von Hamburg nach Lissabon und zurück absolviert. Ein Billigflug. Was auch sonst.

Reisen und andere Kulturen kennenlernen möchte ich allerdings weiterhin und die nächste ließ nach dieser Entscheidung auch nicht lange auf sich warten. Ich wollte nach Italien. Mit dem Flieger würde ich ungefähr fünf Stunden nach Rom brauchen und müsste um die 60 Euro bezahlen. Über Skyscanner wäre ich den üblichen Weg der Buchung gegangen, welche zehn Minuten in Anspruch genommen hätte. So weit so gut. Dieser Weg war aber raus.

Also begann ich damit, Preise von Flixbus, der Bahn und Blablacar gegenzurechnen. Eine Freundin erzählte mir wenige Tage später von Interrail. Mit einem Ticket von Interrail könnte ich zu einem bestimmten Preis entsprechend viele Zugfahrten von kooperierenden Eisenbahngesellschaften über einen bestimmten Zeitraum in Europa nutzen. Dabei kann zwischen dem Global Pass und One Country Pass gewählt werden. Für manche könnte der Premium Pass interessant sein, der bei meinen finanziellen Mitteln nicht drin ist. 

Ich stellte fest, dass der Global Pass die Variante mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis darstellte. Bei diesem gibt es, wie bei allen anderen, verschiedene Preisstufen, die sich an den möglichen Reisetagen orientieren. Am günstigsten ist der für drei Tage Reisemöglichkeit. Es sind 169 Euro. Ich erinnere mich daran, dass mir die Freundin von Sitzplatzreservierungen erzählt hat und checke mögliche Strecken aus. Bei den internationalen Zügen muss ich reservieren und auch bei den Inlandszügen in Italien. Das Ganze wird also doch kostspieliger. Und auch die Reisedauer würde für den Weg nach Rom neunzehn Stunden betragen. Viel Geld und viel Zeit.

Ich habe bewusst die Preise für einen Flug und auch dessen Dauer erwähnt, um zu zeigen wie groß der Unterschied zwischen den Reisemöglichkeiten ist und wie fliegen unter diesen Umständen einfach nicht moralisch vertretbar sein kann.

Der Aufwand lohnt sich

Meine geplante Reise hört sich sehr aufwendig an. Allein die Planung hat mehr Zeit in Anspruch genommen als üblich, aber ich empfand es nicht einmal als schlimm: Kleiner Fingerschwur. Es war aufregend und interessant, wie stark die Strukturen des Fliegens ausgebaut waren im Vergleich zu Bus oder Bahn. Die Interrail App ist nämlich nicht mit allen Anbietern in Europa vernetzt und ab und an müssen Buchungen über externe Websites stattfinden. Reisen bleibt aber auch in diesem Fall ein Privileg und mit dem Zug zu fahren, sorgt selbstverständlich ebenfalls für einen CO2 Ausstoß. Aber für mich steckt viel mehr Potenzial darin, als mich noch einmal in ein Flugzeug zu setzen. Reisen mit der Bahn wird immer mehr Zeit in Anspruch nehmen, aber „Slowtravel“ birgt viel Raum, um über den Tellerrand zu schauen und vor allem Menschen kennenzulernen. Es geht nicht darum heute hier und morgen dort zu sein: Der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ erlangt hier eine tiefere und vor allem nachvollziehbare Bedeutung. 

Ja, letztendlich saß ich über 40 Stunden im Zug, ja letztendlich habe ich 200 Euro anstatt 60 ausgegeben und ja, ich konnte nicht so viele Städte sehen, wie ich mir vorgenommen hatte. Aber ich so war es möglich einen kleinen Einblick in die italienische Kultur zu gewinnen. Ich saß einen ganzen Tag lang mit einer italienischen Familie in einem Raum zum Mittagessen und Quatschen (auch wenn ich kein Wort verstanden habe) und habe die Herzlichkeit sowie Gastfreundschaft dieser Menschen kennenlernen dürfen. Letztendlich habe ich mir zwei Städte anstatt fünf angeschaut und mir die Zeit genommen, die kleinen Winkel dieser Städte zu erkunden. Jede Person, die Reisen liebt, muss sich sowieso von dem Gedanken verabschieden, die ganze Welt zu bereisen und überlegen, ob die Reise für den Instagramaccount oder den eigenen Horizont stattfindet. 

Zeit ist so eine Sache. Zeit lässt Stress entstehen und den wollen wir doch gerade beim Reisen hinter uns lassen. Zeit nehmen, anstatt Zeit einteilen. Wie wäre es mal damit? Und dann auch noch ohne schlechtes Gewissen. Was will Mensch mehr.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Leonie Theiding und Henrike Notka
Henrike Notka Verfasst von:

Art Director I Soziologin und Politikwissenschaftlerin I Que(e)rdenkerin