High-Rise: Wohnen ein Es, ein Ich und ein Über-Ich in einem Hochhaus

Achtung Spoiler!

Ein Kind sitzt auf einem Hochsitz aus Müll, Antennen und Kabel winden sich bis an die Spitze, auf den Ohren trägt es ein Paar verchromte Kopfhörer. Das Hochhaus ist ein Schlachtfeld und Toby, als technisch begabtes Kind, scheint den Turm selbst gebaut zu haben. Eine Radiostimme knistert aus dem Off:

„There is only one economic system in the world, and that is capitalism. The difference lies in whether the capital is in the hands of the State or whether the greater part of it is in the hands of people outside of State control. Where there is State capitalism there will never be political freedom.“

(Übersetzung: Es gibt in dieser Welt nur ein ökonomisches System, und das ist Kapitalismus. Der Unterschied liegt darin, ob das Kapital in den Händen des Staates oder der größere Teil in den Händen von Leuten außerhalb staatlicher Kontrolle liegt. Wo es Staatskapitalismus gibt, wird es nie politische Freiheit geben.)

Mit diesen Worten Margaret Thatchers endet ein zweistündiger Filmtrip in die Psyche des Menschen und der gesellschaftskritisch-populären Theorien der 1970er. Doch aktualisiert Ben Wheatly (Regie) die Buchvorlage Ballards in seiner Verfilmung von 2015 nicht und belässt es damit bei einer Darstellung normativer Gesellschaft, in der alles Abweichende unsichtbar ist.

London im Jahr 1975. Robert Laing, ein junger und wohlhabender Arzt, zieht in den 25. Stock eines gerade fertiggestellten modernistischen Hochhauses des Architekten Anthony Royal. Die Gemeinde lebt hier isoliert vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten. Das Gebäude soll eine ganz neue Ebene von Luxus ermöglichen: Es bietet Bewohnenden alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens, vom Supermarkt bis zum Fitnessstudio, es ist nicht mehr nötig, das Hochhaus zu verlassen.

Je höher eine Person im Haus wohnt, desto höher ist ihr Status. Während in den oberen Stockwerken in vollendetem Luxus gelebt wird, leben die Menschen mit abnehmender Stockwerkszahl in immer prekärer werdenden Verhältnissen. Dies führt bald zu sozialen Konflikten.

Bereits in anderen Analysen, als auch nach Ballards Aussagen selbst, wird deutlich, dass es bei High-Rise um eine Analogie marxistischer und psychoanalytischer Theorien handelt. Die überzeichneten Hauptfiguren repräsentieren dabei Konzepte des Marxismus und der Psychoanalyse.
Der Architekt Anthony Royal, der im obersten Stockwerk wohnt und die Hochhäuser erbauen lässt, verkörpert das Über-Ich und die Bourgeoisie (Bezeichnung des Marxismus für die herrschende Klasse). Seine Darstellung als Bourgeois ist subtiler, sein sozialer Status, und der damit verbundene Vorwurf an ihn als Person, auszubeuten, wird nur durch die Darstellung seines Luxuslebens suggeriert. Er entspricht durch seine vergeistigten Äußerungen und (sexual-)moralistisches Verhalten, dem, was Freud als Über-Ich bezeichnete.

Demgegenüber steht Richard Wilder, ein barbarisch dargestellter Dokumentarfilmer. Er verkörpert das triebhafte Es und die als unzivilisiert dargestellte Unterschicht1. Er und seine Familie sind dreckig, haben unzählige Kinder und leben in ständiger Geldnot. Kaum Licht fällt in ihre Wohnung nahe dem Erdgeschoss.

Der Arzt Richard Laing verkörpert das zwischen Es und Über-Ich vermittelnde und bewusste Ich, sowie die schwankende Mittelschicht. Er lebt auf halber Höhe des Hochhauses und ist hin und her gerissen zwischen Wilders aufbrausender Art und Royals intellektuellem Schaffen. Auch als es zum Konflikt kommt steht Laing zwischen den Fronten der Ober- und Unterschicht, er ist stetig im Zwiespalt zwischen moralischem und triebhaften Verhalten.

Am besten lassen sich die verarbeiteten Theorien jedoch am Hochhaus selbst darstellen. Die Charaktere sind für die Geschichte weniger stichwortgebend als die Dynamik im Hochhaus selbst. Die Figuren Wilder, Laing und Royal erleben miteinander verwobene Geschichten innerhalb des Chaos, welches durch die soziale Ungerechtigkeit des Hauses hervorgerufen wird. Das Haus selbst wird zum Subjekt und Objekt des Geschehens. Die eigentliche Hauptfigur. So antwortet Royals Assistent, im Laufe der Eskalation, auf dessen Versuch hin ihn zu feuern, dass er schließlich nicht für ihn (Royal) sondern das Gebäude arbeite.

Doch mit einer Analyse, dessen was High-Rise uns präsentiert, ist es nicht getan. Aktuelle Gesellschaftstheorien, die in marxistischer und psychoanalytischer Tradition stehen2, betonen vorallem die Unsichtbarkeit verschiedenster Menschen innerhalb der Gesellschaft. Wir können also anhand dessen was dargestellt wird oder eben nicht dargestellt wird, feststellen, inwieweit Wheatly die Theorien aus den 70ern aktualisiert hat.

Der Regisseur Wheatly gesteht in einem Interview selbst ein, dass er sich eher auf die Geschlechterrollen konzentriert habe als auf phänotypische3 Diversität zu achten. Sprich es kommen lediglich 3 nicht-weiße Personen, in statischen Rollen, im Film vor. Während er in einem Interview von der „Arroganz der Mächtigen“ spricht und damit die strukturell antisemitischen Ressentiments, hinter seiner Darstellung der Oberschicht, bestätigt, wird auch die Unterschicht ganz nach bestehendem Ressentiment als dreckig und ungebildet karikiert.
Selbst die weiblichen Rollen, die nicht als Nebenrollen auftauchen, dienen allein der Triebbefriedigung des Mannes. Trotz der Ermächtigung einiger Frauen, welche am Ende des Films den Vergewaltiger Wilder erstechen, bleiben Kostüm und Cast ein Feuerwerk patriachaler Träume. Erwähnung sollte an dieser Stelle finden, dass die Vergewaltigung von Melville durch Wilder nicht explizit dargestellt wird, während es an expliziten Sexszenen nicht mangelt. In keiner der unzähligen Sexszenen findet Darstellung von Homosexualität Einzug. Abweichung von Heterosexualität oder Geschlechterrollen existiert im Narrativ des Films nicht. Mit der Eskalation der Barbarei kommt es zu einer Abweichung von Geschlechterrollen, indem Cross-Dressing der Szene einen noch verachtenswerteren Ekel verleihen soll.

Trotz seines durch und durch gesellschafts’kritischen‘ Anspruchs verfehlt es der Film völlig die heutige Gesellschaft zu erfassen und mit ihrer Normativität zu brechen. Während sich die Theorien auf die Wheatly sich stützt mittlerweile aktualisiert wurden und sich exakt um diese unbewusste Normativität drehen, dreht und suhlt sich Wheatly grundlos in der Norm. Weder Persons of Color, Homosexualität oder Abweichung von Geschlechtsnormen/Transgender existieren in der Welt des Films. Und nein, Kunst muss nicht immer Geschlechterrollen oder Rassismus zum Kernthema machen, doch rückt sie, durch eine normative Darstellung, unbewusst, Konstrukte wie ‚Geschlecht‘ oder ‚Rasse‘ in den Fokus und behandelt sie damit auf einer Ebene, die nur für jene wahrnehmbar ist, die sich damit auseinandersetzen, für alle anderen ist es eben ’normal‘.

Wheatlys Werk dreht sich um die Psyche des Menschen und die Anomie des Kapitalismus (die Annahme ‚der freie Markt‘ rufe Chaos hervor und sorge dafür, dass soziale Strukturen fehlten). Die völlige Barbarei des Hochhauses wird, durch das ironisch platzierte Zitat am Ende des Films, als die Folge der Marktwirtschaft dargestellt. Es scheint als würde Wheatly in den heutigen Zuständen Ballards Klassiker wiederkennen. Für das Jahr 2015 hingegen liefert der Film uns mehr Einblick in die chauvinistische Psyche und vulgär-linken Vorstellungen Wheatlys als in die Dynamiken der menschlichen Psyche und Gesellschaft.

Mitarbeit: Jan Schiffer

1. Ich verwende das Wort Unterschicht hier in kursiv um deutlich zu machen, dass es sich dabei um ein abwertendes Wort handelt, welches ich nicht als Zuschreibung übernehme, sondern um die Darstellung im Film zu benennen.

2. Ich beziehe mich hierbei auf den Poststrukturalismus/die Postmoderne, dabei unteranderem die Queer Theorie und Postcolonial Studies, sowie die Kritische Theorie.

3. Ich möchte mich hier von dem Begriff der ‚Ethnie‘ und seinem Ersatzcharakter für ‚Rasse‘ abgrenzen. Stattdessen wähle ich den Begriff Phänotyp, da es nicht um die tatsächliche Rassifizierung der Dargestellten geht.

Julian LeBerg Verfasst von:

20 Jahre jung und ein altes Kind. Politisch und philosophisch aktiv versuche ich eine anarchistische Perspektive auf die Welt zu vermitteln. Mein bisheriges Leben habe ich im Großraum Hamburg verbracht und konzentriere mich auf die Themen queerfeministischer, postkolonialer und antideutscher Praxis und Theorie.

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