Normalität und Devianz – oder: Was guckst du so?

Kleines Gedankenexperiment: Du hältst die Einladung eines neuen Freundes in deinen Händen. Auch wenn du es komisch findest, dass noch jemand auf die Idee kommt tatsächlich Papier zu verwenden, um Leute zu sich nach Hause einzuladen, liest du dir den in Comic Sans geschriebenen Text durch. Neben den Standardphrasen bezüglich des Treffpunkts – häufig eine zu kleine Wohnung für eine zu große Anzahl an Personen – und der Uhrzeit, siehst du am Ende des zerknitterten Zettels die Worte „Motto: Sportlich“ und verdrehst dabei die Augen. Aber nun zum interessanten Teil.

Eigentlich würdest du gerne „Nein, danke“ auf den Zettel schreiben und diesen an den Absender zurückschicken. Aber weil es ein neuer Freund ist, schnürst du am angegebenen Tag deine Sportschuhe, legst Schweißbänder an und machst dich mit deinem Tennisschläger im Arm auf den Weg. Am Wohnhaus angekommen betätigst du die Klingel, gehst das Treppenhaus hinauf und hast zwei grundlegende Erkenntnisse. Erstens ist die Wohnung wie erwartet völlig überfüllt. Zweitens war mit „sportlich“ offensichtlich Jeans und Sneaker gemeint, zumindest hat keine andere Person ein Kostüm an. Nun stellt sich dir die Frage: Bleiben oder Gehen?

Das mulmige Gefühl, welches in einer solchen Situation entsteht, hängt mit Erwartungen zusammen. Genauer gesagt mit gesellschaftlichen Erwartungen. Es gibt Dinge, die in einer sozialen Gemeinschaft als normal angesehen werden und Dinge, die davon abweichen. Immer wenn wir uns in Gesellschaft befinden, registriert unser Gehirn beispielsweise das Aussehen und Verhalten der anderen Personen. Dabei fällt dem Gehirn vor allem auf, was ungewöhnlich ist. Ungewöhnlichkeit ist jedoch nicht etwa ein Produkt der Natur – sie hängt immer mit der Prägung zusammen, die wir von unserem sozialen Umfeld erhalten. Etwas komisch oder abweichend zu finden ist also ebenso normal wie abnormal. Normalität und Devianz trennt in diesem Sinne häufig nicht mehr als ein Gespräch.

Das sagt auch Fin, mit dem ich über das Normalsein gesprochen habe. Fin liebt Basketball, hat drei Jahre lang International Business studiert und ist seit 9 Jahren ab dem Bauchnabel abwärts gelähmt. Ich habe mit Fin über seine Erfahrungen geredet, von anderen als abweichend stigmatisiert zu werden. Und über das Wort „Fuck“.

Freihafen: Moin Fin, wie geht es dir, wie fühlst du dich heute?

Fin: Danke, mir geht’s gut. Ich fühle mich heute, wie die meisten anderen Tage auch, ganz normal.

Das ist doch beruhigend! Nun aber zum Thema. Angenommen, wir sitzen unbekannter Weise nebeneinander in einer Bar und ich würde dich auf deinen Rollstuhl ansprechen: was würdest du antworten?

Hm. Also das kommt ganz darauf an, wie du dich verhalten würdest. Wenn ich merke, dass du mich anders behandelst, nur weil ich im Rollstuhl sitze, würde ich dir sagen, dass ich einen Unfall hatte. Und ich würde versuchen das Gespräch zu beenden. Wenn du aufrichtig mit mir bist, wäre ich da sicher offener.

Was meinst du mit aufrichtig?

Frag‘ dich das am besten mal selbst: Änderst du dein Verhalten, weil die Person dir

gegenüber nicht gehen kann? Dann ist das nicht aufrichtig. Hast du das Gefühl, die Ansprache eines Themas sei unangebracht? Sprich es nicht an. Das gilt ja wie in jedem anderen Gespräch auch. Manche Menschen denken jedoch, dass dies in einem Zwiegespräch mit mir besonders gilt – das nervt.

Ich verstehe, was du meinst. Sagen wir also, ich wäre dir sympathisch. Hättest du ein Problem damit, mit mir über deinen Unfall zu reden?

Nein, überhaupt nicht. Mittlerweile kann ich ganz gut darüber reden, weil es eben auch ein Teil von meinem Leben ist. Ich hatte vor fast 10 Jahren auf dem Weg zu einem Freund in der Nachbarstadt einen Autounfall. Dabei bin ich durch Aquaplaning von der Straße abgekommen und nach mehreren Überschlägen rückwärts in einen Baum gerammt. Beim Aufprall ist meine Rückenlehne in meine Wirbelsäule gestoßen, wobei ich mir diverse Brüche zugezogen habe. Darunter auch zwei ausgedehnte Trümmerbrüche in der Wirbelsäule, die auch mein Rückenmark nachhaltig beschädigt haben. Aus diesem Grund bin ich heute querschnittgelähmt und bewege mich im Rollstuhl fort.

Wie ist das für dich, diese Erfahrung mit mir zu teilen? Empfindest du das als etwas sehr Intimes?

(Überlegt) Nun, dadurch dass der Rollstuhl deutlich sichtbar ist, empfinde ich es nicht zwingend als intim. Natürlich ist er als zentraler Bestandteil meines Lebens ein intimes Thema. Ich kann auf der anderen Seite den Rollstuhl auch nicht einfach verstecken und so tun, als wäre er nicht da. Somit hatte ich eigentlich nie Probleme darüber zu reden.

Das zeigen auch deine vielen Reisen. Letztes Jahr warst du etwa in Südamerika und Asien. Gab es während dieser Aufenthalte Situationen, in denen du dich stigmatisiert gefühlt hast? Verreisen bedeutet ja auch immer wieder auf andere Leute zu treffen und sich ihnen zu öffnen.

Eigentlich habe ich durchweg positive Erfahrungen gemacht. Ich könnte viele Geschichten erzählen, in denen mir Menschen Herzlichkeit und Verbundenheit gezeigt haben. Spontan könnte ich mich jedoch an keine Situation erinnern, die mich in meiner Persönlichkeit verletzt hätte. Solche Erfahrungen habe ich eher zu Hause gemacht. Was mir nach meinem Unfall als erstes auffiel war, dass mir häufig Menschen erzählten, sie würden auch jemanden kennen, der im Rollstuhl sitzt. Das hat mich manchmal echt getroffen.

Was hat das dann mit dir gemacht?

Häufig erklären mir diese Personen dann, dass ihre Bekannten ja eigentlich auch ganz normal seien und ein tolles Leben führten. Das fühlt sich dann an, als würden mich die Leute in meinem Dasein belehren wollen. Als wenn sie wüssten, wie es in mir vorgeht. Dabei ist jede Querschnittlähmung unterschiedlich. Manche verlieren nur das Gefühl in den Unterschenkeln, andere können höchstens ihren Kopf bewegen. Insgesamt ist so ein Vergleich einfach unangebracht. Jeder Mensch ist unterschiedlich in seinen Gefühlen und so sollten er auch behandelt werden – vor allem Trost spendet sowas niemandem.

Das zeigt auch, wie Menschen soziale Bewertungen aus ihrem eigenen Erfahrungsbereich heraus tätigen. Es ist verwunderlich, dass Normalität häufig mit Durchschnittlichkeit verbunden wird. Dabei ist Durchschnittlichkeit jedoch auch immer von der entsprechenden Perspektive abhängig. Wie passt das für dich zusammen – Fühlst du durchschnittlich?

Puh, schwierig. Aus dem Gefühl heraus würde ich natürlich ja sagen. Genauer betrachtet, müsste man aber fragen: „In welchem Bereich fühlst du dich durchschnittlich?“. Bin ich durchschnittlich gesund? Nein, ich sitze im Rollstuhl – ich bin chronisch krank. Das heißt jedoch nicht, dass ich überdurchschnittlich viel Mitleid brauche. Bin ich durchschnittlich intelligent? Ich hoffe ja. Dafür hat mir jedenfalls noch nie jemand Mitleid bekundet. Es ist ja so: Ich bin nicht mein Rollstuhl.

Normalität und Individualität sind paradoxer Weise auch verbunden. Das kann man beispielsweise in der Mode gut beobachten. Du wirst solange mit einem außergewöhnlichen Style gefüttert, bis du denkst, dieser Look sei angesagt. Später wird der Trend von allen als modisch akzeptiert. Wieso ist es für viele trotzdem so schwierig, rollstuhlfahrende Personen als gleichgestellte Mitmenschen zu akzeptieren?

Ich glaube das hängt damit zusammen, dass der Rollstuhl häufig auch mit Hilflosigkeit und Krankheit gleichgesetzt wird. Menschen werden in Rollstühlen durchs Krankenhaus geschoben, weil sie zu schwach oder zu schwer verletzt sind, um sich selbstständig fortzubewegen. Ich persönlich hingegen bin selbstständig. Ich bin auf eine andere Weise krank. Meine Krankheit ist ein Teil meines Lebens, sie ist normal für mich – für diese Leute nicht.

Wenn ich das größte Werbeplakat in Hamburg am Jungfernstieg eine Woche mieten würde und du einen Satz darauf schreiben dürftest, welcher wäre das?

Das ist echt eine schwierige Frage. Ich kann ja jetzt auch nicht irgendwas sagen… da liest man hundert verschiedene Inspirational Quotes und wenn man wirklich eins braucht, hat man keins parat.

Sag einfach das erste, was dir einfällt.

„Fuck“ würde ich draufschreiben. Fuck kann alles bedeuten und passt in jeder Lebenssituation. Ich habe ein Video gesehen, in dem das ganz gut erklärt wird. Findest du etwas richtig inspirierend? – Fuck, wie großartig ist das denn?! Findest du etwas beschissen? – What the fuck? Ich glaube es wäre interessant zu sehen, wie die Vorbeifahrenden dadurch verwirrt werden und was sie damit verbinden.

Dieser Artikel erschien in der Print-Ausgabe 02/2019 “Out of the Bubble”.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Arne Matzanke
Arne Matzanke Verfasst von:

Habe Politik und Arabistik studiert. Kenne mich weder mit dem Einen als auch mit dem Anderen besonders gut aus, allgemein mit allem.