Sich selbst lieben

In den letzten Jahren bin ich auf Social Media und in der Werbung immer wieder auf einen bestimmten Begriff gestoßen, der mich neugierig gemacht hat: Body Positivity. Und als wir uns dann bei unserem zweiten Themenmonat für das Thema Liebe entschieden, wusste ich, dass es Zeit war, diesen Begriff und seine Hintergründe einmal näher zu betrachten.

Es ist interessant, dass ich gerade auf Social Media diesen Begriff finde, wobei dies oft nicht nach Body Positivity schreit. Aber dazu später mehr. Zuerst einmal möchte ich auf den Begriff an sich, seine Definitionen und Geschichte eingehen. Hinter dem Begriff verbergen sich viele Definitionen und ich habe nicht den Anspruch, allen diesen auf den Grund zu gehen. Wen das Thema weiter interessiert, biete ich unten ein paar Links und das Internet hält viele Ressourcen bereit.

Ich lieb mich, ich lieb mich nicht

Neben dem Begriff Body Positivity möchte ich auch auf den Begriff Selbstliebe eingehen. Der Duden definiert Selbstliebe als „egozentrische Liebe zur eigenen Person; Eigenliebe“. Warum hat dies gleich eine so negative Konnotation? Ist die Liebe zu sich selbst nicht genauso wichtig wie die Liebe zu anderen Menschen? Selbstliebe muss doch nichts mit Selbstverliebtheit zu tun haben oder einer übersteigerten Eigenbezogenheit. Schon die Bibel spricht davon: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

Selbstliebe ist also kein neues Konzept und trotzdem scheint es den meisten Menschen schwer zu fallen. Wie auch nicht? In einer Gesellschaft mit optimalen Körpermaßen und Werbung, die dir Produkte verkauft, die dich schlanker machen sollen, dir größere Lippen geben oder deine Haut auf ewig jung halten sollen. Dagegen kommt jemand doch gar nicht mehr an. Während die Gesellschaft und der Markt dir vermitteln, dass du nicht genug bist, wirst du von dieser Last erdrückt. Dagegen sollen Body Positivity und Selbstliebe nun helfen. In dem Wort Body Positivity steckt schon das Wort Body: Körper. Bezieht sich diese Liebe zu sich selbst damit nur auf den Körper? Geht Selbstliebe somit noch einen Schritt weiter?

Connie Sobczak, Gründerin von The Body Positive, beschreibt Selbstliebe so:

Self-love to me means I have arms of love wrapped around myself, even on the days when I don’t like myself. It feels to me like the embrace of an unconditionally loving mother or grandmother, someone who sees me, the essence of me, no matter what “mistakes” I make. Self-love isn’t something that is perfect. It doesn’t mean I like myself in every moment or that there is some magical thing I do that means I’ll never suffer again. It’s a practice that I commit to every day.”

Selbstliebe bedeutet für sie also nicht, dass man sich in jedem Moment mag, sondern man jeden Tag daran arbeitet.

Body Positivity – Ursprünge

Kendra Cherry, Autorin, Bildungsberaterin und Rednerin für Schüler*Innen und Studierende zum Verständnis von Psychologie, spricht in ihrem Beitrag bei Verywell Mind über Body Positivity. Verywell Mind ist eine Webseite mit Beiträgen zu Themen der psychischen Gesundheit. Bei Body Positivity gehe es laut Cherry darum, dass alle Menschen ein positives Bild ihres Körpers verdient haben, unabhängig von den idealisierten Bildern der Gesellschaft. Ziele seien dabei zum Beispiel das Kritisieren der sehr unrealistischen Schönheitsideale und das Aufbauen von Anerkennung des eigenen Körpers. Dabei ginge es über die Körpermaße hinaus hin zu der äußerlichen Verurteilung aufgrund von Geschlecht, Rasse oder Behinderung.

Die Body Positivity-Bewegung komme ursprünglich aus dem „Fat Acceptance Movement“ der 1960er gegen Fat-Shaming und Diskriminerung aufgrund von Körpermaßen. Dariana Guerrero spricht in ihrem Artikel über „The Fat Underground“, die sich 1973 gründete. Dabei ging es den Mitgliedern vor allem um fat phobia und die Kritisierung der Gesundheitsindustrie, die dicke Menschen diskriminiere und zu einer Diätkultur beitrage, die es bis heute gebe.

Der Begriff Body Positivity tauchte 1996 auf, als Connie Sobczak und Elizabeth Scott The Body Positivity gründeten. Wie Selbstliebe bedeute Body Positivity laut Sobczak nicht, dass man sich in jedem Moment gut fühle und es habe auch nichts mit Perfektion zu tun. Man verpflichte sich, seinen Körper zu lieben, weil er uns Leben gebe. Sie selbst arbeitet daran, viele Teile ihres Körpers zu akzeptieren, während sie älter werde. Jeder Mensch habe Wert und verdiene, dass man sich selbst und andere gut behandele, so wie man sei. Sie beschreibt Body Positivity als eine Bewegung, die sich weit über ihre Non-Profit-Organisation ausgebreitet habe.

Man sieht hier bereits einen Unterscheid zwischen den beiden oben genannten Begriffen. Selbstliebe und Body Positivity ähneln sich zwar in ihrem Ziel, der Liebe zu sich selbst. Der Fokus liegt bei Body Positivity jedoch hauptsächlich auf dem Körper. Er ist zudem zu einer Bewegung gewachsen, die mittlerweile weit über ursprünglichen Ansätze und Ziele hinausgeht.

The Body Positive

Durch den Vorschlag einer Freundin kam es 1996 dazu, dass Sobczak ihre Non-Profit-Organisation The Body Positive nannte. Sie teilte und registrierte den Namen mit der Psychologin Deb. Als die Body Positive-Bewegung mit Social Media immer weiter zunahm war es für Deb und Sobczak unmöglich, die Nutzung des Namens zu stoppen. Dies zeigt bereits, welche Ausmaße die Body Positive-Bewegung über die Jahre angenommen hat, besonders in den letzten 10 Jahren. Es geht mittlerweile nicht mehr nur um unrealistische Schönheitsideale für Frauen, sondern um die Akzeptanz aller Menschen und ihrer Körper.

Sobczak meint:  

„We don’t take credit for the movement, we just do the work every day at The Body Positive to get people trained to create brave, healing spaces in their schools, communities, and treatment practices, where people can come together to break down mythology about weight and health, learn to listen to their bodies to guide their self-care choices, build a practice of self-love, see and express their ancestors through their amazing bodies, and build community to support them in living freely.”

Die Gründung von The Body Positive hatte für Sobczak sehr persönliche Gründe, da sie selbst, wie auch ihre Schwester, mit Essstörungen kämpften. Ihre Schwester starb schließlich daran, gefördert ebenfalls durch eine Autoimmunerkrankung. Für ihre Tochter, zu der Zeit ein Jahr alt, wollte sie mit The Body Positive eine bessere Welt aufbauen. Dabei geht es Sobczak um systemische Veränderungen, was The Body Positive besonders durch ihre Arbeit in Schulen erreichen wollen.

Sobczaks Erfahrungen mit Essstörungen zeigen dabei auch, wie stark das Bild des eigenen Körpers mentale Gesundheit beeinflusst. Es geht bei Body Positivity und Selbstliebe also genauso um mentale Gesundheit, wie auch Cherry in ihrem Artikel betont. Dabei ist es wichtig, die Einflüsse der Gesellschaft und Märkte aufzuzeigen, die zu einem schlechten Bild des eigenen Körpers führen.

Vom Weg abgekommen?

Es gibt allerdings auch Kritik an der Body Positivity-Bewegung. Cherry nennt zum Beispiel das Problem, dass Body Positivity impliziere, dass man das machen solle, was einer Person ein gutes Körpergefühl gebe. Auch die fehlende Inklusivität wurde schon des öfteren kritisiert. Cherry zählt dazu den Ausschluss von Menschen mit Behinderungen oder auch non-binäre Personen auf. In meiner Recherche zu Body Positivity bin ich allerdings auch auf, meiner Meinung nach, sehr inklusive Seiten und Projekte gestoßen.

Cherry weist auch auf den Druck zu Selbstakzeptanz hin:

„Simply telling people to accept themselves and be resilient in the face of the bombardment of images promoting the thin ideal can be damaging. […] It can create more pressure for a person who is already feeling anxious, negative, and devalued. Popular culture tells people that they are flawed—but then demands that they have a positive attitude about it. Not feeling positive about your body can then lead to shame and guilt.”

Sobczak frustriert es, dass Body Positivity zum Teil als exklusiv gesehen wird, da sie eine andere Auffassung bei The Body Positive vertreten. Anstatt Menschen einen Weg zu mehr Selbstliebe und -akzeptanz vorzugeben, haben sie ein Modell mit Fragen entwickelt als Werkzeuge zur Findung von mehr Lebensfrieden der Teilnehmer*Innen. Denn Body Positivity ist für jeden anders und kann unterschiedlich definiert werden. Für sie hat die Kritik an Body Positivity nichts mit ihrer Arbeit zu tun. Sie betont oft, dass Body Positivity nicht heißt, dass man sich immer gut fühlt. Sondern, dass man auch hinfällt und wieder aufstehen muss. Sie meint, Akzeptanz in dieser Gesellschaft sei schwer, aber Liebe sei es nicht. Doch auch in der Liebe zu anderen Menschen gibt es Hoch und Tiefs. Der Tod ihrer Schwester war wie ein Wachrütteln:

„Even though I had done the work to make peace with my body, I still felt scared that my life would end early (who was I to think I would live a long life?). And what I knew was that being unkind to myself wasn’t fun, so I’ve spent every day since that time in my thirties learning how to be kinder to myself (all aspects of myself including my body) – and that to me is what it means to be Body Positive. So critics can say whatever they want. My hope is they spend more time focusing on learning how to be kinder to themselves and others.”

Einen weiteren Kritikpunkt den Cherry erwähnt, ist, dass der Körper durch Body Positivity in den Mittelpunkt gerückt wird anstatt anderer Eigenschaften einer Person. Im Zuge dieser Kritik wurde ein neuer Begriff populär: Body Neutrality. Dabei soll der Körper aus der Selbstbetrachtung herausgenommen werden. Die Frage stellt sich, ob dies für Leute, die die Body Positivity-Bewegung anspricht, wirklich möglich ist in Gegenwart der gesellschaftlichen Normen. Auch Sobczak meint, dass sie vermutlich nie neutral zu ihrem Körper sein könne. Jedoch wenn Body Neutrality Menschen helfe, sei das gut.

Positive Medien

Social Media beeinflusst sehr stark, wie Menschen ihren Körper sehen und an welchen „Idealen“ sie sich orientieren. Social Media wie Instagram ist voll von Photoshop, unrealistischen Schönheitsidealen und Sport- und Diätprogrammen, die dich „schöner“ machen sollen und einem das Gefühl vermitteln, so wie man ist, ist man nicht gut genug. Aber ich habe auch ein paar Menschen und Accounts gefunden, die genau dem entgegenwirken wollen, ob mit positiven Affirmationen, Fotografie, Musik oder Kunst. Sie wollen ein anderes Bild der Gesellschaft zeichnen.

Eine Person davon ist Shanthony Exum, mit der ich ebenfalls in Kontakt stand. Sie ist eine Multimedia Künstlerin aus Brooklyn, ist aber kürzlich nach Kanada gezogen. Sie hat schon viele verschiedene Dinge gemacht, von denen ich euch nur einige vorstellen kann. Eines ihrer Projekte ist The Every Body Project, das sie 2013 startet, um mehr Inklusivität in der Repräsentation von Menschen und ihrem Style zu zeigen. Daneben macht Exum auch Musik. Auch in Zeiten von Corona hat sie damit nicht aufgehört und das Video Belly Bounce rausgebracht. Ein kollaboratives Video mit vielen verschieden Menschen, die zur Musik tanzen und ihre Bäuche schütteln. Exum sagt dazu:

„Whenever I make music videos I try to make them as inclusive as possible. I want my art to reflect the world around me which is full of people from all different backgrounds and experiences. Belly Bounce Music Video was something I made with my limited resources during quarantine while also trying to represent as many perspectives as possible.”

Selbstliebe bedeutet für Exum, dass man sich selbst akzeptiere und nicht darauf achte, was die Gesellschaft als „normal“ darstelle.

„I would say as much as you can appreciate your body for what it can do, but also do not beat yourself up if you have bad days because saying you always should love your body is toxic positivity.”

Zu dem Begriff Body Positivity distanziert sie sich immer mehr. Sie meint das Body Positivity vom Kapitalismus aufgenommen wurde und es mittlerweile nur darum gehe, wie man seinen Körper attraktiver machen könne, nach den Standards der „weißen patriarchalen imperialistischen Gesellschaft“ und zu rechtfertigen, warum Körper, die bereits als positiv angesehen werden, attraktiv seien:

„I wish we could throw away the desire to be attractive universally and just focus on allowing everyone access to resources, dignity and respect regardless of their body. I think one of the most body positive things you can do is to amplify the voices of people who have a disability, are queer/trans, BIPOC or fat.”

Weitere Instagrammer*Innen

Neben Exum gibt es auch andere Künstler*Innen auf Instagram, die Licht auf die verschiedensten Körper und Menschen werfen wollen. Christine Yahya, oder auch Pink Bits ist eine Armenisch-Australische Grafikdesignerin und Illustratorin aus Sydney. Mit ihren Designs möchte sie die Teile hervorheben, von denen die Gesellschaft sagt, sie sollten lieber versteckt werden.

Sophie Mayanne ist eine Fotografin. Ihr Projekt Behind The Scars finde ich besonders schön. Die Fotografien zeigen viele verschiedene Personen und ihre ganz unterschiedlichen Narben. Dazu gehört jeweils eine persönliche Geschichte. Das Projekt startete in 2017 und hat zum Ziel 1000 Fotos und Geschichten einzufangen. Es gibt noch viele weitere Menschen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen, die ich hier jetzt aber nicht alle nennen kann. Ich werde sie euch unten aber verlinken.

Es wird deutlich, dass es verschiedene Definitionen und Verständnisse des Begriffes gibt. Die Bewegung hat sich über die Jahre weiterentwickelt und es stellt sich die Frage, ob sie sich vielleicht verwaschen hat. Schließt es die Leute, die es ursprünglich einmal ansprechen sollte und aus denen es entstanden ist, doch wieder aus? Laut Sobczak und The Body Positive nicht. Sie möchten alle Menschen und ihre Körper einschließen, ohne ihnen Vorgaben zu machen. Manche Kritik ist durchaus angemessen, doch es gibt viele Projekte da draußen, die zeigen wollen, dass jede*r sich und seinen*ihren Körper lieben darf, ohne ihn jeder Zeit zu mögen. Also ist vielleicht gerade Selbstliebe ein noch besserer Begriff. Und wenn euch etwas hilft, ist es egal welchen Begriffen und Bewegungen ihr euch zugehörig fühlt.

Inklusivität ist hier das Stichwort. Sowohl in Werbung als auch auf Social Media gibt es immer wieder Idealdarstellungen, gegen die auch in Zukunft gekämpft werden muss. Und vielleicht sollte man Social Media auch einmal ausschalten und sich auf sich selbst konzentrieren und seinen Weg zu mehr Selbstliebe ganz in Ruhe finden.

Links

Tedx talk von Connie Sobczak

Artikel zu Body Neutrality auf The Body Positive

Andere Instagram Accounts:

MamaCax

Frenchfriesnthickthighs

Kaylaloganblog

Denisemmercedes

Bild mit freundlicher Genehmigung von Lisann Rothe
Lisann Rothe Verfasst von:

Ich bin eigentlich wie jede andere Studentin. Ich schaue viel zu viel Netflix, versinke dann aber in den Semesterferien hinter einem Romanstapel. Ich esse leidenschaftlich Kuchen und backe diesen am liebsten noch selbst. Ich lebe meine kreative Ader in mitternächtlichen Bastel- und Malaktionen aus und ich segle gern in neue Gewässer. AHOI!