Vegane Utopie- die Dystopie war gestern

Angesichts der vielen schlechten Neuigkeiten über unsere Erde im Klimawandel und die Zukunft nächster Generationen möchte ich hier zu einem Gedankenspiel einladen. 

Wir schreiben das Jahr 2035. Seit einiger Zeit haben sich die Bedingungen in Deutschland gewandelt: fast jede*r deutsche Bürger*in ernährt sich nach jüngsten Umfragen vegan. Die Wenigsten holen sich ihr Fleisch noch vom Schwarzmarkt. Durch die angeheizte politische Debatte um die Klimakrise und die immer weiter zunehmenden Naturkatastrophen gab es 2031 nämlich eine Initiative, die als Volksbegehren tierische Produkte von dem deutschen Markt entfernen wollte. Das Volksbegehren hatte letztendlich eine Mehrheit und konnte dann als Gesetz verabschiedet werden. 

Illegale Waldrodungen, Grundwasserverschmutzung und unfruchtbare Böden durch intensive Nutztierhaltung hatten sich nicht nur in Deutschland, sondern besonders auch in ärmeren Ländern gehäuft. Doch erst als die Probleme im heimischen Land schwerwiegender wurden, handelten die Deutschen. Dank der veganen Umstellung werden nun die einstigen Futter- und Weideflächen für die Nutztiere zum Anbau von Obst und Gemüse verwendet. Aber auch Soja und Lupinen lassen sich hier anbauen, weshalb diese Produkte nicht mehr aus Brasilien importiert werden müssen. Lange schon ist anerkannt, dass Tofu ein neunmal geringeres CO2 Äquivalent als Rindfleisch hat, aber dennoch fast den gleichen Proteingehalt (vgl. Herzig 2021). So wurde der fleischlose Ersatz nach der Gesetzeswende immer beliebter.  

Die immer noch bestehenden Unmengen an Weideflächen wurden frei, sodass sich heimische Vögel- und Insektenarten regenerieren konnten. Durch das Verschwinden des Fleischkonsums in Deutschland erhielt die Regierung 2025 die Klimaauszeichnung, weil die vegane Landwirtschaft eine radikale Dezimierung der Treibhausgas-Emissionen erzielte. 80% der sonst durch Nutztiere entstehenden Emissionen blieben seit diesem Jahr aus (vgl. Poore/ Nemecek 2018). Vor allem das von Kühen ausgestoßene Methan sei ausschlaggebend für die positive Bilanz gewesen, dass es das Klima 25-mal stärker als CO2 anheizt (vgl. Große 2019).

Der Ausgang des Volksentscheides gegen tierische Produkte im deutschen Lebensmittel- und Handelsmarkt war aber nicht nur der Klimakatastrophe zuzuschreiben. Auch die ethischen Argumente waren für viele mehr in den Vordergrund gerückt, vor allem für die jüngere Wählerschaft. Die Stadtkinder werden seit nun rund 8 Jahren bei Tagesausflügen zu den Schlachthöfen gebracht, um sich die dortige Realität zu vergegenwärtigen. Ohne diese Ausflüge wären die heutigen Erwachsenen in kognitiver Dissonanz verblieben. Trotzdem tragen auch Tier- und Naturdokumentationen wenigstens dazu bei, über die ehemaligen Zustände aufzuklären.

Diese zeigten, wie weibliche Kühe jährlich eine künstlich-erzwungene Schwangerschaft erleiden mussten, um anschließend ihr Geborenes nie wieder zu sehen, wie soziale Schweine aufgrund der Isolation in engen Buchten aggressiv wurden und sich die Schwänze der anderen abbissen, wie Hühnern in industriell gehaltener Landwirtschaft die empfindlichen Schnabelspitzen abgeschnitten wurden, um gegenseitiges Federpicken zu verhindern und wie männliche Küken nach dem Schlüpfen vergast oder zerhackt wurden, weil sie für die Produktion als zu ineffizient gehalten wurden. Die Deutschen bekamen somit zunehmend die Meinung, das Tierleid sei mit einer derart einfachen fleischlosen Alternative wie Soja oder Hülsenfrüchten nicht mehr zu rechtfertigen. Außerdem wollten die Menschen  nicht mit all dem vollgestopft werden, was sich in Fleisch aus industrieller Haltung verbirgt. Antibiotika und andere Medikamente, die den Tieren aufgrund eines Fehlmanagements in der Sauberkeit und den Lebensbedingungen regelmäßig verabreicht wurden, waren das negative Pendant zu mehr Platz und Artgerechtigkeit (vgl. Boell 2019).

Noch vor der Volksabstimmung war bekannt, dass die vegane Ernährung mit ein wenig Selbstrecherche keine gesundheitlichen Nachteile mit sich ziehen würde. Den Vitamin B12 Bedarf, der durch den Genuß von Wiederkäuern gedeckt wurde, kann man schon lange vor der Wende als Tabletten wie Cyanocobalamin in jedem Supermarkt kaufen. Doch auch den Nutztieren musste aufgrund fehlendem Auslauf und natürlichem Futter künstlich erzeugtes Vitamin B12 verfüttert  werden. In der Schule wurde spätestens seit der Verabschiedung des Gesetzes darüber aufgeklärt, woher man als Nicht-Fleischesser:in sein Jod, Eiweiß, Kalzium und Vitamin D bekommen kann. Blutkontrollen durch Ärzt:innen sind heutzutage Gang und Gebe, was die Krankenkassen aber gut mit der Senkung von Diabetes, Herzkrankheiten, Gelenkerkrankungen und Bluthochdruck ausgleichen können (vgl. Springmann et al. 2016).  Durch das Verschwinden tierischer Fette auf dem Speiseplan hat der Körper einen geringeren Energieverbrauch, weshalb sich viele Stimmen in Deutschland zu einem erhöhten Lebensgefühl aussprechen. 

In den Großstädten sind heutzutage oft Plätze zu sehen, an denen Landwirt:innen Vorträge über die Veränderungen ihrer Lebensbedingungen halten. Seit dem Wegfall von Nutztieren stehen deutsche Landwirt:innen nicht mehr unter dem Preisdruck, der durch Billigfleisch aus ärmeren Ländern angeheizt worden war. Statt der Subvention von Milch-und Fleischprodukten unterstützt die Regierung nun alle, die deutschlandweit nur Obst und Gemüse produzieren. Die Strukturen scheinen zu funktionieren, denn das Obst und Gemüse in den Supermärkten kommt nun vermehrt aus Deutschland.

Das alles ist Zukunftsmusik. Ja! Es ist klar, dass sich deutsche Bürger:innen eher ungern für den Verzicht des Sonntagsbratens oder der Weihnachtsgans aussprechen würden. Doch diese Ausführung neuer Strukturen soll zeigen, dass Veränderung möglich ist. Wie Melanie Joy beschreibt, sei der Karnismus ebenso eine Ideologie wie der Veganismus, sobald die Entscheidung über das Essen frei  ist (vgl. Joy 2015). Wir können also vielleicht doch ein selbstbestimmt gutes Leben führen und gleichzeitig auf die Natur und Tiere achtgeben. Wie so oft, stirbt nach den Tieren die Hoffnung zuletzt.

Quellen: 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Richair
Jasmin Baghiana Verfasst von: