Vom Fischmarkt zur Elbphilharmonie: Das Baltic Sea Philharmonic in Hamburg

Nach dem erfolgreichen Tourauftakt in der Berliner Philharmonie ist das Baltic Sea Philharmonic zu Gast in der Elbphilharmonie. Die jungen MusikerInnen unter der Leitung des Dirigenten Kristjan Järvi präsentieren Ihr neues Programm Midnight Sun. Dieses widmet sich den mystischen nordischen Naturphänomenen wie den Nordlichtern oder der Mitternachtssonne. Damit nehmen sie das Publikum mit in ihre Heimat, die von Norwegen bis Russland reicht. Bei ihren Auftritten fällt eins direkt ins Auge: Auf der Bühne fehlen die Notenständer. Die MusikerInnen spielen alle Stücke aus dem Gedächtnis und bieten damit dem Publikum ein neues Format, Konzerte zu erleben.

BMEF/ Peter Adamik Kristjan Järvi

Von der Idee zu den Talent Tours

Die Idee für die Gründung des Baltic Sea Philharmonic ist vor über zehn Jahren auf der Ostseeinsel Usedom entstanden. Der Intendant des Usedomer Musikfestivals Thomas Hummel wollte ein innovatives multinationales Orchester gründen. Sein Vorschlag: Ein Projekt, das die Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Ostseeländern Dänemark, Deutschland, Estland, Lettland, Litauen, Finnland, Norwegen, Schweden, Polen und Russland zum Ausdruck bringt. Wer eignet sich dafür besser als junge MusikerInnen aus dieser Region?

Über regelmäßig stattfindende Talent-Touren können sich junge Musizierende aus dem gesamten Ostseeraum für das Orchester bewerben. Dadurch unterscheidet sich das Ensemble von Tournee zu Tournee. Die Neuen lernen von denen, die schon länger dabei sind, und bringen frischen Wind in das Orchester. Die Talent-Tour beginnt mit einer Solorunde, in der die BewerberInnen eine Fachjury von sich überzeugen müssen. Dafür bereiten sie mehrere Stücke vor, um verschiedene musikalische Facetten von sich zu präsentieren. Wenn sie das schaffen, dürfen sie in der zweiten Runde zusammen mit dem Orchester proben. Wenn BewerberInnen mit dem Orchester harmonieren und sich aus ihrer Komfortzone herauswagen, kann ihnen der Weg geebnet sein, Teil des Baltic Sea Philharmoic zu werden.

Meet & Greet

Einen Teil des derzeitigen Ensenbles lernte ich vor dem Konzert bei einer Hafenrundfahrt kennen. Die jungen MusikerInnen des Ensembles sind im Durchschnitt 24 Jahre alt. Beim typisch starken Wellengang der Elbe erzählten sie mir von Ihren bisherigen Erfahrungen und Erlebnissen. Das Baltic Sea Philharmonic ist ein Projekt-Orchester und daher bis zu viermal im Jahr auf Tournee. In der restlichen Zeit studieren viele Ensemblemitglieder oder haben bereits eine berufliche Laufbahn eingeschlagen.

Alexey Mikhaylenko spielt Klarinette, ist seit acht Jahren im Baltic Sea Philharmonic und beschreibt diese Zeit als eine besondere Erfahrung. Anfangs dachte er, auch wie viele seiner MitmusikerInnen, es ist sehr schwer, ein Stück ohne Noten zu spielen! Doch mit der Zeit stellte er fest, ohne Noten zu spielen ist befreiend und ermöglicht, sich mehr auf die Musik und einen selbst zu fokussieren. Das Orchester kommuniziert mehr miteinander und dadurch entsteht ein einzigartiger Klang. Er hat sich für das Baltic Sea Philharmonic entschieden, da hier nicht die klassischen Vorgaben existieren, die jeder mit einem Orchester verbindet: genau nach Noten spielen, von Anfang bis Ende ist alles durchgeplant, tägliche Routine, Anzug und Frack. Denn bei den Baltic Sea Philharmonics ist kein Tag wie der andere. Die MusikerInnen können sich ausprobieren, denn die Individualität jedes Einzelnen steht im Vordergrund.

Der Violinist Maximilian Prokop ist seit dreieinhalb Jahren mit dabei. Auf meine Frage, was das Besondere an ihrem Orchester sei, antwortete er mir: Alles – die Menschen unterschiedlicher Nationalität, die Art und Weise, wie sie arbeiten und auf der Bühne miteinander performen, der kulturelle Austausch, ein Dirigent, der mit seiner Spontanität das Programm ändert. Das bietet kein anderes Orchester. Sie sind wie eine große Familie und dabei spielen kulturelle Unterschiede keine Rolle. Die Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Dirigenten Kristjan Järvi ist spannend, aber auch arbeitsintensiv. Er improvisiert gerne, was die MusikerInnen fordert.

Milosz Madejki, einer der Kontrabassspieler, ist seit mittlerweile sechs Jahren Teil des Orchesters. In dieser Zeit hat er sich mit anderen Ensemblemitgliedern über die Geschichte Ihrer Region ausgetauscht und neue Perspektiven kennengelernt. Ihm gefallen vor allem die künstlerischen Freiheiten und die Chancen, sich immer wieder neu ausprobieren zu können. Dies ermöglicht nicht nur die Idee hinter dem Orchester, sondern auch ein Dirigent wie Kristjan Järvi, der sich für innovative Ansätze begeistert.

Die Elbphilharmonie ist für Milosz und die Anderen ein Ort mit besonderem Bezug: 2017 debütierten sie dort. Daher sind alle voller Vorfreude wieder im großen Konzertsaal spielen zu dürfen, da dieser eine unbeschreibliche Akustik bietet.

BMEF/ Peter Adamik Elbphilharmonie

Von Vogelgezwitscher zu estnischen Volksliedern

Unsere Hafenrundfahrt endete am Altonaer Fischmarkt. Danach haben viele Musiker noch die Zeit genutzt, um zu üben, bevor die Generalprobe anfing. Das anschließende Konzert war ausverkauft. Die Violinisten eröffneten den Abend: Einige hatten sich im Konzertsaal verteilt und stimmten den Abend zusammen mit einem leiseren Ton an. Nach und nach füllte sich die Bühne mit dem Ensemble und immer wieder tauchte die aus Norwegen stammende Violinistin Mari Samuelsen auf, die das Orchester als Solokünstlerin begleitete. Vogelgezwitscher erfüllte den Konzertsaal und die Klänge des Waldes spiegelten sich in der Musik wieder.

BMEF/ Peter Adamik Mari Samuelsen und Kristjan Järvi

Ob hohe, tiefe, leise oder laute Töne – das Publikum war begeistert. Schon Standing Ovations in der Mitte des Konzerts verdeutlichten dies. Bei der Midnight Sun Tour wurden nicht Orchesterstücke gespielt: dazu gehörten Aurora (Kristjan Järvi), Fratres (Arvo Pärt), Follow (Mick Pedaja), der Feuervogel (Igor Strawinsky) oder Lonely Angel (Pēteris Vasks). Das Orchester sang auch. Als Zugabe legten sie unerwartet ihre Instrumente nieder und begannen ein estnisches Volkslied namens „Valgeks“ zu singen, welches von der Violinistin Saimi Kortelainen aus Estland angestimmt wurde. Kristjan Järvi forderte dabei das Publikum auf das Orchester mit Klatschen zu unterstützen, wodurch das Publikum spontan Teil der Inszenierung wurde und ein einmaliger Sound den Konzertsaal erfüllte. Darüber hinaus erklangen immer wieder Werke des estnischen Singer-Songwriters Mick Pedaja, der das Orchester auf ihrer Tournee begleitete.

BMEF/ Peter Adamik Saimi Kortelainen 

Nach dem Konzert verstand ich, was mir die Künstler während der Hafenrundfahrt beschrieben hatten: Ohne Noten zu spielen ermöglicht den Musikern, sich frei zu entfalten, sich während des Konzerts auf der Bühne mit ihren Instrumenten zu bewegen und ihre Individualität auszuleben. Der Dirigent kann besser mit dem gesamten Orchester und jedem einzelnen Musiker kommunizieren. Ein einzigartiges Projekt, das klassische Musik auf eine neue und innovative Art und Weise hörbar macht. Einfach aus der Komfortzone heraustreten, Grenzen überschreiten, leidenschaftlich musizieren und mit dem ganzen Herz dabei sein – das macht das Baltic Sea Philharmonic aus!

BMEF/ Peter Adamik Mick und Angeelia Pedaja

Wer das Baltic Sea Philharmonic live erleben möchte, hat dazu im Herbst die Gelegenheit. Am 21. September 2019 eröffnet es unter der Leitung von Kristjan Järvi zusammen mit der US-amerikanischen Pianistin Simone Dinnerstein mit dem Programm “Divine Geometry” das 26. Usedomer Musikfestival. Und für alle HamburgerInnen: Am 5. September 2020 kehrt das Orchester mit seinem neuen Programm in die Elbphilharmonie zurück. Kommt vorbei und lasst Euch mit auf eine besondere Reise in die klassischen Musik nehmen!

Jennifer von Wiegen Verfasst von: