„Wir wollen keine Himmelbetten.“

Parviz leitet ein Restaurant in Wedel. Um für Verständnis für Flüchtlinge zu werben, hielt er einen Vortrag über seine Flucht. FREIHAFEN war für euch dabei.

Ich sitze im Besprechungsraum des Wedeler Rathauses. Der Raum ist groß und hell, vorne sitzt Parviz, der Besitzer des Bier- und Wein-Comptoirs (BWCs). Das Publikum sitzt in einem Halbkreis vor ihm in Reihen. Vorne auf Stühlen, hinten auf Bänken. Parviz winkt uns Schülern lächelnd zu. Er wirkt gefasst, aber auch aufgeregt. Als Parviz zu sprechen beginnt, zunächst unsicher, sich verhaspelnd, wird es im Saal still. Parviz beginnt seinen Vortrag mit einem Satz, den er noch oft wiederholen wird: „Ich habe zwei Kinder. Das eine war damals drei Jahre und drei Monate, das andere nur drei Monate alt.“

Parviz wurde im Iran geboren. In Teheran wuchs er auf: dort wohnte seine Familie, dort knüpfte er seine ersten Freundschaften und dort studierte er. Da Parviz Artikel schrieb für Demokratie, wurde er als Regierungsgegner eingestuft und landete im Gefängnis in der Schah-Zeit im Gefängnis – als politischer Gefangener.  „Nicht nur die Gefangenen wurden gefoltert, nein, ihre ganze Familie. Ich hatte Angst, dass meine Frau gefoltert wird“. Als Parviz nach der Schah-Zeit freikam, entschloss er sich zu fliehen. Mit einem Freund plante Parviz die Flucht nach Deutschland mit seiner Frau und den Kindern, sowie der Familie des Freundes.

Parviz Stimme klingt nun sicher. Manchmal wird sie rau, manchmal stolpert Parviz über ein schwieriges deutsches Wort, als er den Weg seiner Flucht nachzeichnet:

„Wir haben das zusammen angefangen, wir bringen das zusammen zu Ende.“

Seine Flucht begann vor über 30 Jahren in einem Lastwagen. Mit Parviz und seiner Familie sowie den Freunden fuhren noch 18 weitere Personen, die fliehen wollten. Es war stockdunkel. Das Baby hat eine Schlaftablette bekommen, damit es nicht schrie. Keiner sagte ein Wort. Parviz Frau zitterte neben ihm. Sie hatten Angst entdeckt zu werden und einen Notfallplan vereinbart. „Wir hätten das Baby auf den Boden gelegt und wären um unser eigenes Leben gerannt. Könnt ihr euch das vorstellen, was für schreckliche Entscheidungen man treffen muss, dass man bereit wäre, sein eigenes Kind zurück zulassen?“ fragt Parviz, seine Stimme eindringlich: er will, dass wir verstehen. Seine Hände gestikulieren, unterstreichen seine Worte.

Parviz und seine Familie erreichten die Grenze zur Türkei unversehrt, doch die Flucht begann erst jetzt. Die Kinder und die Frau von Parviz Freund fuhren mit einem Lastwagen über die Grenze. Die Männer sowie Parviz‘ Frau liefen. Stundenlang, immer weiter. Seine Frau konnte nicht mehr. Doch er ließ sie nicht zurück. „Wir haben das zusammen angefangen, wir bringen das zusammen zu Ende“, sagte Parviz damals zu seiner Frau. Heute verzieht er das Gesicht bei der Erinnerung an das Geräusch, das beim Hinterherziehen von seiner Frau entstand. Durch drei Grenzkontrollen kamen sie, bei Nacht, immer weiter, mit der Angst entdeckt zu werden, todmüde. Als sie in der Türkei ankamen, wurde es hell. Doch Parviz wollte mit seiner Familie weiter in das demokratische Deutschland.

Jugendstil-Kronleuchter und siebenarmiger Kerzenständer: Das ist Widerstand für Parviz heute.
Jugendstil-Kronleuchter und siebenarmiger Kerzenständer: Das ist Widerstand für Parviz heute. © Sofia Westholt

„Wie viel sie wollten, das wussten wir. Das war bekannt in Istanbul, das war kein Geheimnis.“

Zunächst führte der Weg Parviz jedoch nach Istanbul. Drei Wochen nach Fluchtbeginn kamen sie dort an. Parviz konnte ein bisschen türkisch, gerade so, um zu fragen, ob er arbeiten könnte. Doch das Geld war nie genug für die Schlepper, für die Menschenschmuggler. „Wie viel sie wollten, das wussten wir. Das war bekannt in Istanbul, das war kein Geheimnis.“  Parviz gab nicht auf, nach einem Weg nach Deutschland zu suchen. Zusammen mit seiner Frau hatte er eine Idee: Wenn das Geld auch nicht für die Schlepper reichte, für Flugtickets war es genug. Sie hatten gefälschte Pässe und zur Bestechung Zigarettenstangen und Geld. Der Kontrolleur nahm nichts davon, und er winkte sie durch. „Er muss ein besonderer Mensch gewesen sein“, so Parviz. In der BRD beantragten sie Asyl. Da in der Zeit von Parviz Gefangenschaft Amnesty International die Inhaftierten besuchte und namentlich aufschrieb, hatte Parviz einen Nachweis, dass er tatsächlich ein politischer Flüchtling ist. Nach nur acht Monaten Asylverfahren in Berlin wurde sein Aufenthalt bewilligt. „Damals bei uns ging das alles recht schnell. Heute kann es Jahre bis zur Aufenthaltsgenehmigung dauern!“, erzählt Parviz kopfschüttelnd. Für ihn sind die heutigen Zustände nicht haltbar.

Parviz lernte Deutsch. Von der Straße, aus Büchern. Jedes Wort musste er erst übersetzen. „Ich wollte arbeiten, aber nicht einmal das konnte ich sagen.“ Doch Parviz war ehrgeizig, und lernte immer weiter. Er bekam Jobs als Tellerwäscher und Industriearbeiter. Nach nur zwei Jahren in Deutschland fing Parviz an in Hamburg zu studieren. Es war schwer, denn Wissenschafts-Deutsch war ganz eindeutig kein Straßendeutsch. Doch Parviz schloss sein Studium ab: Diplom-Betriebswirt, mit einem 1,75- Abschluss. Man sieht Parviz den Stolz noch heute an. Seit 22 Jahren gibt es nun das Restaurant  in Wedel. „Fünf Arbeitsplätze habe ich geschaffen, dazu beschäftige ich noch zwei Teilzeitkräfte und 12 Aushilfen“ erzählt er. Durch einen Aushilfsjob im BWC konnten viele Jugendliche ihr Studium finanzieren. Sein Blick, sein Ton verdeutlicht: Er hat etwas zurückgegeben, dafür, dass er aufgenommen wurde.

“Wenn die Heimat zu Hölle wird, dann will man nicht fliehen, man muss es.”

Für alle war Parviz immer nur Parviz. Der nette, gut gelaunte Inhaber eines Restaurants, der unkompliziert und freundlich mit seinen Gästen redet. Seitdem Parviz in Deutschland lebt, hat er noch nie öffentlich über seine Flucht gesprochen. Doch jetzt, wo so viele Flüchtlinge kommen, wo jede Zeitung, jede Tagesschau neue Informationen bringt, wo die Menschen für Flüchtlinge auf der Straße gehen oder die Heime anzünden, da wollte Parviz reden. „Man sieht immer nur, dass sie kommen. Keiner kennt die Vorgeschichte, keiner versteht warum. Wenn die Heimat zu Hölle wird, dann will man nicht fliehen, man muss es.“  In Deutschland hat Parviz eine neue Heimat gefunden, aber sein größter Wunsch ist es „die Familie wiedersehen, die Freunde, das Land. Ich weiß nicht, ob ich im Iran bleibe, aber ich möchte noch einmal zurück.“ Das Publikum klatscht. Einige Momente herrscht nachdenkliche Stille.

Die Geschichte von Parviz zu verstehen, das bedeutet die Not jedes einzelnen Flüchtlings zu verstehen. Flüchtling bleibt man ein Leben lang. Und Parviz spricht für alle Flüchtlinge, wenn er sagt: „Wir wollen nicht auf Händen getragen werden, wir wollen keine Himmelbetten, wir wollen kein Mitleid. Wir wollen nur eure offenen Arme, eure Freundschaft“.

Sofia Westholt Verfasst von:

19 Jahre alt, Freiwilligendienstleistende in Polen und Weltenbummlerin. Redakteurin beim FREIHAFEN.