Zu Gast in Polen

Exil-Freihafen-Autorin Sofia verbringt für einen Freiwilligendienst ein Jahr in Polen und berichtet aus ihrer Wahlheimat über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Deutschland, Kuriositäten und Erlebissen aus ihrer Zeit.

Nach Polen fahren lohne sich nicht, denkst du, dass sei doch so nah Deutschland, da könne ja nicht viel anders sein als bei uns. Oder doch? Acht Punkte, die einer deutschen Freiwilligen in Polen auffallen.

1. Das Alkoholgesetz / „Ist das ein Taxi?“

Den erste Unterschied zwischen Deutschland und Polen lernte ich während des Vorbereitungsseminars für meinen Freiwilligendienst in Łęknica kennen: Wir gingen abends noch einmal los, um die Stadt zu erkunden und zu schauen, ob etwas Interessantes los war. Da wir nichts Club-mäßiges fanden, beschlossen ein paar Personen aus der Gruppe, sich an der Tankstelle etwas zu trinken zu kaufen. Bartek und Kasia, unsere Polen, informierten uns: „Also hier in Polen, da darf man übrigens nicht auf der Straße trinken. Wenn die Polizei das sieht, muss man 40 Złoty zahlen!“ Die Personen mit Bier nahmen das in Kauf und öffneten die Flaschen trotzdem auf der Straße- wir liefen weiter durch die Stadt, der Musik hinterher, die leise ertönte. Kurze Zeit später standen wir vor dem Łęknicer Kulturhaus, und nachdem wir vorbeigehende Jugendliche gefragt hatten, ob wir da mit feiern dürften (ja, dürften wir), spaltete sich unsere Gruppe: Lousie, Kasia und ich machten uns auf den Heimweg, während der Rest unserer Gruppe den Alkohol austrank, den man nicht mit auf das Kulturhaus-Gelände nehmen durfte. Meine „Heimweggruppe“ war erst ein paar Meter gegangen, da kam uns ein Polizeiauto entgegen- in dieser kleinen Stadt kontrollierte die Polizei also wirklich in der Nacht die Straßen!

Übrigens: Polizeiautos sind leicht mit Taxis zu verwechseln. Also lieber mal aus Vorsicht den Alkohol wegpacken…

2. Das Land der tausend Zebras

Die ersten Tage in Żary bin ich -aus Ermangelung eines Fahrrades- den Weg von unserer Wohnung zu meiner Arbeitsstelle in der Schule zu Fuß gelaufen. Bei zügigem Schritt brauche ich dafür ungefähr 20 Minuten, so lange wie ich auch in Deutschland zu meiner Schule brauchte. In Deutschland begegnete mir auf meinem Schulweg genau ein Zebrastreifen. In Polen überquere ich bestimmt 10 Zebrastreifen- in jeder Straße gibt es Dutzende, sogar an Ampeln wird der Fußgängerübergang mit den weißen Streifen gekennzeichnet. Meine Mentorin Marlena warnte uns: „Polnische Autofahrer halten nicht immer an Zebrastreifen, auch wenn sie es immer häufiger machen.“ Tatsächlich halten die allermeisten Autos an – ich warte trotzdem lieber wie ein echter Pole, bis ich sicher bin, dass sie abbremsen.

In Polen gibt es sogar ein Gesetz, dass es verbietet, die Straße einfach so zu überqueren, wenn sich in einem Radius von 100 Metern ein Zebrastreifen befindet. Die Strafe beträgt 100 Złoty und wird auch von Ausländern verlangt. Auf Grund der Masse an Zebrastreifen ist es schwer, die Straße zu überqueren und nicht in 100 Metern einen Zebrastreifen vorzufinden. Ob es auch ein Gesetz gibt, dass besagt, dass alle 100 Meter ein Zebrastreifen auf der Straße sein muss.

3. Fünf Zloty-Stücke versus 100 Zloty-Scheine

Während man in Deutschland mit Kleingeld nicht sehr weit kommt beim Einkaufen, ist das in Polen gar nicht schwer: Nicht nur, dass Lebensmittel in Polen größtenteils günstiger sind, als in Deutschland, Polen hat auch 5-Złoty-Stücke. Wenn man also denkt, tja, nur noch Kleingeld dabei, aber ein paar 5-Złoty Stücke darunter sind, kann man damit sehr entspannt einkaufen. Ein Euro ist in Polen ca. vier Złoty wert. Wenn man 50 Euro beim Kantor, also in der Wechselstube, tauscht, hat man plötzlich mehr als 200 Zloty – und fühlt sich reich! Ungeschickt nur, dass ich beim Geld abheben am Automaten nur 100 Złoty Scheine bekomme- und selten für über 30 Złoty einkaufe! Dann doch lieber nur fünf Złoty Stücke im Portemonnaie haben.

Apropos günstige Lebensmittel: ein Kilo Kartoffeln bekommt man für 99 Groszy, also nicht mal 25 Cent. 500g Nudeln bekommt man für 1,20 Zloty- also umgerechnet 30 Cent.  Wie in Deutschland kann man natürlich auch deutlich teurere Nudeln kaufen – aber warum?

4. Kommunikationsdifferenzen

Deutschland ist ganz unbestritten ein Whatsapp-Land: Jeder kennt es, fast jeder hat es. In Polen hingegen kommt man mit der App nicht weit- denn die Polen benutzen lieber das soziale Netzwerk Facebook. Dort sind sie per Messenger erreichbar, dort teilen sie ihr Leben in Text und Fotos mit ihren hunderten von Freunden. Schutz der eigenen Privatsphäre und der von Freunden? Fehlanzeige! Dabei ist Facebook nicht nur das Kommunikationsmittel der Jugend, sondern auch viele Erwachsene benutzen das soziale Netzwerk. Über Facebook kommuniziert meine WG-Mitbewohnerin Anne mit ihrer Mentorin, die scheinbar den ganzen Tag online ist.

Ich und Marlena halten es doch eher klassisch und schreiben uns SMS. Für diesen Zweck habe ich mir sogar eine polnische Sim-Karte angeschafft- mit einem Willkommenspaket für die ersten 30 Tage: kostenlos 100 Złoty und 10 GB Internet. Doch auch danach bleibt meine Pre-Paid-Karte günstig- für nur 5 Złoty bekomme ich 30 Tage lang 1 GB Internet- also für umgerechtet etwas mehr als einen Euro! Was ich nicht bedacht habe: Sämtliche Info-SMS von meinem Mobilfunkanbieter bekomme ich jetzt auf Polnisch. Super, dass ich kaum ein Wort verstehe: So dachte ich, ich bekäme SMS von der Post- bis ich verstanden habe, dass die SMS mich über verfasste Anrufe informiert…

5. Fremdsprachenverweigerer….

Nicht nur, dass die polnische Sprache komplett ohne Anglizismen auskommt, ihre Sprecher meinen auch ohne Fremdsprachenkenntnisse auszukommen: Ich stehe in einem PLAY-Laden, dem Geschäft eines polnischem Telefonanbieters, und sage zu einem Mitarbeiter: „Hey, do you speak English or German?“ Ein überforderter, leicht panischer Blick von meinem Gegenüber trifft mich, der Mitarbeiter ruft eine polnische Frage in den Raum: „Hier ist jemand, die spricht Englisch, kann das jemand?“ Konnte zum Glück jemand – sogar wirklich gut!

Es ist in Polen durchaus nicht selbstverständlich, dass alle Personen Englisch sprechen. Eigentlich sprechen wenige Personen eine Fremdsprache so gut, um sich damit verständigen zu können. Das hat Vorteile: Man muss dann wohl doch Polnisch lernen. Es hat aber auch Nachteile: Zum Beispiel, wenn es an der Tür klingelt und man nicht versteht, was der Mann mit dem Tablet und einem komischen Gerät in der Hand und einem Ausweis um den Hals sagt und leider kein Wort Englisch versteht. Gut, dass mein Polnisch besser wird.

6. …versus Sprachüberraschungen

Einmal war ich auf dem Dorffest und sehr stolz auf mich, dass ich inzwischen auf Polnisch bestellen konnte: „Ich hätte bitte gerne…“ – ich zeigte auf das Fleisch. Der Grillmeister entgegnete auf deutsch: „Ketchup oder Senf oder beides? Moment, Geld wechseln.“ Tja, da habe ich es einmal auf Polnisch versucht – warum spricht er denn jetzt Deutsch? Zugegeben, manchmal ist es auch praktisch, dass Menschen, von denen man es nicht denkt, auf Deutsch sprechen. Zum Beispiel, wenn man vor einem Pub steht, der entgegen seinen Öffnungszeiten anscheinend gerade schließen will. Mit dem Besitzer redeten wir auf einer Mischung von Deutsch und Polnisch und fanden so heraus, dass heute ein Weinfest in Zielona Góra war, zu dem viele aus Żary gingen.

Ich habe mir aber von meiner polnischen Freundin Kasia, die einen Freiwilligendienst in Deutschland absolviert, sagen lassen, dass es auch in Deutschland schwierig sei, englischsprechende Personen zu finden.

7. Namenszwang

Was sich wie ein Witz anhört, ist leider keiner: Bis vor ein paar Jahren gab es in Polen ein Gesetz, dass Eltern dazu zwang, ihren Mädchen einen Namen, der auf „a“ endet zu geben. Außerdem müssen ausländische Namen eingepolnischt werden. Die Folge? Die Tochter meiner Mentorin heißt „Emilka“, es gibt keine Caroline, nur Karolinas; keine Juli, sondern nur Julias. Aus Roxsana wird Roksana und aus Kevin wird Kewin. Generell kommt man in Polen mit sehr wenigen Vornamen aus: Die Hälfte meiner Schülerinnen heißt Ewa, Karolina, Wiktoria, Weronika, Natalia, Paulina, Klaudia, Kinga oder Malwina. Die Jungs: Jakub, Bartek, Kacper, Łukas, Matheusz, Tomasz oder Michał. Die Polen sind außerdem das Land der Spitz- und Kosenamen: Ola, Ala, Isa, Gosia, Basia, Zosia, Kuba, Tomek oder Marek sind wohl einige der geläufigsten. In Polen stellen sich manche Menschen auch gleich mit dem Spitznamen vor.

8. Aus sechs mach‘ drei, aus vier mach‘ sieben

Wo die Deutschen sechs Zeiten brauchen, kommen die Polen mit drei aus: Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Also alles ganz einfach? Leider nicht: Im Polnischen existiert jedes Verb doppelt, in der „imperfekten“ Form (andauernde Handlung) und „perfekten“  Form (abgeschlossene Handlung). Außerdem haben die Polen dafür sieben Fälle. Neben unseren vieren besitzen sie zusätzlich den Instrumental, den Lokativ und den Vokativ. Jedes Nomen und jedes Adjektiv muss entsprechend des Genus in den richtigen Fall dekliniert werden, selbst Namen. Für Deutsche hört es sich komisch an, wenn Jan zu „Jana“ konjungiert wird – für Polen hört es sich komisch an, polnische Vornamen im Deutschen nicht zu konjungieren.

Dafür verzichten die Polen zumindest auf die Artikel. Das Geschlecht der Nomen kann man ganz regelmäßig an deren Endung erkennen. Und so generell, ist die polnische Sprache jetzt schwer? Die Polen von meinem Tandemsprachkurs behaupteten: „Polnisch sei sehr schwer, und eindeutig schwerer als Deutsch.“ Das ist ein Satz, den man nicht gerne hört, da man doch weiß, wie unglaublich kompliziert die deutsche Sprache ist. Wenn ich jedoch im Deutschunterricht in Polen sitze, muss ich wiedersprechen: Ja, Polnisch ist schwer. Aber deutsch? Nur ein Beispiel: Nach t, d, ffn und chn ändern sich die Endungen der Verben in der zweiten Person Singular von „t“ auf „et“. Kein Wunder, dass Deutsch nicht die beliebteste Fremdsprache ist.

Sofia Westholt Verfasst von:

19 Jahre alt, Freiwilligendienstleistende in Polen und Weltenbummlerin. Redakteurin beim FREIHAFEN.

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