Zu glücklich, um wahr zu sein

„Lass mal wegfahren, irgendwohin“. Ein Satz, und ich bin sofort angefixt von der Idee meiner Freundin. Ganz egal, ob wir uns zum Eis essen am Jungfernstieg treffen, die Kopfhörerparty im Molotow rocken oder spontan einen Filmmarathon mit Ryan Gosling starten: Mit ihr unterwegs zu sein ist immer ein Erlebnis. Der letzte Trip ist auch schon ewig her, da hat es noch geschneit. Gemeinsam überlegen wir also, wo es hingehen soll. London wär toll. Zuerst zu den Stonehenge-Gräbern, abends ins Phantom der Oper und dann nach Westminster-City! Im Mai geht’s los, die zehn Wochenenden davor sind schon verplant. Alles klar. Fast alles, denn das Leben kommt uns in die Quere. Nicht vorhandener Urlaub, Geld und so. Und eine Sache, die uns erst später klar wurde: Irgendwas daran fühlte sich für uns beide falsch an. Je näher das besagte Wochenende rückte, desto offensichtlicher wurde es. Waren wir vom Stress überfordert oder hatte uns doch die Vorfreude überrollt? Keine Ahnung. Für den Moment sollte es zumindest nicht sein.

Nächster Plan: Hauptsache ans Meer, vielleicht nicht ganz so weit weg. Und entspannt. An einen Ort, wo man einfach mal die Seele baumeln lassen und den Rest der Welt vergessen kann. Wo es gemütliche Cafés, kleine Gassen und maritimes Flair zu entdecken gibt. Und damit war die Entscheidung schon getroffen: Unser nächstes Ziel sollte Cuxhaven sein. Wir waren startklar.

 

Treiben lassen

 

Am zweiten Juniwochenende schnappten wir uns also ein paar kurze Klamotten, einen Bikini, ein Niedersachsen-Ticket und freuten uns auf die nächsten zwei Tage voller Überraschungen.
Die erste sollte schneller kommen, als uns lieb war: Als wir aus dem Zug stiegen, begrüßte uns erst einmal eine dicke Wolkenfront mit einem Platzregen, der sich gewaschen hatte.
Von wegen Sommer, Sonne satt. Aber selbst, wenn der Schauer nicht so plötzlich verschwunden wäre, wie er kam: Wir waren richtig hier.

Hier war alles ein bisschen ruhiger, langsamer und lud dazu ein, sich treiben zu lassen. Und als der Strand im Horizont sich weitete, wir die Meeresluft einatmeten und die Aussicht genossen, blieb für einen Augenblick die Zeit stehen. Eine wohlige Leichtigkeit überkam mich und ließ mich alles vergessen, was mich in Hamburg sonst so stresst. Wie eine Art Seelenfrieden. Mir wurde bewusst, wie viel Energie mich der Alltag in den letzten Monaten gekostet hatte. Und wie gut mir dieser kleine Trip tun würde, vom ersten Moment an.

In diesen zwei Tagen taten wir einfach das, worauf wir Lust hatten: Wir machten eine Hafenrundfahrt, taten es den Seehunden auf den Sandbänken gleich und entspannten am Strand. Eine Wattwanderung war auch noch drin. Diese Dinge hätten wir auf der royalen Insel nicht getan. Dort hätten wir die Erhabenheit der Stonehenge-Gräber bewundert, hätten in London die Vielfalt der Stadt gefeiert, hätten nicht genug kriegen können vom „british way of life“. Wir wären hundemüde ins Bett gefallen und wären noch schlapper in die nächsten Wochen gestartet als vorher.

 

Energiesparmodus

 

Lange war mir nicht klar, wie erschöpft ich von meinem Lifestyle war, der mich doch eigentlich so glücklich macht. Denn die ganz normale Hektik des Alltags kostet uns mehr Energie, als wir denken. Je länger wir uns darin treiben lassen, desto stärker wird der Strom. Mit ihm vergehen dann Tage, Wochen und Monate – ohne, dass wir es merken. Die logische Schlussfolgerung wäre dabei, dem Stress die Luft aus den Segeln zu nehmen. Im Energiesparmodus zu leben.

Doch wäre es nicht fatal, den Blick von all den wundervollen Dingen in dieser Welt abzuwenden, nur noch Gewohntem nachzugehen? Ja nichts Neues auszuprobieren, was uns überstrapazieren könnte?

Keine Option für mich, ich bin gerne auf zack. Und das wird in nächster Zeit auch so bleiben. Also werde ich aufpassen, dass aus „viel“ nicht „zu viel“, aus Herausforderung nicht Überforderung wird. Ich werde mir ab und zu eine Pause gönnen, ohne Smartphone oder To-do-Liste. Dann werde ich an diesen Ausflug nach Cuxhaven zurückdenken und mich fragen, ob wieder Zeit ist für einen Tapetenwechsel. Mit einem lieben Menschen an meiner Seite und ein bisschen Improvisationskunst für wechselhaftes Wetter im Gepäck.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Julia Grasmück
Julia Grasmück Verfasst von: