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Wer kann mit Medien die Welt bewegen? Jugendmedienfestival 2022

Das Team vom Jugendmedienfestival ist bemüht, einen diskriminierungs-, und barrierearmen Raum zu schaffen. Es gibt jedoch noch Baustellen.

Hochaktuelles Motto

Vom 26. bis 29. Mai 2022 findet in Bad Segeberg das Jugendmedienfestival (JMF) statt. Bis 2020 lief das Festival unter dem Namen „Jugendpressefrühling“. Nun wird es zum zweiten Mal unter dem Namen Jugendmedienfestival und mit einem neuen Konzept stattfinden.

Auf dem Jugendmedienfestival 2022 werden sich teilnehmende Jugendliche im Alter von 14 – 22 dieses Jahr unter dem Motto „Medien bewegen“ mit „Fake News, Filterblasen und einem ständigen Wandel in der Medienwelt“ (JMF 2022) befassen. Das Motto des Festivals ist hochaktuell. Fake-News spielen im Krieg in der Ukraine eine bedeutende Rolle. Sie sind dadurch in jüngster Vergangenheit noch einmal mehr als Bedrohung sichtbar geworden. Ebenso sind Filterblasen ein wichtiges Thema in Zeiten, in denen ein beachtlicher Teil der Bevölkerung das Internet als Hauptmedium nutzt. In diesem Sinne können Medien Gesellschaften und Welt-Politik bewegen. Die Frage ist nur, wer kann mit Medien die Welt bewegen? Wie bereits Moritz Löhn in seinem beim FREIHAFEN erschienen Artikel „YouMeCon 2021: Steht die Tür zum Journalismus für alle offen?“ am Beispiel der YouMeCon feststellte, fehlt es in Jugendpresseveranstaltung zum Teil an Diversität. Dieses Problem betrifft die deutsche Presselandschaft im Allgemeinen. Redaktionen sind noch immer hauptsächlich mit weißen, heterosexuellenCis-Männern aus akademischem Haushalt und mit fehlender Migrationsgeschichte besetzt. Jugend-Medienveranstaltungen können für junge Menschen mit anderen Startbedingungen Türen öffnen. Laut Moritz Löhn schafft die YouMeCon dies nicht. Wie gut stehen die Chancen auf dem Jugendmedienfestival 2022?

Was ist das Jugendmedienfestival?

Hier erstmal ein paar Eckdaten des JMF 2022. Das Festival bietet Jugendlichen die Gelegenheit, in entspannter Atmosphäre tief in Medien einzutauchen. Sei es, um das erste Mal in Kontakt mit Medien zu kommen oder zum Vertiefen eines Hobbys. Auf dem weitläufigen Gelände der JugendAkademie Segeberg werden vier Tage lang Workshops und Redaktionssitzungen laufen, bis die Köpfe rauchen. Mit etwas Glück findet das Festival dieses Jahr wieder live vor Ort statt. Ein engagiertes Team aus 30 jungen Menschen von Junge Presse Pinneberg e.V., Junge Presse Hamburg e.V. und Jugendpresse Schleswig-Holstein e.V. organisiert dieses Event seit über 20 Jahren. Die ehrenamtlich arbeitenden Team-Mitglieder sind selbst schon teilweise erwerbstätig in der Medienbranche und geben ihr Wissen in den Workshops weiter.

Die Teilnehmenden starten in Skillworkshops (z.B.: Schauspiel & Moderation, Videoschnitt oder Journalismus). Anschließend entscheiden sie sich für eine von sechs Redaktionen (Foto, Film, Radio, Social Media, TV und Newsroom) und gestalten in den nächsten Tagen gemeinsam Medien. Das Resultat kann zum Bespiel eine Fernsehsendung oder ein Hörspiel sein. Es gibt spannende Abendveranstaltungen, wie Konzerte, Kreativabende, eine Talentshow und ein Redaktionsbattle. Anmeldung unter: https://jm-festival.de/anmeldung/.

Be_hinderung, soziale Klasse und Gender hat das Team auf dem Schirm. Rassismus noch nicht

Das Festival ist insofern für Rollstuhlfahrende mitgeplant, als dass die Teilnehmer*innen-Zimmer mit einem Fahrstuhl erreichbar sind, die Bäder barrierefrei sind und sich die Veranstaltungsräume im Erdgeschoss befinden. Es wird darauf hingewiesen, dass der Teilnahmebeitrag über das Bildungspaket „Bildung und Teilhabe“ abrechenbar ist. Dieses erhalten zum Beispiel Kinder, wenn sie ALG 2 (Hartz 4) erhalten. Die Teilnehmenden sind in Mehrbett-Zimmern untergebracht. Das Team schreibt, dass die Zimmer entweder für Cis-Mädchen oder für Cis-Jungs gedacht sind.

Es folgt der Hinweis, dass sich Jugendliche, die sich mit ihrer Geschlechtsidentität in dieser Einteilung nicht wieder finden, über das Kontaktformular melden können, damit eine zufriedenstellende Lösung gefunden wird. Jugendliche, die mehr Unterstützung brauchen, weil sie Rollstuhl fahren oder sich den Beitrag nicht leisten können, werden ebenso ermutigt, sich über das Kontaktformular an das Team zu wenden.

Die Texte sind sensibel und supportend geschrieben. Das Team scheint sehr darum bemüht, das Festival für so viele Menschen wie möglich, unabhängig von Körper, Gesundheit, Geschlechtsidentität oder finanzieller Situation, zugänglich zu machen. Die Frage bleibt natürlich, ob Jugendliche, die sich mit den Gegebenheiten nicht wohl fühlen oder auf diese Art keinen Zugang haben, das Team kontaktieren werden. Dazu gehört Mut. Gesehen zu werden, ist aber immerhin ein Anfang. Um die Schlafraum-Frage zu lösen, hätte es auch einen FLINTA*1-Raum geben können. Dafür, ob sich alle FLINTA*s in solch einem Raum wohl fühlen, gibt es jedoch auch keine Garantie.

Für Jugendliche, die von Rassismus betroffen sind, gibt es keinen Hinweis in den FAQ. Auf Nachfrage bei der Projektkoordination wurde mir versichert, dass in den Geschäftsbedingungen (die alle Teilnehmenden unterschreiben müssen) ein Vermerk zu richtigem Verhalten steht. Das Team passe dementsprechend auf. In den AGB des Festivals von 2020, welche online einsehbar sind, steht nur generell etwas über „Ausübung von Gewalt“. Ein richtiges (Anti-)Rassismus-Konzept ist dies nicht. Inwiefern eine Sensibilisierung für das Thema vorhanden ist oder den Jugendlichen mitgegeben wird, ist nicht erkennbar. BIPOC*s2 können sich dadurch von dem Festival ausgegrenzt und nicht gesehen fühlen. Es wird nicht darauf eingegangen, wie und ob BIPOC*s auf dem, überwiegend von weißen Menschen organisiertem und besuchten (laut Internetpräsenz), Festival vor rassistischen Erfahrungen geschützt werden. Dies ist sehr schade, da das Festival ansonsten so diskriminierungsarm geplant zu sein scheint. Unsere Gesellschaft ist rassistisch und der Rassismus ist an allen Orten und in allen Personen in gewissem Maße vorhanden. Menschen handeln rassistisch, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Es würde daher Sinn machen, jährlich ein Workshop zu kritischem Weißsein („Critical Whiteness“ = Weißsein als Privileg) in den Plan aufzunehmen. Ebenso wären ein Awareness-Team, die Bevorzugung von BIPOC-Menschen bei der begrenzten Teilnehmer*innen-Anzahl und ein Rückzugsraum (Saver Space3) für BIPOCs (und auch einen für FLINTA*s) Möglichkeiten.

Als Gäst*innen BIPOCs (oder auch Menschen aus der LGTBQA+4-Community) einzuladen, hätte sicher ebenso das Potential, das Festival diverser und zugänglicher zu machen. Die Gäste*innen dieses Jahr sind mit der Band FIN DAWSON und dem Youtuber Fynn Kröger weiß und männlich gelesen. Die Journalistin Eva Schulz als Unterstützerin und die weiteren Partner*innen und Sponsor*innen des Festivals tragen ebenfalls nicht zu mehr Diversität bei.

Generell gilt: Je diverser das Festival ist, desto mehr Jugendliche mit unterschiedlichen Hintergründen und Diskriminierungserfahrungen werden auch dazu kommen. Den Anfang zu machen, ist nicht leicht. Und das Team hat sich an dieses große Projekt gewagt. Die Hoffnung, dass die Zugänge Jahr für Jahr diskriminierungs-, und barriereärmer werden, ist berechtigt.

Fußnoten:

1 = FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nonbinäre, Trans-, und A-gender Menschen. Das Sternchen steht für Geschlechtsidentitäten, die noch nicht im Diskurs angekommen sind.

2 = BIPOC* steht für black, indigenous, people of colour. Das Sternchen steht für Menschen die von Rassismus betroffen sind und deren Identität noch nicht im Diskurs angekommen ist.

3 = Saver Spaces sind Räume, die sicherer für maginalisierte Menschen sind. Im Gegensatz zum Begriff “Save Spaces” beinhaltet der Begriff, dass Räume nie komplett frei von Diskriminierung sind.

4 = LGTBQA+ steht für lesbian, gay, trans, bi, queer, asexuel. Das Plus steht für Menschen deren Sexualität noch nicht im Diskurs angekommen ist.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Photo by Mufid Majnun on Unsplash

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