Die Jugendmedientage in Berlin

Einmal im Jahr treffen sich junge Medienmacher*innen zwischen 16 und 27 Jahren aus ganz Deutschland für die Jugendmedientage. Dieses Jahr fanden sie in Berlin statt. Unsere drei Freihafen-Redakteur*innen Carla, Fabian und Henrike waren unter den Teilnehmenden und berichten von ihren Erfahrungen. 

Tag 1 – Ein Blick hinter die Kulissen: Wie Medienprodukte zu Stande kommen. 

Per Bus, Bahn oder gar zu Fuß reisten am ersten November 2019 rund 250 junge Medienmacher*innen aus ganz Deutschland zur Kalkscheune in Berlin; darunter auch ich, ein 21-jähriger Student aus Hamburg, der sich wenige Tage zuvor das Teilnehmer*innenticket für 49 Euro gekauft hatte. Wie viele der Teilnehmenden, die zum ersten Mal bei den Jugendmedientagen dabei waren, hatte ich überhaupt keine Ahnung, was mich genau erwarten würde. Viel zu früh traf ich also am Veranstaltungsort ein. Dort legte ich meinen großen, für die nächsten drei Tage gepackten Rucksack samt Schlafsack und Isomatte ab und gönnte mir noch eine Vormittags-Promenade durch Berlin. Kurz nach meiner Rückkehr begrüßte die Bundesfamilienministerin, Dr. Franziska Giffey, alle Teilnehmenden unter einem regelrechten Blitzlichtgewitter einiger professioneller Journalist*innen. 

Verstehen, behalten, gut finden.“ Diese Aussage legte die Bundesfamilienministerin allen Teilnehmenden nahe. Es sei wichtig, dass Journalist*innen nicht nur Einzelheiten, sondern das große Ganze sehen und anschließend vereinfachen, um es allen Bildungsschichten zugänglich zu machen. Dafür erntete sie von den Teilnehmenden und Veranstaltenden viel Applaus. Dass dies aber in der Praxis nur selten der Fall ist, zeigten die professionellen Journalist*innen die kurz nach der Rede von Giffey verschwanden und somit wenig vom Rest der Veranstaltung mitbekommen konnten. 

Zur Stärkung durften sich alle Teilnehmenden anschließend von einem üppigen Buffet bedienen, bevor vier kurze Präsentationen über den Job als Influencer*in, als Social-Media-Redakteur*in und als Kriegsberichterstatter*in folgten: Clare Devlin (funk), Oğuz Yılmaz (Y-Titty), Morten Wenzek (BILD) und Enno Lenze (freier Journalist/Kriegsberichterstatter) erzählten von ihrer Arbeit. 

Auf Augenhöhe konnten wir Teilnehmenden ihnen und zwei weiteren Kolleg*innen, Viola Granow (funk) und Reihnhard Hönighaus (EU-Kommission), nach jedem Vortrag in Kleingruppen kritische Fragen über ihre persönliche Laufbahn sowie zu ihrem Berufsfeld stellen. 

Einen weiteren Blick hinter die Kulissen sollten wir Teilnehmenden auch durch sogenannte „Medientouren“ bekommen. Bereits bei der Anmeldung wählten wir eines von dreizehn Medienunternehmen aus, das uns besonders interessierte (darunter ARD, ZDF, Google, das Bundespresseamt, ALEX Berlin und Jung von Matt). In kleinen Gruppen von zehn bis 15 Teilnehmenden besuchten wir diese dann. 

Ich entschied mich für den Hörverlag/Random House Audio. In einem kleinen Hinterhof mehrerer Backsteingebäude wurden wir herzlich von dem Sounddesigner Tommi Schneefuß und dem Synchron-, Hörbuch- und Hörspielsprecher David Nathan (mehrfache deutsche Stimme von Johnny Depp) empfangen, die für den Hörverlag/Random House Audio produzieren. Nach einer Apfel-Minze-Limonade betraten wir Teilnehmenden die beiden Aufnahmestudios, in denen uns zunächst die tägliche Arbeit hinter dem Mikrofon und am Mischpult gezeigt wurde. 

Danach konnten sich einige der Teilnehmenden unter Anleitung im Vorlesen selbst ausprobieren und miteinander konkurrieren. Im Gespräch mit einer Managerin des Hörverlags/Random House Audio erfuhr ich nicht nur, dass die Produktion eines Hörbuchs oder Hörspiels rasch zwei Monate in Anspruch nehme, sondern je nach Umfang und Sprecheranzahl auch Produktionskosten im fünf- bis sechsstelligen Bereich entstünden. Wir hatten aber das Glück, kostenlos signierte Hörbücher mitzunehmen, bevor wir wieder mit der U-Bahn zurück zur Kalkscheune fuhren. Dort erwartete uns bereits ein köstliches, warmes Abendessen inklusive Desserts. 

Der abendliche Höhepunkt bildete ein Journalismus Jam – ein Wettbewerb, in dem sechs Journalist*innen bekannter Medienhäuser teils amüsant, teils vollkommen ernst über ihre spannendste Recherche und Hintergründe des dabei entstandenen Artikels referieren durften. Jede Person hatte dafür maximal 15 Minuten Zeit und wurde von fünf Kleingruppen, die unter den Teilnehmern/innen gebildet wurden, bewertet. 

Manche Recherchevorträge ergriffen das Publikum sehr, andere weniger: Von E-Rollern, über Hass im Netz und dem illegalen Diggern in russischen Abflusskanälen, reichten die Recherchen bis hin zu einer Nacht im Swingerclub und einer Fußball-WM für Minderheiten in Bergkarabach. 

Eindeutiger Sieger mit der Höchstpunktzahl war Linus Giese, ein Buchhändler, Blogger und Journalist. Er erzählte von seiner eigenen Geschichte, seinem Outing als Transmann, und dem Umgang mit Trollen im Netz und realen Leben, sodass ihm am Ende sogar Tränen in den Augen standen. Ein tosender Applaus beendete den Jam. 

Alle Angereisten kehrten nun zum Übernachten, je nach Komfortwunsch entweder in eine Turnhalle im Süden Berlins oder in ein nahe gelegenes Hostel zurück. Ich entschied mich für die günstigere Option, die Turnhalle. Dort kuschelte ich mich nach einem Bier mit ein paar neu kennengelernten Freunden und Freundinnen erschlagen von den ganzen Eindrücken in meinen Schlafsack auf einer Sportmatte. 

Tag 2 – Die Vielfalt der Medienwelt 

Es war eine kurze Nacht. Um 6:30 Uhr hieß es „Aufstehen“! Nach und nach raschelten die Schlafsäcke, das Licht ging an, Reißverschlüsse wurden aufgemacht und die ersten Tippelschritte hallten auf dem Turnhallenboden wider. 

Für den Samstag standen verschiedenste Workshops an; von journalistischen Basics, über eine Podcastproduktion bis hin zum Storytelling auf Instagram war wohl für alle etwas Interessantes dabei. Im Vorhinein hatten wir entweder einen von zwölf Intensivworkshops für den Tag wählen können, oder zwei von dreizehn Kompaktworkshops kombinieren können. Unterbrochen von lediglich einer Mittagspause, verbrachten wir also den Großteil des Tages damit, Neues zu lernen und uns in unterschiedlichen Bereichen der Medienwelt auszuprobieren.

Beim Videoproduktions-Workshop erlernten wir beispielsweise die technischen Fundamente einer Fernsehsendung und hatten die Möglichkeit, uns selbst an einer vierminütigen Show zu versuchen. Dafür wurden in der Gruppe verschiedene Rollen aufgeteilt: es gab Moderatoren*innen, Interviewer*innen und natürlich den Wetterfrosch, der – passend zu der aktuellen Klimasituation – Tsunamis über Deutschland prophezeite. Dass dabei natürlich auch kleine Pannen vorkamen, der Ton teilweise zu leise war, oder der*die „motivierte Interviewpartner*in“ desinteressiert auf die Schuhe starrte, war gar kein Problem und erzeugte eher Authentizität. Dafür, dass die gesamte Sendung also von Jugendlichen produziert wurde, von denen die meisten bis vor drei Stunden noch nie in einem Aufnahmestudio waren, kam dann doch relative Professionalität heraus! 

Nach diesem ereignisreichen Tag begaben wir uns am späten Nachmittag wieder zur Kalkscheune, und der ein oder anderen Person fiel es schwer, die Augen offenzuhalten. Eine Kombination aus wenig Schlaf und viel Input kann doch recht erschöpfend sein. Zum Glück erwartete uns in der Kalkscheune schon eine meterlange Tafel voller Köstlichkeiten, sodass sich alle schnell wieder etwas Energie anfuttern konnten. 

Während des Abendessens ließen die Teilnehmenden das bisherige Wochenende Revue passieren – unglaublich, dass wir alle gestern erst angekommen waren. Wir waren erst seit 30 Stunden hier und doch fühlte es sich fast wie eine Woche an. So viel hatten wir erlebt und so viele tolle neue Leute kennengelernt. 

Während wir so unseren Gedanken nachhingen, ging plötzlich Musik an. Zum Abschluss der Jugendmedientage durfte natürlich eine Party nicht fehlen. Dazu wurden die DJs Justin Pollnik und Eltiv eingeladen, um unter dem Motto „Work hard, party hard – ein letztes Hurra auf die #JMT19 in Berlin!“ ein bisschen Stimmung zu machen. 

Beide gerade mal 20 Jahre alt, passten sie optimal in das jugendliche Gesamtbild des Wochenendes und auch die gespielte Musik war alles andere als angestaubt. Dennoch dauerte es eine Weile, bis sich die Tanzfläche gefüllt hatte. Man war ja gerade noch so schön ins Gespräch vertieft und nach dem Abendessen vielleicht auch etwas tanzfaul. 

Außerdem spielten die DJs zu Beginn eher Techno-Musik, während sich die meisten Leute im Publikum auf Lieder gefreut hatten, die man so richtig mitgrölen kann. Trotzdem wurde der Abend noch lang und tatsächlich ließen sich die DJs irgendwann auf die Wünsche des Publikums ein. Die Stimmung wurde immer besser und nach ein paar Stunden tanzten wir alle zusammen „Macarena“. Wer eine Pause brauchte, konnte sich mit dem aufblasbaren Einhorn ablichten lassen oder das innere Kind mit einer Runde Hula-Hoop begeistern. Wie bei Aschenputtel war dann um Punkt Mitternacht Schluss und wir machten uns zurück auf den Weg in die Turnhalle. 

Nach diesem langen Tag fielen wir alle erschöpft in unsere Betten (na ja, krochen in den Schlafsack) und nachdem „Macarena“ aus den Köpfen verklungen war, schliefen alle tief und fest ein. 

Tag 3 – Augen zu und Ask me anything 

Der nächste „dramaturgische“ Musikklang ließ nicht lange auf sich warten. Mit dem „Pina Colada“-Song wurden die Teilnehmenden nach einer wiedermal kurzen und teilweise durchzechten Nacht aus dem Tiefschlaf geholt. Müde Gesichter soweit das Auge reichte. Nach dem Frühstück und ausreichend Kaffeekonsum war wieder genug Kraft vorhanden, um sich mental auf die letzten Stunden der Jugendmedientage vorzubereiten. Für diesen Tag waren offene Diskussionsrunden und Informationsstände vorgesehen. 

In der Kalkscheune, in der alle nach und nach eintrafen, waren dafür sogenannte Diskussionsinseln aufgebaut: Stuhlkreise dicht an dicht. So war es keine Überraschung, dass sich ein gewisser Geräuschpegel in der Halle verbreitete, als die Moderatorin das „Go“ gab, nachdem diese eine Stunde lang alle eingeladenen Medienmenschen vorgestellt hatte. Es waren viele bekannte Gesichter dabei. Zum Beispiel Mirko Drotschmann alias MrWissen2go, der fleißig die Fragen auf der Influencer*inneninsel beantwortete, oder Johanna Polle, die über die Tätigkeit von Gender Equality Media e.V. auf der Gesellschaftsinsel berichtete. 

Von Selbständigkeit bis hin zu Medien und Internationalem war auch an diesem Tag für jede Person das passende Thema dabei. Es entstanden spannende Dialoge und nicht einmal die weit verbreitete Müdigkeit konnte die Teilnehmenden vom Austausch abhalten. 

Als Abschluss bekam jede Person – wie es sich für eine Bürokratie gehört – ein Zertifikat für die abgeschlossene Teilnahme. Aber mal ganz abgesehen von diesem Zettel: Alle Teilnehmenden waren im Großen und Ganzen begeistert. Es ergaben sich neue Sichtweisen, Wissen wurde erweitert und neue Möglichkeiten aufgezeigt. Nummern wurden ausgetauscht, Ideen geteilt und mit Vorfreude auf das nächste Mal traten alle nach und nach die Heimreise an. 

4 – kleine Reflexion (Achtung, Meinung) 

In diesem Sinne möchten wir die Möglichkeit nutzen und auf einige Tatsachen hinweisen, die angegangen werden könnten, um die nächsten JMT noch besser zu gestalten. Tatsachen, die unserer Meinung nach nicht nur in diesem Event wiederzufinden sind, sondern viele Teile der Gesellschaft betreffen: 

Netzwerken ist in einer sich neu bildenden Berufswelt und schnelllebigen Welt kaum noch wegzudenken: Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde darauf hingewiesen, dass sich diese wunderbar eignen würde, um das eigene Netzwerk zu erweitern. Dies ist sicherlich essenziell für den Journalismus, allerdings sollte es auch immer hinterfragt werden: Journalist*innen kommt eine gewisse Verantwortung zu und Netzwerken kann ganz schnell in eine kommerzielle Richtung tendieren, die den Umgang mit Inhalten stark beeinflussen kann. Weiterhin hat die Bundesfamilienministerin nach dem Empfinden einiger Teilnehmenden durchaus Wahlkampf betrieben: Sie schwärmte zum Beispiel vom starken Familien-Gesetz und erweckte Eindruck, indem sie den vollen Namen bestehend aus 23 Wörtern fließend aufsagen konnte. Dass sich das Gesetz in einer polarisierten Debatte befindet, die tatsächliche Wirkung unklar ist und viel Verbesserungspotential hat, wurde außer Acht gelassen. 

Beim Journalismus Jam gewann Linus. Er ist transsexuell und erzählte uns von seinem Alltag, der geprägt von Hass, Anfeindung und Verfolgung ist. Er zeigte Courage. Am Abend in der Turnhalle wurde dann nach Geschlechtern aufgeteilt. Es gehe um den Erhalt der Privatsphäre und um Jugendschutz. Die Toiletten waren dann mit Damen + Inter- und Transsexuelle ausgeschildert. Ebenso verhielt es sich bei den Herren. Ein Zwang zum Geschlechterentscheid entstand und die Privatsphäre von homosexuell Orientierten wurde somit nur bedingt berücksichtigt. Gerade in der Medienwelt sollte dies doch bitte selbstverständlich sein – Verantwortung und so. 

Zum Wohle aller wurde ein Cateringteam angestellt, welches sich zwischen den Teilnehmenden hindurchschlängelte, um fleißig das benutzte Geschirr von den Tischen abzuräumen. Catering schön und gut, Teller wegräumen ist nicht schwer. Vielleicht gab es Gründe, vielleicht könnte das Geld nächstes Jahr auch in eine Popcornmaschine für den Jam investiert werden (wenn das mal nicht konstruktive Kritik ist) und die Erzeugung von einem elitären Gefühl vermieden werden. Denn das, was da stattfand, ist auch ohne Catering ein verdammtes Privileg und wir als Freihafenredaktion sind dankbar, dabei gewesen sein zu dürfen. Daher ist an dieser Stelle unser Dank noch einmal explizit an das Team der JMT gerichtet, denn ohne euch wären diese nicht möglich gewesen! 

Autor*innen: Carla Engels, Fabian Severin , Henrike Notka

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Annkathrin Weis, Torben Krauß, Carla Engels und Jugendpresse Deutschland
Henrike Notka Verfasst von: