Zwei Pässe, ein Kreuz

[Meinung/Essay]

Seit einigen Tagen höre ich wieder polnische Musik: Marek Grechuta, Zbigniew Wodecki, Krzystof Krawczyk. Wenn sie singen, verstehe ich nicht alles. Mein Polnisch ist auf einem Familien-Level, sage ich immer, wenn mich jemand fragt. Smalltalk schaffe ich noch, ein Buch lesen ist für mich aber schwer. Meine Mutter spricht nur selten Polnisch mit mir. Mit acht oder neun Jahren habe ich wohl angefangen Polnisch zu sprechen, verstehen konnte ich es schon länger.

Ich erinnere mich an Besuche bei meiner Familie in Polen, an den Fernseher, der im Hintergrund läuft, an den schwarzen Tee und daran, dass sich immer sehr angeregt unterhalten wurde. Darüber, was die Nachbarn wohl wieder so machen oder wer als nächstes heiratet. An den Hund, der auf dem Hof bellt, wenn wieder jemand am Tor vorbeigeht. Oder an den alten Polski Fiat, der hinter dem Haus meines Onkels stand. Ich habe als Kind gerne darin gespielt. Damals wusste ich noch nicht, dass dieses mit Moos bewachsene und langsam von der Natur zurückeroberte Auto als das Symbol des kommunistischen Polens gilt. Mir hat es einfach Spaß gemacht, dass ich in einem Auto sitzen und das Lenkrad festhalten durfte. Manchmal frage ich mich, ob man das Auto nicht reparieren könnte. Aber mittlerweile ist es wahrscheinlich zu verrottet.

Polen gehört zu meiner Identität

In Polen war ich das letzte Mal vor vier Jahren. Schon viel zu lange her, denke ich immer. Aber so ist das nun mal. Wenn es geht, würde ich gerne wieder hinfahren. Erst mit dem ICE nach Berlin und dann weiter mit dem Berlin-Warszawa-Express. Acht Stunden saßen meine Mutter und ich immer in dem Zug. Es hatte etwas Gemütliches. Auch Polens Städte habe ich mit dem Zug gesehen. Ich war in der Hauptstadt Warschau, in Krakau und in Wrocław.

Ich hatte immer das Gefühl, dass das auch zu mir gehört. Obwohl ich schon immer in Hamburg lebe. Ich bin hier geboren und zur Schule gegangen. Ein Jahr war ich im Ausland. Und seitdem? Wieder Hamburg. Jetzt studiere ich hier. Und trotzdem habe ich zwei Pässe, den deutschen und den polnischen. Mein alter polnischer Reisepass ist sogar noch blau. Rzeczpospolita Polska, Republik Polen, steht dort. Unia Europejska, Europäische Union, fehlt noch. Polen ist erst 2004 der EU beigetreten, seitdem sind die Reisepässe rot. Ein paar Jahre lang habe ich mich gar nicht um ihn gekümmert. Ich brauchte ja auch nur den deutschen Pass. Er war schon abgelaufen, als ich das blaue Büchlein wieder in der Schublade entdeckt habe. Nachdem ich ihn gefunden habe, bin ich mit meiner Mutter zum polnischen Konsulat gefahren. In vier Jahren muss ich wieder hin. Vielleicht schaffe ich es dann sogar alleine zu fahren, falls mein Polnisch bis dahin besser geworden ist. Formulare überfordern mich nämlich immer noch. Und mit meinem deutschen Namen werde ich dort auch ohne die Sprachbarriere komisch angeguckt. Wenigstens habe ich keinen Dialekt. Findet zumindest meine Mutter. Nur die Worte fehlen mir manchmal.

2015 war ich zu jung

Aber das gehört zu mir, das Polnisch sein genauso wie das Deutsch sein. Ich will mich nicht entscheiden müssen für einen Reisepass, für ein Land, für eine Sprache. Ich bin gerne Teil von beidem. Ich fühle mich so wohl. Das macht eben auch einen Teil meiner Identität aus. Und genauso macht das Politisch sein einen Teil meiner Identität aus. Regelmäßig verfolge ich die Nachrichten. Ich weiß nicht über alles, aber über das wichtigste Bescheid, was in Polen passiert. Das interessiert mich eben. Und am Sonntag passiert etwas wichtiges, denn es sind Präsidentschaftswahlen.

Seit 2015 ist Andrzej Duda Präsident Polens, seit 2014 stellt die rechtspopulistische Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS, deutsch: Recht und Gerechtigkeit) den Ministerpräsidenten und die Regierung. Zu der Zeit fingen in Polen Entwicklungen an, die ich nicht nur mit Sorge betrachte, sondern richtig schlimm finde. Seitdem ist Polen in einer Verfassungskrise. Die Regierung hat das Justizsystem umgebaut. Und nach einer Gesetzesreform kann die Regierung die Senderchefs der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender direkt bestimmen. Die Liste ist aber noch viel länger. Die Regierungspartei PiS unterstützt Amtsinhaber Duda bei den Präsidentschaftswahlen. Seit seiner Wahl im Jahr 2015 ist er parteilos. Er wolle neutral bleiben, für alle Menschen in Polen da sein. Vorher war er PiS-Mitglied und Abgeordneter im Sejm, dem nationalen Parlament und im EU-Parlament. 2015 war ich zu jung. Ich durfte noch nicht wählen, jetzt schon.

Gefühle stehen über Prinzipien, Meinungen ändern sich

Vor ein paar Tagen habe ich online die Wahlunterlagen beantragt. Eigentlich sollten die Präsidentschaftswahlen schon Ende Mai stattfinden. Aber durch die Corona-Pandemie wurde alles verschoben. Auch Briefwahl ist jetzt einfach möglich, das war vorher in Polen eher unüblich. Bisher habe ich in Deutschland immer gewählt, wenn ich durfte: Bezirksversammlung, Bürgerschaft, Bundestag, Europaparlament. Und bisher habe ich es immer kritisch gesehen, wenn man dort wählt, wo man nicht wohnt. Jetzt habe ich meine Meinung aber geändert. Manchmal siegen Gefühle über Prinzipien. Und Meinungen ändern sich.

„Wir sind Menschen, keine Ideologie“, steht auf den Plakaten, die Demonstrant*innen in Polen am Wochenende hochhielten. Sie demonstrierten auf Wahlkampfveranstaltungen und stellten sich gegen den Präsidenten Duda. Währenddessen hetzt er weiter gegen Homosexuelle. Er propagiert das „Programm für die Familien“ und hält Homosexualität für eine „Ideologie“ und einen „westlichen Irrweg“. Duda sagt, die Förderung von LGBT-Rechten sei noch destruktiver als der Kommunismus. Er bedient sich einem Narrativ, dass in mir Ekel hervorruft. Duda vergleicht die Sexualität von Menschen mit einem nationalen Trauma, dass Polen nach 40 Jahren Diktatur erlitten hat. Die Geschichten, die meine Familie erlebt hat, erzählen von Schikanen und Überwachung durch den Geheimdienst, von geschlossenen Grenzen während des Kriegsrechts, von Angst. Und der Präsident des Landes setzt diese Zeit mit Homosexualität gleich? So spricht kein Präsident, sondern ein politischer Brandstifter.

Am Sonntag braucht Duda eine absolute Mehrheit, um im ersten Wahlgang gewählt zu werden. Im Mai schien das noch in greifbarer Nähe, denn in den letzten Wochen gab es kaum Wahlkampfveranstaltungen. Keiner der Kandidaten konnte so richtig für sich werben. Nur Duda konnte sich darstellen, zum Beispiel in Fernsehansprachen an das Land. Aber die Umfragen haben sich verändert. Vieles spricht für einen zweiten Wahlgang, der am 12. Juli stattfinden soll. In der Stichwahl würde es nur noch zwei Kandidaten geben. Von ganz links bis noch rechter als die PiS, ist alles dabei. Im Moment stehen elf Kandidaten zur Wahl, elf Männer, aber aussichtsreiche Chancen auf die Stichwahl haben nur Amtsinhaber Duda und der Warschauer Bürgermeister Rafał Trzaskowski. Für die restlichen neun Namen auf dem Stimmzettel sieht es eher schlecht aus.

„Liebe schließt niemanden aus“

Mitte Mai hat die größte Oppositionspartei, die europafreundliche Platforma Obywatelska (deutsch: Bürgerplattform), ihren neuen Kandidaten aufgestellt. Trzaskowski folgt auf die eher abgeschlagene Małgorzata Kidawa-Błońska. Die Partei hat ihn an ihre Stelle gesetzt. Ihre Umfrageergebnisse waren schlecht. In den Medien liest man, sie sei blass, hätte keine Zustimmung, könne Polen nicht vertreten. Seine Umfrageergebnisse sind gut. Er ist seit 2018 Stadtpräsident der Hauptstadt Warschau. Als Bürgermeister setzt er sich für die Rechte der LGBT-Community ein und möchte das Thema Homosexualität in die Lehrpläne der Warschauer Schulen integrieren. Das hat ihm zwar Kritik eingebracht, hielt ihn aber trotzdem nicht davon ab, für seine Präsidentschaftskandidatur mehr als 1,6 Millionen Unterschriften zu sammeln. Nötig für eine Aufstellung als Kandidat*in sind in Polen 100.000 Unterschriften. Trzaskowski sagte während seines Wahlkampfs Dinge wie „Liebe schließt niemanden aus“, wenn er über die LGBT-Community spricht.

Beim Blick auf die beiden aussichtsreichsten Kandidaten fällt es mir nicht schwer, mich zu entscheiden. Auf meinem Schreibtisch liegen die Wahlunterlagen. Ich werde in einem Land wählen, in dem ich nicht lebe. Aus der Musik und den Erinnerungen wird jetzt ernst. Das Polnisch sein, das Deutsch sein, das Politisch sein – alles kommt jetzt zusammen. Ich werde mein Kreuz machen und hoffen, dass ich es an der richtigen Stelle gesetzt habe. Und ich mache mir Pläne, schaue in meinen Kalender. Im nächsten Urlaub geht es nach Polen. Aber jetzt höre ich erstmal wieder Musik. Es läuft „Kiedy byłem małym chłopcem“ (deutsch: Als ich ein kleiner Junge war) und ich denke an den Polski Fiat hinter dem Haus.

Dieser Beitrag ist ein Meinungsbeitrag und spiegelt den Standpunkt des*der Redakteur*in zum jeweiligen Zeitpunkt der Veröffentlichung wider.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Alexander Schmitt
Alexander Schmitt Verfasst von:

Chefredakteur FREIHAFEN | mal persönlich, mal distanziert | @alexandersmt