Der globale Norden und sein Privileg der Nachhaltigkeit

Der globale Norden und globale Süden unterscheiden sich stark darin, wie nachhaltig sie sein können. Das liegt an zahlreichen Privilegien.

Im politischen und gesellschaftlichen Geschehen des globalen Nordens gibt es zahllose Kampagnen, Parteien, Verbände etc., die sich für Nachhaltigkeit und einen „grüneren Planeten“ einsetzen. Es wird zum Beispiel für eine bessere Nutztierhaltung und gegen fossile Energien plädiert und es ist klar, dass alle etwas ändern müssen, um katastrophalen Klimafolgen entgegenzuwirken. Länder des globalen Südens sind hingegen oft nicht in der Lage, sowas umzusetzen – wie sollen sie also mit dem „grünen Druck“ umgehen, möglichst schnell möglichst nachhaltig zu werden? Wir brauchen weltweit eine bessere Klimapolitik, das ist heutzutage wohl fast allen klar.

„Wir sitzen alle im selben Boot.“ 

Die Floskel ist wahr, aber gleichermaßen betroffen ist die Menschheit absolut nicht. Während wir in Europa gerade anfangen, die Folgen des Klimawandels zu spüren, sind Umsiedlung, Dürre und Hungersnot ganz besonders im globalen Süden schon lange präsent. Diese Ungleichheit hat natürlich einen geografischen Ursprung: Atolle, Inselgruppen, Gegenden in Äquator- oder Wüstennähe und Küsten sind grundsätzlich viel empfindlicher, was Veränderungen in der Umwelt angeht. Was oftmals aber nicht berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass auch wirtschaftliche, historische und geopolitische Umstände eine sehr große Rolle dabei spielen. 

Ob es politisch umgesetzt wird oder nicht – im globalen Norden könn(t)en es sich Länder leisten, „grün“ zu werden. Umweltbewusste Veränderungen wie ein schneller Kohle- oder Atomausstieg sind realistisch erreichbar. Finanziell können wir auch mit vielen Folgen des Klimawandels umgehen, zum Beispiel mit dem Ausbau von Deichen in Küstengebieten oder großen Aufforstungsprojekten. In großen Teilen des globalen Südens ist das schlichtweg nicht möglich.

Unser eurozentrischer Blick auf den globalen Süden

Der „von Armut geprägte“ oder gar „unterentwickelte“ globale Süden weckt sicherlich in uns allen viele Vorstellungen und Bilder vorm innere Auge. Sehr wichtig ist hierbei aber, dass man nicht einfach eine Hälfte der Welt, beziehungsweise der Menschheit, über einen Kamm scheren sollte. Oft fließen hier ein eurozentrischer Blick, Rassismus, Klassismus und bloße Ignoranz in unsere Vorstellung weniger privilegierter Gruppen und Länder ein. Außen vor fällt dann meistens, dass dieses Bild zum einen keinesfalls gleichermaßen auf alle Gegenden zutrifft, vielen geht es tatsächlich besser, als wir uns es oft vorstellen. Zum anderen entspringt die Lage des globalen Südens zahlreichen Faktoren. Er leidet immer noch sehr unter den Folgen des Imperialismus und Kolonialismus, sowie des Kapitalismus – also genau den Dingen, die den globalen Norden zu seinem Reichtum gebracht haben und die einen Großteil der Verantwortung am rapiden Klimawandel tragen.

Die Politik des globalen Nordens wird stark von Lobbyismus und Korruption beeinflusst, ganz besonders wenn es um Klimafragen geht. Welcher Milliardenkonzern, der von Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, von Müllentsorgung im globalen Süden und den deutlich billigeren fossilen Energien profitiert, will denn schon Verluste durch neue gesetzliche Maßnahmen riskieren?

Der Norden muss sich selbst hinterfragen

So kam es zum Beispiel zur bewussten Leugnung und Vertuschung des Klimawandels durch Energiekonzerne wie Koch Industries, ExxonMobil und Co. in den USA ab Ende der 80er, was langfristig die Folge hatte, dass heute immer noch zahlreiche US-Bürger*innen am Klimawandel zweifeln (1). Viele der Produkte und „Lösungen“, die uns als nachhaltige Optionen angeboten werden, sind dabei immer noch oft genauso schädlich, nur vielleicht auf andere Weise. In Atomkraftwerken wird zwar nicht direkt CO2 ausgestoßen, der Atommüll muss aber letztendlich irgendwo sicher gelagert werden. Auch E-Autos sind bekanntermaßen nicht die tolle Lösung für alle unsere Verkehrsprobleme. Neben den hohen Preisen, die auch die weniger wohlständigen Bevölkerungsschichten des globalen Nordens kaum stemmen können, werden die Rohstoffe für die Batterien unter oft menschenunwürdigen Bedingungen im globalen Süden abgebaut (2)

Zum Klimabewusstsein sollte also mehr dazugehören, als „Wir stecken in einer Klimakrise! Haltet die 1.5°-Grenze ein und fahrt E-Autos!“. Wir sollten uns, um dieses Problem wirklich verstehen und an der Wurzel angehen zu können, einen nuancierten Umgang mit den Privilegien, der Geschichte und den Verantwortlichen aneignen, die uns zur heutigen Situation gebracht haben. Nur wenn wir unser Umfeld tiefgehend kritisch hinterfragen, können wir wirklich positiven Wandel für unsere Umwelt bewirken.

Quellen:

1 http://www.klimaretter.info/forschung/hintergrund/5543-der-organisierte-zweifel

2 https://www.deutschlandfunk.de/kobaltabbau-im-kongo-der-hohe-preis-fuer-elektroautos-und-100.html

Bild mit freundlicher Genehmigung von Photo by Ma Ti on Unsplash
Alexis Milne Verfasst von:

Hi, ich bin Alexis Milne (sie/ihr/they/them), 2000 geboren, und wohne in Hamburg. ich studiere hier an der HAW Medien und Kommunikation und möchte Journalistin werden, weshalb ich jetzt auch bei Freihafen bin. Mein Leben besteht eigentlich nur aus der Liebe zu Kaffee, Kippen und Techno. Mein Ziel ist es die Welt mit meiner Arbeit zumindest ein bisschen zu verändern und sie zu einer etwas freundlicheren Steinkugel im All zu machen. Zu meinen Vorbildern/Inspirationen zähle ich Anna Wintour, Angela Y. Davis und Rosa Luxemburg. "If you can't be better than your competition, just dress better." - Anna Wintour