Anordnung zur Absonderung

Alle reden nur noch über Corona oder reden darüber, dass über Corona geredet wird. Nervig. Fernsehen, Radio oder das Internet quellen regelrecht über. Inzwischen wissen die meisten, dass Händewaschen eine gute Maßnahme zur Vorbeugung ist und halten physischen Abstand zueinander. Es hat den Anschein, dass die Menschen sich ganz gut auf die Situation eingestellt haben. Und dann, wie aus dem Nichts beginnen die Kopfschmerzen. Jetzt nicht wieder in Panik geraten, ruhig bleiben, es ist sicher kein Corona. Gliederschmerzen und eine leicht erhöhte Temperatur setzen ein. Es hilft alles nichts, ein Test muss her. Ergebnis positiv. Und jetzt?

Das war auch das erste, was sich Selina dachte, als ihr Corona-Test positiv war. Sie befindet sich seit 22 Tagen (zum Zeitpunkt des Interviews) in häuslicher Quarantäne, zusammen mit ihrem Vater und ihrer ebenfalls positiv getesteten Mutter. Ich habe mich mit Selina per Videocall zu einem Interview verabredet, um zu erfahren, was nach dem „und jetzt?“ kommt. 

Ende Februar war die Studentin für einen Spanischsprachkurs in Madrid und musste ihre Reise wegen der Corona-Entwicklungen frühzeitig abbrechen. Von einem auf den anderen Tag ging es los. Niemand war mehr auf den Straßen und Läden waren zu. Kurz nachdem sie wieder in Deutschland war, setzte der Lockdown ein. Erst die Ausgangssperre und am nächsten Tag Polizei auf den Straßen. Eine Millionenstadt fiel in ihren Coronaschlaf. 

Selina hatte Glück und konnte zurückkehren, bevor die Grenze geschlossen wurde. Ihre Mutter war zuvor für einige Tage zu Besuch bei ihr in Madrid. Beide kamen somit aus einem Risikogebiet zurück. Zu dieser Zeit gab es hier noch kein Kontaktverbot. Restaurants, Cafés und das Friseur*innenlokal um die Ecke hatten auch noch auf. Die beiden blieben aus Sicherheit vor Ansteckung anderer trotzdem zu Hause und einige Tage später traten bei ihrer Mutter erste Symptome auf. Sie riefen die Notfallhotline an und nach mehrmaligen Versuchen durchzukommen, ging alles ganz schnell. Bereits am nächsten Tag kam eine Mitarbeiterin vom Gesundheitsamt vorbei, um einen Speichelabstrich bei den beiden vorzunehmen. Die Mitarbeiterin trug eine komplette Schutzmontur. Und auch Selina und ihre Mutter mussten Handschuhe und einen Mundschutz tragen und zur Durchführung vor die Haustür gehen. 

Am nächsten Tag war dann das Ergebnis da. Positiv. Sie wurden telefonisch darüber informiert und am Tag danach kam ein Brief vom Gesundheitsamt mit der Anordnung zur Absonderung in häuslicher Quarantäne (siehe unten). Ich habe Selina gefragt, wie sie sich auf ein mögliches positives Ergebnis vorbereitet hat:

„Ich habe nicht drüber nachgedacht, weil ich mir so sicher war, dass ich es nicht habe. Die Wahrscheinlichkeit war ja nicht so hoch, ich habe das einfach völlig unterschätzt. Das ging dann irgendwie alles so schnell, man hat das gar nicht realisiert.“

Und was das erste war, was sie nach dem Ergebnis dachte:

„Und jetzt? Was passiert jetzt, weil ich nicht wusste, ob es mir gut geht und Mama. Da hatte sie schon Fieber, aber ich hätte nie gedacht, dass es so lange andauert. Und, dass es für Mama lebensgefährlich werden könnte. Das war ein komisches Gefühl, diesen Virus in sich zu haben. Man weiß über diesen noch nichts und zu dem gibt es noch kein Heilmittel. Und die Ärzte wissen noch nichts Genaues und bei jeder Person verläuft es komplett unterschiedlich. Also, ich hatte schon Panik am Anfang.“ 

Ihre Mutter hatte zwischenzeitlich 41 Grad Fieber und lag über zwei Wochen nur im Bett. Mittlerweile geht es ihr wieder besser. Sie musste viel trinken, fiebersenkende Medikamente und Schmerztabletten wie Paracetamol nehmen.

Hast du Schuld oder Scham empfunden?

„Ja total. Erstmal wollte ich es auch niemandem erzählen, weil ich dachte, dass die nichts mehr mit mir zu tun haben wollen und sich meine Freunde von mir fernhalten. Auch wenn es schon längst vorbei ist, weil sie denken, dass ich noch ansteckend sein könnte. Und ich habe mich auch schlecht gefühlt, weil ich Angst habe, dass ich in Madrid schon Leute angesteckt habe, die das vielleicht nicht so gut überstehen wie ich. Das war das schlimmste Gefühl. Zu denken, habe ich in der U-Bahn neben einer Oma gesessen, die das jetzt auch hat.“

Wie hat der Rest deiner Familie darauf reagiert? 

„Meine Brüder hatten schon vorher Angst und haben es sehr ernst genommen, weil sie beide Asthma haben. Und ich habe das in Madrid schon nicht so realisiert und es runtergespielt, weil es oft in Panikmache ausartet. Man weiß ja nicht was stimmt und was nicht. […] Meine Brüder sind ausgezogen, noch bevor ich aus Spanien zurück war. Papa war richtig ruhig und entspannt, er hat gesagt: Ok, das ist jetzt so. Das können wir nicht ändern, das kriegen wir schon alles irgendwie hin. Mama war auch verhältnismäßig entspannt. Manchmal hat sie noch Scherze darüber machen können.“ 

Wie war es, das Freunden zu erzählen? 

„Nicht so schlimm, wie ich gedacht habe. Die meisten haben gut reagiert. Allerdings haben einige auch direkt Panik geschoben und gleich geschrieben: Oh Gott, und wie geht´s dir jetzt? Und was heißt das? Und deine Mama, kann sie sterben? Und ich dachte mir: Leute, das hilft gerade nicht, was ihr hier schreibt (lacht). Aber so schlimm war es nicht, weil ich wusste, dass es meine Freunde sind und die denken ähnlich wie ich und werden mich nicht verstoßen. […] Ich war die erste, die Leute kannten, aber ich wollte gerne noch als normaler Mensch behandelt werden und nicht nur als der Coronafall.“

Was hast du die ganze Zeit gemacht?

„Also, immer wenn es ging, habe ich mich um Mama gekümmert. Aber ich hatte zum Glück auch Papa hier. Wadenwickel und etwas zu essen bringen, das hat eigentlich meistens er gemacht. Und sonst habe ich ganz viel Spanisch gelernt. Ich wollte ja unbedingt weitermachen und weil ja noch keine Uni ist, hatte ich endlich Zeit Spanisch zu lernen. Die meiste Zeit war ich in meinem Zimmer, habe lange geschlafen, abends immer Netflix geguckt und mit meinem Dad zusammen gegessen oder Kaffee getrunken. Und mehr nicht tatsächlich, was soll man auch noch machen.“

Mit dem Eintreffen des Briefes kamen auch Hygienetipps und eine Tabelle zum Eintragen der Symptome am jeweiligen Tag (siehe unten). Dafür mussten Selina und ihre Mama jeden Tag zweimal Fieber messen. Zusätzlich rief das Gesundheitsamt täglich an und wollte wissen, wie viele Tabletten ihre Mutter genommen hat, wie hoch das Fieber an dem Tag war und ob sie genug gegessen und getrunken hatte. Als das Fieber ihrer Mutter nicht besser wurde, wurde die Hausärztin dazu geschaltet und kam noch am selben Tag in Schutzmontur vorbei. Selina und ihr Vater mussten sich in einem anderen Raum aufhalten, während die Ärztin ihre Mutter behandelte. Sie horchte die Lunge ab, hat die Sauerstoffsättigung und den Blutdruck gemessen. Zum Glück war mit der Lunge alles in Ordnung und die Atemwege frei. Ich wollte gerne wissen, ob Selina sich durch die Betreuung sicher gefühlt hat:

„Das Problem war, dass man gemerkt hat, dass die auch noch nicht so viel Erfahrung damit haben und sie waren sehr vorsichtig mit den Aussagen. Wir wussten ja auch am Anfang nicht, wie es bei uns weiter geht und ob wir nochmal getestet werden müssen und da haben die gesagt: Das wissen wir leider jetzt auch noch nicht, da müssen wir uns erst informieren und da kommen jeden Tag neue Bescheide vom Ministerium. […] Das war schon ein blödes Gefühl, weil klar, wenn wir selbst noch nicht so viel darüber wissen, weil wir die Krankheit noch nicht hatten, ok, aber wenn selbst Experten und Ärzte nicht alles wissen, ist das schon gruselig. Das war ein beunruhigendes Gefühl.

Was hat dir geholfen?

„Ich habe es eigentlich immer verdrängt erstmal, und dachte: Warte erst einmal ab, denk da nicht drüber nach, warte ab, bis es Mama wieder besser geht und dann ist eh alles egal. […] Mit Mama wollte ich da nicht drüber reden, so über meine Ängste, weil es ihr ja richtig schlecht ging und wenn ich dann damit anfange zu sagen, dass ich Angst habe, dass man vielleicht sterben kann, dann ist das nicht so schlau. Aber ich habe dann mit einer Freundin drüber geredet, was sie davon hält und darüber denkt. Das hat schon geholfen, das mal loszuwerden.“

Wer hat für euch eingekauft?

„Erst unsere Nachbarn – netterweise – und dann später als meine Brüder aus der Quarantäne waren, konnten die das für uns machen. Die sind dann vorbeigekommen und haben das circa zwei Mal die Woche vor die Tür gestellt. Wir haben einen Einkaufszettel geschrieben und den in eine Tüte gepackt und die Tüte vor die Tür gehängt und die haben die dann halt abgeholt und gefüllt. Und haben das auch immer desinfiziert den Henkel und haben sich danach direkt die Hände gewaschen.“

Gab es etwas, worüber du froh warst?

„Nicht alleine zu sein. Darüber war ich sehr froh und wieder zu Hause zu sein. Also wenn ich noch in Madrid gewesen wäre, wo ich niemanden kannte und nicht in meinem eigenen Zimmer gewesen wäre, das hätte ich nicht so gut gefunden. Also das habe ich wirklich sehr zu schätzen gewusst, dass Mama und Papa hier waren und ich nicht alleine war.“

Was nimmst du aus dieser Zeit mit?

„Ja erstmal, dass Panik nicht gut ist. Also, dass man wirklich ruhig bleiben muss und nicht immer gleich das Schlimmste annehmen muss und dass es unglaublich wichtig ist, ein gutes Gesundheitssystem zu haben. Und, dass es Leute gibt, die sich um einen kümmern und Ahnung haben, indem was sie tun. Das lernt man zu schätzen.“

Vor ein paar Tagen wurde auch ihr Vater positiv getestet. Damit sind sie der erste Haushalt in ihrem Landkreis, bei welchem die Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten positiv getestet wurden. Zum Stand des Interviews war noch nicht sicher, ob Selina zum geplanten Zeitpunkt aus der Quarantäne darf oder doch noch aufgrund des neuen Tests warten muss. Aber solange geht das Leben weiter. Sogar Pizza bestellen geht noch, erzählt Selina. Dann wird darauf hingewiesen, dass es sich um einen Corona-Haushalt handelt und die Pizza halt am Gartentor abgestellt werden muss.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Henrike Notka
Henrike Notka Verfasst von:

Art Director I Soziologin und Politikwissenschaftlerin I Que(e)rdenkerin