Der einzig wahre Guide – Herbstzauber

Ja, ja – wir wissen es eigentlich. Wir wollen es nicht wahrhaben, doch ganz tief im Inneren ist da diese Stimme. Sie flüstert uns mit jedem Regenschauer, mit jedem gelben Blatt, was vor unserer Nase auf den Gehsteig flattert, mit jedem kalten Windstoß und jeder Starbucks-Werbung für Pumpkin Spice Latte zu, dass der September das Ende des Sommers einläutet. Es wird Herbst. Nun, am Wetter kann man das hier im Norden nicht festmachen, der Regenschirm ist die einzig verlässliche Konstante – mal abgesehen vom Regen, der in diesen Breiten bekanntlich nicht nur von oben kommt. Trotzdem: selbst der Herbstanfang ist kein Grund, den Kopf hängen zu lassen! Der einzig wahre Guide glänzt mit fünf Tipps, wie du die goldene Jahreszeit als solche genießen kannst.

1. Wenn Herbst, dann richtig

Was noch mehr nervt als nasskaltes Wetter, ist nasskaltes Wetter im Wechsel mit blauem Himmel und Sonnenschein. Man kann sich einfach nicht richtig darauf einstellen. Da trägst du schon deinen kuscheligen Parka oder die coolen gelben Gummistiefel, und auf einmal kommen dir Leute mit Hotpants und Sandalen entgegen, weil die Sonne entschieden hat, noch ein letztes Mal für 30 Grad im Schatten zu sorgen. Ätzend! Dass du deine Kleidung an dieses teuflische Potpourri der Thermodynamik anpasst, ist ausgeschlossen. Aber wenn der Prophet nicht zum Berg will, wie kommt dann der Berg zum Propheten, fragst du? Das Zauberwort heißt Sprinkleranlage. Eine 3-in-1-Gartendusche (mit integriertem Wassernebel und Rasensprenger) kostet im Einkauf 23, ein Wasserkanister vier und ein einfacher Schlauch zwei Euro – und schon bist du mit rund 30 Euro der wandelnde Herbstschauer! Pro-Tipp: Eine Handvoll Trockeneis zaubert im Nu die neblige Herbstatmosphäre, die wir alle so lieben.

Wenn das Wetter stimmt, sollte auch deine Umgebung mitmachen. Am Baum vor deinem Haus hängen noch alle Blätter? Dein alter Schulmalkasten kann jetzt noch einmal glänzen. Mit einer großen Leiter, einer Heckenschere und an die zwei Stunden Zeitaufwand machst du aus deinem sommerlich-grünen Baum ein kahles Gestrüpp, dessen bunte Blätter den Fußweg zieren.

2. Pumpkin Spice and everything nice

Wir kamen ja schon kurz auf das Phänomen PSL zu sprechen. Neben der internationalen Raumstation, den Funkwellen und überbackenen Käsenachos ist dieses überteuerte Gesöff eines der größten Errungenschaften unserer Zivilisation. Wenn du nicht über die Möglichkeit verfügst, dir Pumpkin Spice Latte im Zeitraum von September bis November intravenös einzuführen, dann musst du es halt so machen, wie all die anderen Herbstzeitlosen neben dir. Lass dir in einem Coffeeshop deines Vertrauens einen 10L-Kanister abfüllen (Kostenpunkt: knapp 100 Euro), und trage ihn immer bei dir. Kommt auf einmal der Winterblues um die Ecke, nimm einen großen Schluck. Ahhh, das tut gut. Pumpkin spiced fo’ life.

Falls das nicht reicht, und selbst das Kultgetränk nichts mehr ausrichten kann, empfiehlt dir der wahre Guide eine sofortige Umstellung auf eine Kürbisdiät. Kürbisuppe, Kürbisauflauf, Kürbis geröstet, püriert, in Würfeln, Streifen, Saucen usw. Es soll auch Leute geben, die aus Kürbis Pralinen gemacht haben.

3. Was ist das für 1 sofa life?

 Was ist das eigentlich für 1 tipp von den ganzen Lifestyle-Magazinen, im Herbst vor die Tür zu gehen? “Macht doch einen entspannten Herbstspaziergang durch bunte Wälder und neblige Straßen” – ja, und danach ziehen wir nach New York und gründen eine Geisterjäger-Agentur. Noch was Abwegigeres auf Lager? Frei nach Sheldon Cooper: warum sollte man vor die Tür gehen, wenn das Zuhause über Jahrhunderte perfektioniert wurde? Dein Sofa ist dein Thron und dein Wohnzimmer dein Königreich. Die direkte Nähe zum Kühlschrank und Bett, aber auch zum Fernseher und der Toilette sind ein Komfort, den man auch einfach mal genießen sollte.

Freunde wollen mit dir was unternehmen? Wimmle sie ab. Deine neuen besten Freunde heißen Netflix, Pizzaservice und Blasenkatheder. Das Tierreich macht es vor: warum fressen sich denn seit Jahrtausenden die Viecher einen Winterspeck an? Arbeit und Hobbys kommen natürlich auch nicht in Frage. Dein Chef muss jetzt einfach mal Verständnis haben.

4. Musik für die Seele

Es schwinden jedes Kummers Falten, solange Liedes Zauber walten, das wusste schon Schiller, und dessen Rhymes sind heute immer noch en vogue. Mit der richtigen Musik hat eine Herbstdepression bei dir keine Chance. Wenn am Nachmittag die Wiederholung des Vormittagsprogramms gesendet wird und sich erste Langeweile breit macht, greif doch mal zu den Kopfhörern. Chillige Folksongs, verträumtes Akustik-Gitarrengeklimper zieht dich nur runter. Du magst Deutsch-Pop? Warum lässt du dich nicht gleich einweisen, so nah stehst du mit dieser Entscheidung dem Nervenzusammenbruch. Deine Nachbarn hören jetzt Heavy Metal, ob sie wollen, oder nicht. Metallica, Iron Maiden, Judas Priest, Black Sabbath – gönn dir Gitarrengeschrammel, Gegrowle und Grindcore, und der Winterblues nimmt Reißaus. Wie übrigens auch deine Haustiere. Perfekt, so hast du wenigstens mehr Platz auf dem Sofa.

5. Herbstliche Philosophie

Wenn es draußen kalt wird, soll man sich warme Gedanken machen – den Spruch kennen wir alle. Doch wer nimmt ihn heute noch richtig ernst? Wenn du auf deinem Sofa sitzt, eingekuschelt in eine Decke, mit einer Chipstüte im Arm deine Partie Candy Crush unterbrichst, um auf Facebook deine tageslichtaffinen Freunde bei ihren “Aktivitäten” zu verspotten, solltest du deine erlangten Weisheiten unbedingt mit der Welt teilen. “Der Herbst ist der Frühling des Winters” – ein guter Anfang. Unter einem Bild von deinen Schuhen im bunten Laub: “Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird”. Oder der Knaller: “Das entschieden Charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit” – Franz Kafka, Digga!

Deine Freunde werden begeistert sein. Mit Postings dieser Art vermittelst du nicht nur deine geänderten Prioritäten (“nein Therese, ich möchte nicht zum Kastanienmännchen-Bastelnachmittag kommen”), sondern auch deine neuen intellektuellen Ansprüche an das Leben. Du bist nämlich nicht nur Genasium sondern auch ein Querdenker, so, und jetzt lasst mich in Ruhe weiter auf dem Sofa BTN schauen!

Der einzig wahre Guide ist auch dein einzig wahrer Freund. Wie du, von Motörhead-Klängen sanft getragen, am Herbstblues vorbeischwebst, haben wir dir jetzt in fünf Punkten ausführlich erklärt. Also: go inside and do it!

 

Lotta Johanna Stähr Verfasst von:

22 Jahre alt, Germanistikstudentin, liebt Tarantino-Filme und hört Musik für alte, bärtige Männer. Redakteurin beim FREIHAFEN.