Walker meets Schostakowitsch

Der Elbphilharmonie Abend, der zwei musikalische Sprachen spricht 

Artikel von Oliver Schacht

Klassik und Pop – geht das zusammen? Und wenn ja, findet man ein Publikum, welches sich für beides begeistern kann? Am 14. April wagte der NDR dieses Experiment bei seiner Veranstaltung NDR Late Night in der Hamburger Elbphilharmonie. Bekannt schon aus den letzten Spielzeiten, erwartete die Besucher hier erneut ein Abend nach dem Motto „Klassik meets Pop“. 

Der erste Teil des Abends bot ein klassisches Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Gastdirigent Krzysztof Urbański. Der gerade erst 36-jährige Pole ist Direktor des Indianapolis Symphony Orchestra und konnte als international gefeierter Gastdirigent schon namhafte Orchester wie die Wiener Symphoniker oder das London Symphony Orchestra leiten. Seit 2015 ist er erster Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters und somit häufig gesehener Gast im Konzertsaal an der Elbe. Aufgeführt wurde die Sinfonie Nr. 4 in c-Moll von Dmitrij Schostakowitsch, einem der bedeutendsten russischen Komponisten des vergangenen Jahrhunderts, der dieses Werk in den Dreißigerjahren unter dem Eindruck des in Russland herrschenden stalinistischen Terrorregimes komponierte – mehrfach nahm er Änderungen vor, wohl auch aus Sorge, seine Musik könnte anecken, oder gar als Kritik am System und der Verfolgung politisch Unliebsamer gewertet werden und ihn somit selbst in Gefahr bringen. Die Dramatik der Sinfonie zeugt von dem starken Spannungsfeld, in welchem sich Künstler jener Zeit befanden. 

Als starker Kontrast dazu präsentierte N-JOY im zweiten Teil des Abends den britischen Singer-Songwriter Tom Walker. Der 27-Jährige ist bekannt für seine starke, raue Stimme, den ruhigen Klang seiner Songs und den Mix aus verschiedenen musikalischen Genres wie Pop, Hip-Hop und Blues. In seiner Musik greift er Themen auf, die ihn bewegen, so etwa widmete er „Leave a Light On“ einem Freund, welcher durch Drogen auf die falsche Bahn geraten war. Mit ebendiesem Lied schaffte er vergangenes Jahr international den Durchbruch und gewann einen BRIT-Award. 

Mit hohem Erwartungen an ein sehr gegensätzliches aber doch auch besonderes Programm saß also das Publikum in einem ausverkauften Saal, gefüllt mit Menschen so bunt wie das Programm: Die typischen Abokarten Inhaber, die sich hier auf vertrautem Parkett bewegen, junge Menschen, man sieht sogar Tom Walker Fanshirts. Familien, die die Mischung nutzen, um den Kindern Klassik näher zu bringen und – natürlich – Touristen, auch aus England, die sich für Saal und Programm interessieren. 

Benjamin Hüllenkremer:: bigbasspic Foto by Benjamin Hüllenkremer:: bigbasspic

Der Abend beginnt mit der Klassik, und schnell ist klar: Was hier geboten wird, ist musikalisch keine leichte Kost, denn auf schöne harmonische Elemente folgen laute, dramatische und fast schon dissonante Fortissimo, die die Zuschauer packen und mitnehmen. Das Wechselspiel zwischen sanft und laut kommt überraschend und häufig. Urbański ist von Beginn an voll in seinem Element, es macht Spaß ihm zuzuschauen, wie er die Musik fühlt, aufnimmt und durch seine Bewegungen nicht nur das Orchester leitet, sondern voll und ganz in die Töne und Harmonien aufgeht. Über eine Stunde führt er das Orchester und das Publikum durch die Sinfonie und lässt sie ein einwandfrei aufgeführtes musikalisches Stück erleben. Dass hier heute nicht nur angestammte Klassikliebhaber sitzen, ist nicht zu bemerken, denn anders als das Feuilleton bekannter Blätter oft kritisiert, hört man kein Husten, kein klingelndes Handy und auch Szenenapplause an unpassenden Stellen werden nicht dargeboten. Lediglich dass der finale Applaus viel zu früh einsetzt, stimmt auch den Dirigenten sichtlich ärgerlich, denn an der Stelle maximaler Spannung, während die letzte Note noch fein und leise in die absolute Stille im Saal ausklang, konnte es ein junger Pop Fan anscheinend nicht mehr erwarten, in die Pause zu kommen. 

Nach fast einstündigem Umbau hat sich der Saal verändert: Das gesamte Orchester samt Instrumenten hat die Bühne verlassen und fast verloren in der Mitte finden sich ein E-Piano, zwei Gitarren und ein Mikrofon. Nach kurzer Anmoderation von N-JOY Moderatoren Andreas Kuhlage und Jens Hardeland und einer sehr unangenehmen Elbphilharmonie La-Ola betritt Tom Walker zusammen mit einem Pianisten die Bühne. Fast verloren wirkt dieses intime Akustik-Setting auf der sonst so voll besetzten Bühne. Sichtlich begeistert zeigt sich der Künstler von dem Saal. Mehrfach betont er, er habe noch nie in einem derartigen Konzerthaus gespielt und er sei von der Architektur beeindruckt. Er beginnt mit Hits wie „Angels“ und schnell wird klar, die Elphi kann auch Pop! Trotz Lautsprecherverstärkung kommt seine großartige Stimme an und schafft Gänsehaut. Ein Highlight ist auch sein Cover von Adeles „Hometown Glory“, dem ruhigen Klavierhit, den er auf seine ganze eigene Weise mit Dramatik und Leben füllt. 

Leider zeigt sich nach jedem weiteren Song musikalisches Unfairplay – trotz beeindruckender Musik stehen immer mehr, sichtlich ältere Zuschauer auf und verlassen in Dutzenden den Saal – hat man sich hier etwa nur für die Klassik begeistert? Wollte man mal schauen, was die Jugend von heute so hört? Dass der Abend länger geht, hätte man sich bei dem Titel „Late Night“ eigentlich denken dürfen – und die Regeln klassischer Konzerte gelten in diesem Saal auch für Pop. Auch der Künstler bemerkt dies, lässt sich aber professionell nichts anmerken. Nach gerade mal 45 Minuten beendet er dennoch, vor deutlich ausgedünnten Reihen sehr früh, mit seinem Megahit „Leave a Light On“ den Abend – nochmal ein einzigartiger Moment, den man selbst auf anderen Konzerten des Künstlers erstmal erreichen muss. 

Benjamin Hüllenkremer:: bigbasspic
Foto by Benjamin Hüllenkremer:: bigbasspic

Alles in Allem schafft es die Veranstaltung durchaus mit Erfolg, zwei Welten zu vereinen. Obwohl keine reine Mainstream-Klassik geboten wird, ist das Publikum gepackt und ich bin mir sicher, mit seiner coolen Art zu dirigieren, konnte Gastdirigent Krzysztof Urbański einige neue junge Fans gewinnen. Im Vergleich zu den schnöden Besuchen in der Laeiszhalle zu Schulzeiten war das hier richtig packend. Der zweite Teil des Abend, welcher sowieso schon vielversprechend erschien, konnte durch guten Gesang und klasse Atmosphäre sehr begeistern, auch wenn das Fehlverhalten des eigentlich konzertaffinen älteren Stammpublikums für Verärgerung der jungen Fans sorgte. Es bleibt zu hoffen, dass der NDR dieses Format ausweitet und weiterhin junge Popkünstler in die Elbphilharmonie holt, um so junge Menschen an Klassik heranzuführen und ihnen die Chance zu geben, „ihre“ Musik in diesem einzigartigen Saal zu hören.

Titelfoto: Thies Rätzke

Gastautor/-in Verfasst von:

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