Auf der Suche nach dem „normalen“ Leben

Triggerwarnung: In dem Kommentar gibt es provokante Abschnitte, die negativ konnotierte Gefühle hervorrufen können. Davon werden hauptsächlich Menschen betroffen sein, die auf Grund ihrer sexuellen Identität noch nie Diskriminierung erfahren haben. Diese Arten von Gefühlen erleben Menschen, deren sexuelle Orientierung jenseits von Heterosexualität liegt, jeden Tag. 

Pride is not an anti straight movement – this isn´t about you. 

Wir befinden uns mitten im Pride-Monat1: Regenbogenfahnen werden aus den Fenstern gehängt und Nivea am Jungfernstieg hat einen fetten Regenbogen mit der Aufschrift „Nivea ist für alle da“ über dem Eingang hängen. Glitzer und Schminke werden in den Geschäften ausgelegt und E-Mail-Signaturen bekennen für die nächsten zwei Wochen Flagge. 

Nach den zwei Wochen ist alles vergessen. Vielleicht finden wir noch ein paar Reste Konfetti auf dem Boden, aufgequollen und farblos vom Regen. Ein Überbleibsel eines jahrzehntelangen Kampfes für Menschenrechte, für Liebe ohne Diskriminierung und Verfolgung. Aber gab es wirklich eine Bewusstseinserweiterung oder bleibt es ein Gefühl, eine Illusion?

Müsste ich mir dann immer noch Sätze anhören wie „Hast du eigentlich einen Freund?“ (überwiegend von sehr weit entfernten Verwandten, die mein Leben nichts angeht) Ich glaube nicht. Selbstverständlich hat die LGBTQIA+-Community2 sehr viel erreicht, aber eben nicht genug.

Stand der Dinge

Der deutsche Staat ist institutionell und gesellschaftlich auf Mann und Frau ausgelegt: Der heterosexuelle Mann und die heterosexuelle Frau fühlen sich zueinander hingezogen. Mann und Frau heiraten, Mann und Frau bekommen Kinder, Mann und Frau – das hat die Natur so vorgegeben. So funktioniert unsere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die durch und durch heteronormativ ist. 

Was heißt heteronormativ? Das bedeutet, dass jegliche Lebenspraxen, Normen und Werte auf die Vorstellung des binären (zweiteiligen) Geschlechtssystems ausgelegt sind und als „Normalität“ empfunden werden. Alles, was dem widerspricht ist abnormal. Also Frau-Frau, Mann-Mann, ganz zu schweigen von nichtbinären Menschen oder trans Menschen. Von diesen Kategorien hat der Großteil der Bevölkerung wahrscheinlich noch nie etwas gehört, denn es gibt eben nur Mann und Frau, fertig. 

Wir befinden uns in den tiefen strukturellen Eigenschaften dieser Heteronormativität, die unsere gesellschaftliche Ordnung herstellt. Eine Ordnung, die viel zu selten hinterfragt wird, und bei der es meistens auch gar nicht versucht wird, weil Mann und Frau – das hat die Natur so vorgegeben. 

Gesellschaftliche Strukturen sind allerdings nicht einfach so aus dem Nichts aufgetaucht: Kulturen formen und verändern sich. So hat sich auch die Heteronormativität historisch entwickelt und weil wir von sehr langen Zeiträumen reden, wird das Heteronormative als „normal“ und „natürlich“ empfunden. Es kommt uns gar nicht in den Sinn, dass es auch andere Formen des Zusammenlebens geben kann.

Polygamie zum Beispiel. Oder wird das hier jetzt zu kompliziert für den heteronormativen Kopf? Polygamie zwischen einem Menschen mit einem Penis und einem Menschen mit einer Vulva und einem Menschen mit einem Geschlechtsteil, der wiederum eine intime Beziehung mit einem Menschen mit einem Geschlechtsteil führt. 

Geschlechter erdenken

Penis und Vulva, das „männliche“ und das „weibliche“ Geschlechtsorgan. Aufgrund ihrer Geschlechtsteile werden Menschen dann einem der Geschlechter zugeordnet. 

Ich wusste gar nicht, dass auf Chromosomen Beschriftungen draufstehen. Tun sie natürlich auch nicht. Das sind wir, mit unseren Köpfen in einer heteronormativen Gesellschaft. Chromosomen geben Ausprägungen für einen Körper vor, aber wir kreieren weiblich und männlich, Vulva und Penis, Frau und Mann.

Mal abgesehen davon, dass das binäre Geschlechtssystem maßgeblich von rassistischen, sexistischen und eugenischen weißen männlichen Wissenschaftlern im 19. Jahrhundert geprägt wurde. (In der Zeit war es auch noch erlaubt, die Klitoris einer Frau* entfernen zu lassen, wenn diese über Kopfweh klagte oder sich scheiden lassen wollte. Dann konnte ihr Mann „schnipp schnapp“ sagen, um sie zur Vernunft zu bringen.)3 Die Menschen in einer heteronormativen Kultur scheinen besessen von ihren beiden Geschlechtskategorien und deren sexuellen Anziehung aufeinander zu sein.

In diese Vorstellungen vom „normalen“ Leben passt Homosexualität nicht hinein. Homosexuelle Menschen werden so zu ihrem Outing gedrängt, da es ein Teil eines Normalisierungsprozesses ist: Damit wird klargestellt, dass diese Art zu lieben für sie „normal” ist – eine Art Rechtfertigung. Die Grenze des “Normalen” kann dadurch etwas verschoben werden.

Allerdings nur unter den Bedingungen des heteronormativen Raums: Dann heißt es „Und wer ist dann der Mann? Und wer die Frau?“ Offenbar kann es die heteronormative Beschränktheit gerade so zulassen, dass es beim Sex plötzlich keinen Penis mehr gibt. Meistens kommt dann noch das Scheinargument der „natürlichen“ Fortpflanzung. Seit wann haben Menschen nur Sex, um Kinder zu bekommen?

Es sind immer dieselben Entgegnungen, das heteronormative Spiel ist leicht zu durschauen, vulgär und so verdammt lästig. In über 500 Arten auf der Welt gibt es gleichgeschlechtlichen Sex und nur in der Spezies Mensch gibt es Homophobie4.

Nichts ist „normal“

Und genau deshalb denke ich, dass es nach dem Pride-Monat nicht zu einer Bewusstseinserweiterung kommen wird oder sie oberflächlich vorgetäuscht wird. Wir können uns noch so viele Rechte erkämpfen: zu heiraten, Kinder zu bekommen und/oder zu adoptieren oder sexuelle Aufklärung in der Schule einführen und Nivea kann noch so viel kommerzielles Pridewashing mit dem Regenbogen machen. 

Solange wir in einem heteronormativen Denken gefangen sind, wird Liebe nicht frei sein können. Wir müssen jenseits von Mann und Frau, von heterosexuell oder homosexuell denken. Vielmehr von Questioning, Asexualität, Grayromantik, Pansexualität oder Demisexualität. Von genderfluid, genderqueer oder transfeminin. Was das alles ist? Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten (Google selbst, musste ich auch machen)5.

Niemandem steht es zu, einem anderen Menschen dies abzusprechen oder in Frage zu stellen und sich somit in Angelegenheiten einzumischen, wo offenbar kein Wissen herrscht. Sexualität und Identität in einem Kontext von “Normalität” zu diskutieren, schließt aus und diskriminiert. Wir sollten vielmehr über eine Gesellschaft nachdenken, in der nichts mehr als „normal“ erachtet wird. Eine Frage wie: „Hast du eigentlich einen Freund?“ kann sich in Zukunft dann gespart werden. 

Suche erfolglos beendet. 

Dieser Beitrag ist ein Meinungsbeitrag und spiegelt den Standpunkt des*der Redakteur*in zum jeweiligen Zeitpunkt der Veröffentlichung wider.

1 Pride Monat: Pride ist ein Begriff aus der Lesben- und Schwulenbewegung und beschreibt einen selbstbewussten Umgang mit der sexuellen Identität. Der Begriff wird auch im politischen Kontext bei Demonstrationen eingesetzt, um die LGBTQAI+-Community sichtbar zu machen.  

2 LGBTQIA+-Community: Lesbian Gay Bisexual Trans Queer Intersexual und Asexual +, sexuelle Identitäten 

3 Quelle: Strömquist, L. (2017): Der Ursprung der Welt. Berlin: Avant-Verlag. 

4 Quelle: Bagemihl, B. (2000): Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity. New York City: Stonewall Inn Editions.

5 Empfohlene Website zur Recherche: https://queer-lexikon.net/2017/06/15/binaeres geschlecht/


Bild mit freundlicher Genehmigung von Johanna Ohne
Henrike Notka Verfasst von:

Art Director I Soziologin und Politikwissenschaftlerin I Que(e)rdenkerin