Auf geht die wilde fahrt

Endlos blauer Horizont, eine steife Brise um die Ohren, weit und breit nur Wasser und das tagelang. So in etwa erlebt Jasper seinen Job als Schiffsmechaniker. Ich habe mich mit ihm zu einem Interview getroffen, um einen Einblick in sein Leben auf See zu bekommen. Der Dreiundzwanzigjährige berichtete über seine Erlebnisse, anderen Kulturen zu begegnen, der Arbeitsvielfalt an Bord und auch darüber, wie sich Corona auf seine letzte Fahrt ausgewirkt hat. Wir unterhielten uns knapp eineinhalb Stunden, daher sind hier nur Ausschnitte wiedergegeben. 

Jasper, was genau machst du eigentlich?

Ich mache im Moment eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker und arbeite in der großen Fahrt, also im weltweiten Fahrtgebiet. Die Ausbildung ist aus einer Zusammenführung der Berufszweige Matrosen und Motorenwärter entstanden und umfasst den Deck- sowie Maschinenbetrieb. 

Die anfallenden Aufgaben sind davon abhängig auf welchen Schiffen ich unterwegs bin. Allgemein gibt es an Bord viele verschiedene Anlagen, die gewartet und bedient werden müssen, alltägliche Dinge wie Strom oder Frischwasser müssen wir selbst produzieren und unser Kraftstoff muss auch von uns aufbereitet werden. Die Hauptmaschine und die ganzen damit zusammenhängenden Systeme müssen gewartet werden und auch an Deck fällt meist einiges an Arbeit an. 

Auf der Brücke steuere ich als Rudergänger nach Anweisungen der Lotsen das Schiff in die Häfen oder zum Beispiel durch den Panamakanal. Später müssen Schlepper und das Schiff im Hafen festgemacht werden und der Ladevorgang überwacht werden. Wenn ich der Brückenwache zugeteilt wurde, gehe ich nachts Ausguck. 

Die Aufgaben sind also sehr vielfältig und ich sehe sie als eine gute Möglichkeit herauszufinden, ob mich eher der Bereich Maschine oder Brücke interessiert. Die gesammelten Erfahrungen können sehr hilfreich sein, wenn es beispielsweise um eine Studienentscheidung im Bereich Nautik oder dem Schiffsbetriebstechnikstudium geht.

Wie läuft die Ausbildung ab?

Die Ausbildung dauert insgesamt drei Jahre. Sie beginnt zunächst mit Sicherheitslehrgängen, damit es erlaubt ist, an Bord zu arbeiten. Wir lernen Grundkenntnisse in der Brandbekämpfung und in der Seenotrettung sowie grundlegende Dinge über das Leben und Arbeiten auf See – also wie wir auf hoher See überleben. Bei mir gab es am Anfang der Ausbildung außerdem eine Gruppenreise, da waren wir vierzehn Azubis auf einem Schiff.

Ich bin mittlerweile im dritten Lehrjahr und musste leider verlängern, weil ich Corona bedingt nicht von Bord kam und meinen Berufsschulblock verpasst habe. Dadurch konnte ich die letzte Prüfung nicht schreiben, aber im Dezember bin ich dann durch. In jedem Lehrjahr hatte ich immer drei Monate Berufsschule, Urlaub gibt es aber auch: Pro Monat auf See habe ich einen halben Monat Urlaubsanspruch. Dafür arbeitet man auch an den Wochenenden und ist an Feiertagen nicht zu Hause. Wir arbeiten dann zwar weniger, aber es ist ja kein Urlaub. 

Warst du schon oft an den Feiertagen auf hoher See?

Ja doch, an Weihnachten, Ostern und Silvester. Das war auf jeden Fall anders, aber es war sehr schön. Wir hatten eine sehr gute Besatzung, hatten ein riesiges Buffet und haben zusammen Weihnachtslieder gesungen und sogar ein Christgeburtsspiel aufgeführt (lacht), es war sehr lustig! 

Wie verlaufen die Fahrten? 

Normalerweise ist man während der Ausbildung je nach Route zwei bis vier Monate am Stück an Bord. Bei manchen Reedereien sind auch sechs Monate Fahrtzeit nicht unüblich. 

Die Fahrten verlaufen immer unterschiedlich. Zum einen hat jedes Schiff eine anderes Fahrtgebiet beziehungsweise eine andere Hafenfolge. Vielleicht fährt man von Europa nach Asien oder nach Südamerika oder in die USA.

Die Reederei meiner Ausbildung hat ausschließlich Containerschiffe. In der Regel wissen wir nicht, was sich in den Containern befindet. Es sei denn, es handelt sich um Kühl- oder Gefahrgutcontainer, die müssen anders gesichert oder mit Strom versorgt werden. Im Endeffekt transportieren wir alles, was zwischen den Kontinenten ausgetauscht wird.

Wie viele Häfen wir in dieser Zeit anlaufen, ist auch unterschiedlich: Es kann sein, dass wir über Monate jeden zweiten Tag einen Hafen anlaufen und wenige Stunden dort verbringen. Oder wir sind mal für zwei Wochen auf See, liegen dann fünf Tage in Los Angeles, um danach nach Shanghai zu fahren und dort drei Tage zu bleiben. 

Die Landgänge machen die Seefahrt für mich auch sehr attraktiv. Wenn keine Arbeiten anliegen, bei denen ich benötigt werde und der Hafen sicher ist, habe ich als Azubi in der Regel die Möglichkeit, von Bord zu gehen. Man hat die Chance Metropolen wie Singapur, Shanghai oder New York zu besuchen, lernt aber genauso den Charme von Häfen und Natur im Nirgendwo kennen. Besonders schön war für mich Vietnam. Bevor wir dort ankamen, habe ich mir ein altes Fahrrad an Bord fertig gemacht.

Wann war deine letzte Reise? 

Die letzte Reise begann Anfang Februar und endete im Juni. Eigentlich sollte sie nur zwei Monate dauern, aber aufgrund von Corona wurde sie verlängert, weil es keine Flüge mehr gab. 

Die Schiffe kommen nämlich nicht immer nach Deutschland und daher muss ich oft zum Schiff hinfliegen. Letztes Mal bin ich in Genua eingestiegen und sollte eigentlich auch zwei Monate später in Genua wieder nach Hause fliegen. Durch Corona gab es ja kaum noch internationale Flüge und wir sind lange nicht nach Europa zurückgekommen.

Auch Landgänge waren letztes Mal nicht möglich. Die wenigsten Länder lassen Seeleute im Moment an Land, weil wir ständig die Kontinente und Länder wechseln. Abgesehen davon will natürlich auch keine Person an Bord riskieren, den gesamten Bordbetrieb durch eine Infektion lahm zu legen. Mit dem Crewchange gab es entsprechend große Probleme in den letzten Monaten. Neben den wenigen Flügen wurde manchen Seeleuten der Landgang durch die Behörden verweigert, um zum Flughafen zu gelangen. Philippinische Seeleute, die schon sieben Monate an Bord waren, konnten nicht mehr nach Hause fliegen und mussten weitere vier Monate an Bord bleiben. Mich traf es im Vergleich relativ leicht. Andere haben dadurch zum Beispiel die Geburt eines Kindes verpasst oder wollten eben einfach nur nach Hause. Ende Juni hatten wir dann das Glück Hamburg anzulaufen, wo wir das erste Mal wieder Land betreten durften und ein Crewchange möglich war. 

Wie ist das Leben an Bord? 

Das Leben an Bord unterscheidet sich schon stark von dem an Land. Die Kommunikation zu Freunden und Familie ist durch ein langsames Satelliten-Internet oder Satellitentelefon möglich. Bei meiner Familie ist diese Art Leben allerdings nichts Unbekanntes, da schon viele von uns zur See gefahren sind. Durch Erzählungen entstand bei mir auch schon früh Interesse, ebenfalls zur See zu fahren. 

Auf den Containerschiffen waren wir jetzt immer mit rund 25 Leuten an Bord. Bevor ich anmustere (auf das Schiff steige), bekomme ich eine Liste mit der Besatzung, manchmal kenne ich dann schon Seeleute und manchmal nicht. Allgemein sind die Crews eher männlich dominiert: Während der drei Jahre bin ich mit insgesamt vier Frauen in verschiedenen Crews gefahren. 

Die Besatzung ist größtenteils von den Philippinen und aus Europa, Bordsprache ist dann englisch. Es kommt teilweise auch zu lustigen kulturellen Differenzen: Auf den Philippinen ist es zum Beispiel total verpönt, eine Person mit dem Finger herzulocken. Das macht man da nur zu Hunden. Wenn wir in einem Maschinenraum sind und uns akustisch so gar nicht verständigen können, kann das schon schnell Missverständnisse schaffen (lacht).

An Bord haben wir die Möglichkeit verschiedenster Freizeitbeschäftigungen wie Karaokemaschinen eine große Leidenschaft vieler Filipinos –, Bandequipment, einen Pool und ein Fitnessstudio. Wir haben alle unsere eigene Kammer mit eigener Dusche und eigener Toilette. 

Der Koch ist meistens auch von den Philippinen und da ist die Küche eher fleischlastig. Das Essen ist zwar oft gut – wir haben große Kühlräume, um Lebensmittel frisch zu halten – nur manchmal fällt es für mich als Vegetarier nicht so ausgefallen aus. 

Was unterscheidet deine Arbeit an Bord von einer*einem Mechaniker*in an Land? 

An Bord kann beispielsweise nicht einfach eine Bestellung gemacht werden, wenn etwas kaputt geht. Meistens werden Ersatzteilbestellungen vorausschauend für die nächste Crew, die auf das Schiff kommt, gemacht. Wichtige Verschleiß- und Ersatzteile sind an Bord gelagert und gutes Werkzeug ist auch vorhanden. Häufig müssen wir auch improvisieren. 

Die Arbeitszeiten sind bei uns meist eine 60 Stunden Woche, am Wochenende wird weniger gearbeitet. Gerade bei kurzen Hafenfolgen sind die Arbeitszeiten flexibel, ein Schiff läuft zu jeder Uhrzeit in Häfen ein und das bedeutet natürlich Arbeit.

In Notfällen wie Bränden kann außerdem nicht einfach die Feuerwehr gerufen werden. Deshalb haben wir umfassende Sicherheitsausrüstungen an Bord und sind in der Brandbekämpfung geschult. Die nautischen Offiziere haben außerdem eine medizinische Grundausbildung. Auf See gibt es auch verschiedenste Gefahren: Im letzten Jahr mussten wir uns zum Beispiel, um einem Hurrikan auszuweichen, hinter Kuba “verstecken”. Die Zeit haben wir dann für Arbeiten genutzt, die nur bei stehender Maschine durchgeführt werden können und zum Angeln.

Die schönen Dinge unterscheiden meine Arbeit ebenfalls von der an Land: Der Zusammenhalt an Bord, Naturerlebnisse wie Meeresleuchten und fliegende Fische aber natürlich auch die Landgänge in weit entfernten Hafenstädten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Carla Engels
Henrike Notka Verfasst von:

Art Direction I Soziologin und Politikwissenschaftlerin I FLINTA*