Posthomosapiens-Ära

Anmerkung: Das Wort Mensch wird in diesem Beitrag mit dem Artikel die benutzt, um der „natürlichen“ Gleichstellung von Mensch und männlich gelesenen Menschen in einer patriarchalen Gesellschaft entgegenzuwirken.  

Posthomosapiens

Wie wird die Zukunft aussehen? Eine Frage, die wir pauschal nicht beantworten können. Wir können Daten sammeln, Ereignisse prophezeien, uns auf das Mögliche einstellen und das Mögliche dadurch unmöglich machen. Egal was wir jetzt über die Zukunft glauben zu wissen, wird mit größter Wahrscheinlichkeit nicht so eintreten. Mit dem vermeintlichen Wissen darüber, nehmen wir bereits schon Einfluss auf sie. Und wenn wir jetzt eine Zeitreise in die Zukunft machen würden, wäre sie eine bloße Fiktion. Eine Geschichte in unserem Kopf. Eine Geschichte, die aber trotzdem einen Einfluss auf die Zukunft nehmen würde. Wenn wir nun also diese Zeitreise in die Zukunft antreten, was würden wir vorfinden? Wie stellen wir uns die perfekte Zukunft vor? 

Zeitreisen

Viele würden sich eine Welt vorstellen, in der die strukturellen Machenschaften des Kapitalismus überwunden worden sind. In der die tiefverwobenen Strukturen von Sexismus, Rassismus oder Homo- oder Transfeindlichkeit der Vergangenheit angehören und Menschen andere Menschen nicht mehr aufgrund einer ideologischen Vorstellung ermorden. 

Wieder andere würden genau dagegen lenken und eine systematische Trennung und damit Spaltung der Gesellschaft aktiv herbeiführen. Sie würden sich für eine Welt einsetzen, in der die Mauern in der Gesellschaft immer höher, immer dicker werden und die Festungen der Stereotypegefängnisse verstärken.

Wenn wir über die Zukunft nachdenken, dann auch über biomedizinische Fortschritte. Vielleicht imaginieren wir eine Welt, in der Gesundheit als höchstes Gut gilt. Krankheiten aus vergangenen Zeitepochen werden zum Mythos. Die Taschentücherlobby hat auf Nahrungsergänzungsmittel umgerüstet und die Pharmaindustrie kann sich entspannt auf die Genforschung eines ewig lebenden Menschen fokussieren. Die finale Perfektion des menschlichen Seins oder eher: Die Posthomosapiens-Ära. 

Supermenschen und ihr*ihre Arzt*Ärztin 

Wie schön wäre eine Welt, in der keine Mensch mehr an Krankheiten stirbt. Grippewellen, Krebs, tötliche Viren oder Bakterien gäbe es nicht mehr. Wir wären alle super gesund und könnten für etliche Jahre mehr leben… Die Frage, die unweigerlich damit einhergeht: Wie würden wir diesen Zustand erreichen? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir nicht weit ausholen. Wir leben die Antwort bereits im Hier und Jetzt. 

Wozu haben wir sonst alle fleißig Fitness-Apps auf unseren Smartphones installiert und Krankenkassen bezuschussen die ganz Sportlichen und fleißigen Ärztingänger*innen unter uns? Wozu achten wir so penibel auf unsere Ernährung, wenn nicht dafür, dem Ideal des ständig jung bleibenden und konventionell attraktiven Körpers hinterherzujagen? Und wir würden unseren Schlaf sicherlich nicht von einer App überwachen und protokollieren lassen, wenn wir nicht in einer körperfixierten Gesellschaft leben würden. Die so von Optimierungsdrang durchtränkt ist, als dass dies letztlich wieder zu neuen Krankheiten und Ärztinbesuchen führt. Was für ein Paradox.  

Was ist falsch an Gesundheitsvorkehrung?

Bitte verstehe mich nicht falsch: Ein gesunder Lebensstil fordert die Lebensqualität und die Abwehrkräfte unserer Körper und wenn uns Fitness-Apps dabei helfen und unterstützen, umso besser. Der Sinn von Kindervoruntersuchungen, Krebsvorsorge, Präventationskursen, Impfungen, Gesundheitscheckups ab 35 plus oder professionelle Zahnreinigungen ist unverkennbar. Sie bekommen nur einen faden Beigeschmack, wenn offensichtlich nicht alle gleichermaßen davon profitieren können und Fitnessgadgets nicht primär verkauft werden, weil dem Kapitalismus unsere Gesundheit am Herzen liegt, sondern um damit Profite zu schlagen: 

In unserer Gesellschaft sehen wir uns selbst in der Verantwortung unseres individuellen Glücks. Glück steht hier in direktem Zusammenhang mit Gesundheit. Auch für die ist jede Mensch selbst verantwortlich. Privatwirtschaftliche Krankenkassen (was so gut wie alle sind) sind entsprechend institutionelle Verkörperlichungen dieses Denkens – eine weitere Ausprägung des Phänomens: Wir selbst stehen im Mittelpunkt allen Handelns um den eigenen Körper. 

In Deutschland sind wir gesetzlich dazu verpflichtet eine Krankenversicherung abzuschließen. Hört sich erst einmal gut an, wird aber schwierig, wenn Mensch jeden Monat hundert Euro dafür blechen muss und wieder andere die finanziellen Mittel für etliche Zusatzversicherungen haben. Wir können nämlich zwischen einer privaten oder gesetzlichen wählen. Erste können sich nur recht reiche Menschen oder Beamt*innen leisten, die von kürzeren Wartezeiten oder anderen Untersuchungsextras profitieren – je nachdem wie viel sie ausgeben möchten. Die meisten von uns sind gesetzlich versichert und werden entsprechend gleich behandelt – wobei gleich hier relativ benutzt wird und nicht ins Verhältnis mit Privatversicherten gesetzt wird. Selbständige wiederum müssen einen Mindestbeitrag von 140 Euro im Monat leisten. Für die meisten kleinen Unternehmen ist das zu teuer. So sind sie gezwungen, auf eine kostengünstige Privatversicherung zurückgreifen und müssen hoffen, nicht krank zu werden.

Durch dieses System der Krankenversicherungen werden strukturelle Probleme, wie Klassismus und Monopolstellungen in der Gesellschaft fortgeführt und nicht aufgebrochen. Wir erachten immer noch einige Menschen aufgrund der erbrachten Leistungen als mehr wert und andere als minderwertiger. Denn nicht vergessen: Produktivität im Sinne von ganz ganz ganz viel Geld machen, ist ein immer noch schwelgender Mythos in unserer Gesellschaft.

Die Selbstdisziplin und der zuvorkommende Markt

Wenn alle um uns herum danach streben möglichst produktiv zu sein, gleichzeitig fit und gesund, ist es kein Wunder, dass wir ab einem bestimmten Punkt in die Selbstdisziplinierung übergehen. Es ist kein Wunder, wenn Krankenkassen anfangen nach jung und alt, sportlich und träge, gesund und vorerkrankt zu klassifizieren, wenn wir bereits selbst nach ersteren Kategorien streben und nicht mehr hinterfragen. Es ist ein Normzustand, den wir alle wollen und von Bonuspunkten in Bonusheftchen belohnt wird. 

Somit werden wir zu reinen passiven Konsument*innen eines an Fitnesstrackern und Apps überschütteten Marktes. Wir werden selbst zum Produkt, aus dem biologische Daten gezogen werden, um auf den nächsten Makel aufmerksam gemacht zu werden. Aber keine Sorge, der Kapitalismus hätte nicht so einen guten Ruf, wenn uns nicht gleich das nächste Diätwundermittel angeboten werden würde… dann können wir uns immerhin noch einbilden, die Freiheit der Wahl zu haben. Und schwupps ist das Selbst weg, unsere Individualität in Luft aufgelöst. 

Und was würde erst passieren, wenn Krankenkassen ihre eigenen Bonus-Apps auf den Markt bringen würden? Für einmal Joggen am Tag, gibt es eine Prämie von zehn Euro. Die App misst das Lauftempo und die Zeit – mindestens zwanzig Minuten müssen es sein. Zwanzig Euro gibt es noch oben drauf, wenn die Ernährung an dem Tag ausgewogen war. Dafür filmen wir uns beim Essen. Und was würde passieren, wenn wir uns schließlich Vitalchips in die Oberarme einpflanzen? Dann gibt es dreißig Euro für die Unterstützung der Hirnströme durch Vitamine. 

Die finale Perfektion

Die finale Perfektion des menschlichen Seins oder eher: Die Posthomosapiens-Ära. Eine reine Fiktion der Zukunft, mit Geschichten aus dem Jetzt. Die Selbstoptimierung hat gesiegt. Die Frage ist: Wollen wir das so wollen? Wo hört Menschsein auf und was macht es aus?* Lasst uns unsere Menschlichkeit nicht vergessen. Wie viel Freiheit sind wir noch bereit gegenüber den kapitalistischen Märkten zu opfern? Wann fangen wir wieder an, für und selbst zu denken? 

Mit besonderem Dank an Leon C. für die Unterstützung der inhaltlichen Ausgestaltung.

*Inspiration: Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit

Quelle: https://www.krankenkassen.de/gesetzliche-krankenkassen/krankenkasse-beitrag/selbststaendige/

Bild mit freundlicher Genehmigung von Freihafen
Henrike Notka Verfasst von:

Art Direction I Soziologin und Politikwissenschaftlerin I FLINTA*