„Es geht um das Miteinander, um die Menschlichkeit in der Pflege“

Es kann damit beginnen, dass der Großvater Gegenstände verlegt, dass die Mutter fällt und nach der Operation nicht mehr laufen kann. Man muss sich dann die Frage stellen, wie man den oder die Angehörige im Alter pflegen lassen möchte. Doch was bedeutet es, wenn die pflegebedürftige Person einen Migrationshintergrund besitzt? Wie können sich professionell Pflegende auf die Pflege dieser Patienten und Patientinnen einstellen? Und wie kann man pflegende Angehörige mit Migrationshintergrund in dieser herausfordernden Zeit noch besser unterstützen? Diese Fragen standen am Anfang des Projektes KURVE („Kultursensible Versorgungsbedürfnisse identifizieren und Chancen nutzen“), das unter der Leitung von Prof. Dr. Corinna Petersen-Ewert, Prof. Dr. Uta Gaidys vom Department Pflege und Management und Prof. Dr. Joachim Westenhöfer vom Department Gesundheitswissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg durchgeführt wurde. Mit Corinna Petersen-Ewert habe ich über das Projekt, das sich mittlerweile in der Phase der Auswertung befindet, gesprochen.

FREIHAFEN: Könnten Sie kurz beschreiben, was das Projekt KURVE ist?

Corinna Petersen-Ewert: Im Rahmen des Projekts KURVE haben wir Schulungsprogramme entwickelt, die zum einen professionell Pflegende besser auf den Kontext vorbereiten, den sie antreffen, wenn sie Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund versorgen. Zum anderen ging es darum, pflegende Angehörige mit Migrationshintergrund, die aufgrund von sprachlichen und anderen Barrieren noch keinen Zugang zu solchen Hilfssystemen erhalten haben, zu schulen. Dabei ging es uns darum, die Situation der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund, aber auch die der pflegenden Angehörigen zu verbessern. Unsere Zielgruppen waren dabei Menschen mit polnischem und türkischem Migrationshintergrund, da dies im Moment die häufigsten Migrationshintergründe in Hamburg sind.

FREIHAFEN: Warum haben Sie zu Beginn des Projektes die pflegenden Angehörigen mit Migrationshintergrund als Zielgruppe gewählt?

Corinna Petersen-Ewert: Obwohl Schulungen für pflegende Angehörige kostenlos sind und es Angebote gibt, die den pflegebedürftigen Angehörigen während der Schulung betreuen, gibt es nur wenige Menschen mit Migrationshintergrund die diese Schulungen besuchen. Die Krankenkassen wollten nun herausfinden, warum dies der Fall ist. Dabei war die erste Vermutung, dass es an der Art des Angebotes liegt: Pflegende Angehörige mit Migrationshintergrund fühlen sich dadurch nicht angesprochen. Daraufhin haben wir gesagt, dann entwickeln wir ein Angebot, das eher dem entspricht, was die Menschen brauchen.

Man kann die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen mit türkischem Migrationshintergrund keinesfalls auf einen platten Nenner bringen“

FREIHAFEN: Wie war der genaue Ablauf des Projektes?

Corinna Petersen-Ewert: Das Projekt gliedert sich in unterschiedliche Phasen: Zuerst haben wir eine Bestandsaufnahme gemacht. Im Rahmen dieser haben wir sowohl eine Literaturrecherche durchgeführt, mit Experten gesprochen als auch pflegende Angehörige interviewt, um sowohl die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen als auch die der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund herauszufinden. Diese Ergebnisse haben wir dann ausgewertet und haben daraufhin ein Schulungsprogramm entwickelt, das aus unterschiedlichen Modulen besteht, die je nach Themenschwerpunkten angewendet werden können.

Parallel dazu haben wir Schulungen für professionell Pflegende entwickelt, in denen das Thema Kultursensibilität vermittelt werden soll, da wir von einem Kommunikationsprozess ausgehen, in dem beide Seiten, professionell Pflegende und Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund, aufeinander zugehen müssen. Diese beiden Arten von Schulungen haben wir dann durchgeführt und werten nun die Rückmeldungen aus. Daraufhin werden wir die Schulungen noch einmal anpassen, sodass das Projekt Anfang Januar abgeschlossen sein wird.

FREIHAFEN: Und was waren die Ergebnisse der Bedarfsanalyse am Anfang des Prozesses?

Corinna Petersen-Ewert: Von den pflegenden Angehörigen wurde häufig der Wunsch geäußert, jemanden zu haben, der ihre Sprache spricht, denn die Sprache der Kindheit kann im Alter unter Umständen wieder eine größere Rolle spielen. Dass sich jemand Zeit nimmt, zuzuhören, war ebenfalls ein geäußertes Bedürfnis. Häufig wünschten sich die pflegenden Angehörigen auch, dass ihre kulturellen Besonderheiten beachtet und gewürdigt werden. Man kann aber die unterschiedlichen kulturellen Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen mit türkischem Migrationshintergrund keinesfalls auf einen platten Nenner bringen. So kann man zum Beispiel nicht sagen, dass alle wollen, dass man sich die Schuhe auszieht, sondern es geht insgesamt um das Miteinander, um die Menschlichkeit in der Pflege. Im Prinzip geht es vor allem darum, offen in eine Situation hinein zu gehen.

FREIHAFEN: Wie haben Sie Zugang zu Ihrer Zielgruppe bekommen?

Corinna Petersen-Ewert: Wir haben mit der türkischen Gemeinde und deren Kooperationspartnern, wie zum Beispiel Gönüllü (Kooperation für türkisches Leben mit Demenz in Hamburg, die Infoveranstaltungen, Besuche und Betreuung von türkischstämmigen Demenzkranken durchführen, Anm. der Redaktion), zusammengearbeitet, um Zugang zu dieser Gruppe zu bekommen. Wir haben auch die Räumlichkeiten der türkischen Gemeinde genutzt, um Schulungen durchzuführen. So konnten wir uns ein großes Netzwerk aufbauen.

Letztendlich war es dann auch einfacher, die Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zu erreichen als jene mit polnischem. Das hätten wir vorher so nicht vermutet. Der Grund könnte sein, dass sich Menschen mit polnischem Migrationshintergrund nicht als besondere Gruppe betrachten oder bei ihnen weniger Bedarf zu diesem Thema besteht – oder wir haben sie noch nicht so gut erreicht. Diese Frage bleibt noch zu beantworten.

„Das Vermitteln von Inhalten geschieht eher nebenbei“

FREIHAFEN: Wie laufen die Schulungen für die jeweils unterschiedlichen Zielgruppen ab?

Corinna Petersen-Ewert: Beide Schulungen sind in jeweils vier Module unterteilt. Bei den Schulungen für pflegende Angehörige legen wir erst einmal Wert darauf, dass es nicht nur um eine reine Wissensvermittlung geht, sondern erst einmal um einen Vertrauensaufbau, um eine Basis zu schaffen, über bestimmte Dinge zu reden.  Außerdem soll eine Identifikation der Bedürfnisse der Teilnehmer stattfinden. Das kann bei den Menschen mit türkischem Migrationshintergrund auch schon einmal über gemeinsames Essen und Tee trinken geschehen. Das Vermitteln von Inhalten, zum Beispiel über krankheitsbezogenes Wissen in Bezug auf Demenz, Diabetes oder Depression oder die Vermittlung von pflegerischen Grundtechniken, geschieht eher nebenbei. Es findet sich außerdem der Platz in den Modulen, die Rolle als pflegender Angehöriger mit Migrationshintergrund zu reflektieren: Was bedeutet es, wenn ich als pflegender Angehöriger mit Migrationshintergrund Hilfe in einem deutschen System suche? Warum bin ich vielleicht misstrauischer als andere? Welche spezifischen Angebote gibt es auch schon für Menschen mit Migrationshintergrund, wenn sie pflegebedürftig sind? Eine wichtige Rolle spielen auch die Themen Prävention oder Selbstpflege, wo es darum geht, dass die pflegenden Angehörigen lernen, auf ihre eigene Gesundheit zu achten und zu erfahren, welche Angebote es gibt, die sie selbst in Anspruch nehmen können.

In Bezug auf die professionell Pflegenden haben wir in unseren Interviews feststellen können, dass sie schon sehr offen sind – beispielsweise in Bezug auf Bedürfnisse, die sich aufgrund von Religiosität im Pflegekontext ergeben. Die Stelle, an der es hakt, ist eher die Kommunikation. Es gibt aber auch durchaus Wissensvermittlung zwischen „Was sind Rollenbilder in der professionellen Pflege?“ und „Was sind bestimmte Hilfsangebote, die für Menschen mit einem bestimmten Migrationshintergrund zur Verfügung stehen? “. Thematisiert werden ebenfalls immer wieder die unterschiedlichen Rollenbilder von Frau und Mann, die häufig zu Missverständnissen im Pflegekontext führen und mit denen man lernen muss, umzugehen. Allerdings spielt bei den professionell Pflegenden vor allem die Reflexion eine große Rolle: Eigene Erfahrungen zu reflektieren, zu überlegen, was sind meine Anteile an der Situation, was sind andere Anteile, wie hätte man in der Situation auch anders reagieren können und was war schon ganz genau richtig.

FREIHAFEN: Wie wird es dann nach Ende des Projekts weitergehen? Werden Sie weiter Schulungen anbieten oder Ihr Wissen an andere Anbieter weitergeben?

Corinna Petersen-Ewert: Ja, unser Ziel ist, dass das Projekt nicht in einer Schublade verschwindet. Ein Kooperationspartner im Projekt ist die AOK Rheinland/Hamburg und die Hamburger Angehörigenschule, die hat sich bereit erklärt, die Ergebnisse von KURVE im Rahmen ihrer Schulungen aufzunehmen. Die Schulungen werden dann praktisch bei ihnen angeboten und in das Angebot integriert.

Und bei den KURVE-Schulungen für professionell Pflegende überlegen wir noch, wo wir das andocken können. In diesem Fall wäre es entweder möglich, sie im Rahmen einer hochschulischen Weiterbildung mit Zertifikatserwerb oder auch an einer anderen Stelle weiterzuführen.

Mehr Informationen zu diesem Projekt unter: http://home.pflegeundmigration.de/

Carla Mauermann Verfasst von: