„They are normal people. They’re from europe.“

Freiwillige aus aller Welt helfen in den Euroweeks polnischen Schülern beim Verstehen: von englischer Sprache und verschiedenen Kulturen.

Dlugopole-Zdrój, im süd-westlichen Polen zwischen Bergen und Kühen finden regelmäßig die „Euroweeks“ statt. Euroweek ist ein Projekt, bei dem Schüler aus der Grund- und weiterführenden Schule mit ihrer Klasse teilnehmen, um drei bis zehn Tage Englisch zu sprechen, zu hören und zu schreiben und um ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern. Das Programm besteht aus einer Mischung von Gruppen-Integrationsspielen, Energizern, Workshops zu verschiedenen Themen und Ländervorstellungen. Die Euroweeks werden von Freiwilligen aus aller Welt geleitet, die für einige Monate oder mehrere Jahre in dem Projekt ihr Herkunftsland präsentieren, gut Englisch sprechen, selbstbewusst und offen sind. Auch Deutsche können Freiwillige werden.

Als ich mit der 2C aus dem Liceum aus Żary in Dlugopole-Zdrój ankomme, werden wir herzlich begrüßt. Zuerst stellen die Freiwilligen sich vor: „Ich heiße Osmar. Nicht Rossmann, Osmar. Aber wenn ihr meinen Namen vergesst, könnt ihr auch Rossmann zu mir sagen“, stellt sich der junge Mann mit Dreadlocks und Undercut vor. Die Schüler sollen nun raten, aus welchem Land er kommt. „Wollt ihr Spaß haben?“, fragt der Mexikaner und wünscht den Freiwilligen und Teilnehmern eine grandiose Euroweek. Neben Osmar wird unsere Woche von Yuu-Wii (wie „you and we“) aus den Philippinen, Shee aus Kenia und „Flash from the sky“, wie Alok aus Indien sich vorstellt, geleitet.

Berührungsängste abbauen

In der Euroweek gibt es keine Regeln, sondern Punkte: Die Schüler sollen nur Englisch sprechen während der Woche, sie sollen pünktlich sein, respektvoll miteinander umgehen, lächeln und glücklich sein. Nicht mehr und nicht weniger. Wer nicht lächelt, bekommt von Shee Lachfalten an die Mundränder gemalt. Den Kulturunterschied zwischen den Freiwilligen und den Teilnehmern bemerkt man sofort: Während die Polen Fremde erst einmal mit einem Handschlag begrüßen, sind Shee’s Hände durchweg in den Haaren oder um die Schulter der Person neben ihr. So betreiben die Freiwilligen Abbau von Berührungsängsten im wahrsten Sinne des Wortes. Am nächsten Tag startet das volle Programm.

An den drei vollen Tagen ist das Programm sehr ähnlich aufgebaut. Zuerst gibt es einen „Energizer“, das heißt ein Aufwärmspiel in der ganzen Gruppe. Danach wird das Gimnazjum (entspricht der deutschen 7.-10. Klasse) und das Liceum (entspricht der deutschen gymnasialen Oberstufe) getrennt. So hat das Gimnazjum u.a. Workshops zum Thema „Alphabet“, wo sie zu jedem Buchstaben des Alphabets ein englisches Wort finden, mit diesen Wörtern eine Geschichte schreiben und diese vorspielen oder einen Workshop zum Thema „Vorurteile und Stereotypen“, in dem sie stereotypische Pärchen aus aller Welt vorspielen. Das Liceum hingegen hat einen Linguistik Workshop, in dem die Grundlagen der Linguistik erklärt werden, einen Workshop zum Thema „Identität und Masken“ sowie einen Workshop zur Frage, wie man die Welt sicherer machen und wie man Kriegskindern helfen kann.

Einige Workshops werden wiederum mit der gesamten Gruppe durchgeführt, so u.a. die
Ländervorstellungen von Yuu-Wii aus den Philippinen und von Alok aus Indien. Während Aloks Präsentation eher dem typischen Referat aus der Schule gleicht, gestaltet Yuu-Wii ihre
Vorstellung interaktiv: Die Schüler sollen einen Begriff pantomimisch darstellen, den die Gruppe erraten soll. Danach erklärt Yuu-Wii, was dieser Begriff mit den Philippinen zu tun hat.

Muslime sind Terroristen?

Die Euroweek hat drei Ziele: Die Schüler sollen Spaß haben, ihr Englisch verbessern und ihre
Persönlichkeit entwickeln. Das bedeutet auch, offen für andere Kulturen zu sein. So stellen die Schüler als typischen Muslim einen Terrorist dar, das europäische Pärchen bezeichnen sie als „normal“. Die Freiwilligen regen die Schüler zum Nachdenken an: Denn was sei schon normal. Das, was die Schüler als normal empfänden, das sei nicht normal für die Freiwilligen. Es sei okay, nicht jede Kultur, nicht jeden Brauch gut zu finden, man solle es jedoch nicht verurteilen, denn das Unbekannte sei das Normale in einer anderen Kultur.

Es wird vermittelt, dass es auch wichtig sei, sich Gedanken über Geschehnisse in der Welt zu machen, denn auch wenn man die Welt nicht ändern könne, könne man als Präsident oder als zukünftiger Lehrer doch die Menschen beeinflussen, mit denen man in Kontakt tritt. Außerdem hätte jeder mit einem Gehirn auch Kreativität, wie bei der folgenden Talentshow bestätigt wird. Der für die Schüler am meisten berührende Workshop ist der über Ziele und Träume. Osmar erklärt und erzählt, was er als Jugendlicher gerne gehört hätte: Jeder könne schaffen, was er wolle. Man solle sich nicht verstellen, denn so fände man Freunde, die einen wirklich aufgrund seiner Persönlichkeit schätzten. Er vermittelt den Jugendlichen das Gefühl, etwas wert und wundervoll zu sein.

Verstehen heißt fühlen

Die Schüler, die sehr schüchtern sind im Umgang mit der englischen Sprache, sind jedoch nicht schüchtern im Umgang mit den Freiwilligen. In den Pausen zwischen den Programmpunkten machen sie Selfies, führen kurze Gespräche und lernen einander zu schätzen. Und die Freiwilligen lächeln geduldig in jede Kamera, beantworten Fragen und verteilen Umarmungen.

Wo sie mit englischer Sprache nicht weiterkommen, sprechen sie wortweise Polnisch oder mit Mimik und Gestik. Eine Sprachbarriere gibt es, doch diese behindert die Schüler nicht beim Verstehen und Kennenlernen der Freiwilligen. Denn das Kennenlernen findet außerhalb des Programms statt: Wenn Shee einem Schüler Katzenohren auf die Stirn malt; wenn Osmar der Gruppe Salsa-Tanzen beibringt; wenn die Schüler, Aloks Art zu Klatschen übernehmen; wenn bei der Schneeballschlacht die Freiwilligen im Zentrum des Geschehens stehen; wenn sie einen beiläufig fragen, wie es einem geht und den Arm um den Schüler legen. Sprache hilft, die Worte des Gegenübers zu verstehen. Um jedoch die Kultur und den Charakter eines fremden Menschen zu verstehen, eignen sich Koch- oder Tanzstunden, Schneeballschlachten, gegenseitiges Bemalen und Körperkontakt um einiges besser. Verstehen, das heißt fühlen.

Dass die Euroweek ein voller Erfolg ist, zeigt der emotionale, tränenreiche Abschied. Vielleicht haben die Schüler nicht viel Englisch während der Tage gelernt. Vielleicht haben die Schüler immer noch Vorurteile gegen Migranten. Doch sie haben sich den Freiwilligen geöffnet und sich von ihnen berühren lassen. Vielleicht haben sie in Zukunft mehr Motivation im Deutschunterricht. Vielleicht denken sie das nächste Mal, wenn sie einen Afrikaner sehen, an Shee, und nicht an Vorurteile. Denn die Freiwilligen können den Schülern während der Euroweeks zumindest einen Denkanstoß geben, den sie mit sich in den Alltag tragen.

Sofia Westholt Verfasst von:

19 Jahre alt, Freiwilligendienstleistende in Polen und Weltenbummlerin. Redakteurin beim FREIHAFEN.

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