Kaupelei in der hedonistischen Tretmühle – der Film „Timm Thaler“

Knallgelbe, breit lächelnde Smileys fallen auf die dunkle Kinoleinwand, der Abspann läuft. Mütter, Väter, Kinder erheben sich aus den roten Sesseln, Popcorntüten rascheln, man unterhält sich leise, im Hintergrund singt Gisbert zu Knyphausen: „Das Chaos hier ist unendlich, doch die Liebe ist es auch / und deine Tränen sind es nicht, sie verändern nur die Sicht / auf das, was du brauchst, und das, was nicht“.

Das, was er braucht, und was nicht, hat Timm Thaler (Arved Friese) in den vergangenen zwei Stunden auf unangenehme Weise am eigenen Leib erfahren müssen. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in welchen er lebt, steckt er durch sein schallendes Lachen die Menschen in seiner Nähe mit guter Laune an. Als er jedoch seinen Vater (Bjarne Mädel) durch einen Unfall verliert, hat er nicht mehr viel zu lachen. Nun muss er mit seiner strengen Stiefmutter und deren verwöhnten Sohn leben und allein die Pferderennbahn besuchen, wie er es früher gemeinsam mit seinem Vater getan hat. Beim Wetten lernt er den undurchsichtigen Baron Lefuet (Justus von Dohnányi) kennen, der Timm, welcher auf diese Weise das Geld für einen Grabstein für seinen Vater verdienen will, einen seltsamen Deal anbietet. Der Junge verkauft ihm sein Lachen und gewinnt dafür ab sofort jede Wette. Gesagt, getan, Timm verkauft sein Lachen an einen Mann, dessen Name von hinten gelesen „Teufel“ ergibt – denkbar ungünstige Ausgangsbedingungen für eine Geschäftsbeziehung. Nachdem er sein neues Talent, jede Wette zu gewinnen, ausreichend ausgeschöpft hat, kommt Timm zu der Erkenntnis, welche viele erst im fortgeschrittenen Alter erreichen: dass Geld allein nicht glücklich macht, und man ohne die Fähigkeit zu lachen ganz schön allein dasteht. Doch die Aufgabe, sein Lachen zurückzugewinnen, scheint schwieriger zu sein, als erwartet: ein Glück, dass Timm Freunde wie Ida (Jule Hermann) und Kreschimir (Charly Hübner) hat. Als es der Baron sogar schafft, Timm als dessen Vormund unter seine Kontrolle zu bringen, sehen sich die Freunde gezwungen zu handeln. So erhält Timm am Ende durch eine List sein Lachen wieder zurück und damit auch seine Lebensfreude.

Märchenhafte Bilder

Doch nicht allein die angeregten Gespräche während des Abspanns verraten, dass der Film, dessen Romanvorlage schon ein halbes Jahrhundert alt ist, selbst in seinem Setting im Deutschland der 20er Jahre die Zuschauer zu begeistern weiß. Auch als Kinderfilm, als welcher er vermarktet wird, hält er das, was die farbenfrohen Kinoplakate versprechen.

Da wäre vor allem das großartige Bühnenbild, die Kostüme und die Musik, welche ein Gefühl von Märchenfilm aufkommen lassen. Die Überzeichnung der Figuren ruft eine ähnliche Wirkung hervor, ebenso wie die Erzählerstimme (Joachim Król), welche sich durch den gesamten Film zieht. Die Animation der beiden dämonischen Gehilfen Lefuets, Behemoth und Belial (Axel Prahl und Andreas Schmidt) als verzauberte Ratten ist nicht nur natürlich in den Film eingegliedert, sondern gerade diese beiden Figuren sorgen mit ihren comic relief-Szenen immer wieder für Lacher, besonders unter den jüngeren Zuschauern.

Nah bei den Figuren und ihren Schicksalen

Der Regisseur Andreas Dresen, welcher hauptsächlich für realistische Filme bekannt ist, schafft so einen sehenswerten Kinderfilm, er hinterlässt jedoch auch seine eigene Note. Was der Spiegel so treffend in der Rezension von Dresens Drama „Halt auf freier Strecke“ schrieb, kann auch für Timm Thaler gelten:

Dresens Helden sind Strauchelnde, Torkelnde, vom Alkohol, vom Alter oder einfach vom Alltag Gezeichnete. Dresen begegnet ihnen mit großer Zuneigung, gibt ihnen Wärme, ohne ihnen die Härten des Lebens zu ersparen.

Timm und seine Familie, Ida, Kreschimir, sogar der Baron scheinen, obwohl sie stark typisiert dargestellt sind, doch vielschichtig. Ohne viele Worte schafft Dresen es, ein Gefühl von Märchen aufrecht zu erhalten, und doch das Innerste der Figuren mit ihren Eigenheiten, Nöten und Wünschen zu offenbaren.

Die Bildsprache unterstreicht diesen Fokus auf die Figuren, und damit deren Geschichte. Der Kameramann Michael Hammon, welcher bereits bei zahlreichen Projekten Dresens hinter der Kamera stand, erzeugt durch die häufige Verwendung von Nahaufnahmen nicht nur eine besondere Situation von Nähe mit den dargestellten Figuren, sondern auch eine Staffelung von Vorder- und Hintergrund, welche den Zuschauer unweigerlich in die Geschichte zieht. Der Filmlook spricht an. Die zuvor erwähnten Kostüme und das ausgestaltete Bühnenbild transportieren nicht nur starke Farben, sondern sind immer an die Szene angepasst: die Wärme der Backstube von Idas Mutter, die Weite der Pferderennbahn, der überschwängliche Luxus im Grandhotel, aber auch die übermächtige Größe und Unwirtlichkeit der 30er-Jahre-Bauten, welche dem Baron gehören, sagen auch gleichzeitig etwas über deren Eigentümer aus.

Ein Lachen als Ware

Die stärkere Orientierung an der Romanvorlage James Krüss‘ bringt auch ein Stück weit dessen Gesellschaftskritik mit in die Geschichte. Deren Darstellung erreicht im Film ihren Höhepunkt, als der Baron Timm einen animierten Kurzfilm zeigt, wie er als Geschäftsmann weltweit mit dem selbst herbeigeführten Elend der Menschen Profit macht, und warum Timms Lachen dabei ein Teil seiner Verkaufsstrategie ist. Lachen ist menschlich und Lachen macht zum Menschen, das muss auch ein teuflischer Baron einsehen, und mit einem Lächeln auf den Lippen verkauft es sich besser. Was den vielen Kindern im Kino vermutlich nur als ausgesprochene Bösartigkeit des Barons erscheint, erkennen erwachsene Augen als aktualisierte Konsumkritik an den big players, welche den Markt beherrschen und Angebot und Nachfrage zu ihren Gunsten zu lenken wissen. Timms verkauftes Lachen ist auf einmal nichts Anderes als Ware, an welcher aber ein Menschenleben hängt – eine Parallele zu der Art, wie in der heutigen Zeit häufig politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen getroffen werden, ohne die Menschen dahinter zu sehen.

Zusammengefasst ist der Film eine gleichermaßen für Kinder, aber auch für Erwachsene geeignete, wirklich gelungene Neuverfilmung des Timm Thaler-Stoffs. Besonders das große Aufgebot an namenhaften Darstellern, die Liebe zum Detail, die Ästhetik der Bilder und nicht zuletzt die Tatsache, dass selbst die Zuschauer trotz der ernsten Geschichte ihr Lachen nicht verlieren, machen Timm Thaler zu einer klaren Empfehlung – egal ob man Kind ist, oder ab und zu gern mal wieder eins wäre.

Favorite Five:

Bild, was bleibt: Timm auf der Pferderennbahn zur blauen Stunde.

Warte, den kenn‘ ich doch“-Moment: Harald Schmidt als Stadionansager.

Déjà-Vu: Das große Fressen am Hotelbüffet, was verdächtig an die US-Serie The Walking Dead erinnert.

Da hat sich jemand Mühe gegeben: Das detailverliebte Modell der Stadt, welches Timm vom Baron erhält – der Ausstatter hatte bestimmt einen Heidenspaß damit.

Witz, komm‘ raus: Idas Witz über Würmer, der gerade weil er nicht witzig ist, zum Witz wird – oder hab‘ ich da was falsch verstanden?

Lotta Johanna Stähr Verfasst von:

22 Jahre alt, Germanistikstudentin, liebt Tarantino-Filme und hört Musik für alte, bärtige Männer. Redakteurin beim FREIHAFEN.

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