Teil 1: Zweifel und Hoffnung

Paul ist auf Weltreise. Und das mit dem Fahrrad. Welche Gedanken und Motivationen, aber auch Ängste und Zweifel ihn in der Vorbereitung beschäftigten, berichtet er in der neuen Printausgabe 02/2019 des FREIHAFEN. Hier berichtet er nun in unregelmäßigen Abständen, was er auf seiner Reise erlebt.

Tasche packen, Satteltaschen auf den Gepäckträger laden, zum Abschied winken. Was einfach in Schriftform klingt, ist in der Realität – was vorstellbar ist – alles andere als leicht. Die Planung meiner Weltreise war mit viel Aufregung und Vorfreude verbunden. Als ich jedoch auf dem Sattel meines Fahrrads saß, meine Familie hinter mir, in diesem Moment machte sich die Angst breit. Die Beine sind schwer und der erste Tritt in die Pedale verlangt unglaublich viel Kraft. Und nicht etwa, weil 14 Kilogramm auf dem Rücken liegen, viel mehr sind es Zweifel, die die Muskeln erstarren lassen. Drei Jahre in der Überzeugung leben, dass diese Entscheidung die richtige ist. Diese drei Jahre waren wie vom Fahrtwind verweht.

Doch die Sorge auf den Gesichtern der Familienangehörigen zwingt einen, stark zu sein. Was erst einmal klingt wie ein Erfahrungsbericht über den Weg zu meiner Hinrichtung, waren die Gedanken, die bei der Abreise in meinem Kopf spukten.

Ich winkte also und fuhr einfach los. Mit jeder Umdrehung des Kettenblatts gewann die Situation an Surrealität. Und passend zu dem Gewitter in meinem Kopf begann es zu regnen. Bereits nach 20 Minuten Fahrt machte ich die erste Pause. Ich musste die Hoffnung aufgeben, dass der Regen aufhört, und war gezwungen, mein ganzes Gepäck regendicht einzupacken. Ich saß einige Minuten an der Haltestelle, trank heißen Tee und fragte mich, was ich da eigentlich machte. Eine Weltreise sollte doch etwas Schönes sein, dachte ich. Ein Ziel wie Italien, was könnte schöner sein. Vielleicht hatte ich mich nicht genügend vorbereitet.

Dies entpuppte sich einige Stunden lang zumindest als halbe Wahrheit, denn meine Beine fingen an nachzugeben und die Pausen häuften sich, während sich die Fahrtzeit verkürzte. Auch der Rücken fing an, sich zu beschweren, und das Verlangen einfach umzudrehen wurde stärker. Es mag unehrenhaft klingen, jedoch war der Gedanke, zurückzukehren, dem Versagen entgegen, schlimmer als jeder Zweifel oder körperlicher Schmerz, den ich in diesem Moment fühlte. Ironischerweise vertrieben die schmerzenden Beine meine mentalen Sorgen und die Ironie fuhr fort, als plötzlich der Regen aufhörte. Die Sonne brach durch die Wolken und die weiten Felder beruhigten mich etwas.

Ich kam an einen Punkt, an dem ich mir Sorgen um eine Unterkunft machen musste. Schweißgebadet kam ich an einem Gasthof an, nur um zu erfahren, dass kein Zimmer mehr frei war. Das nächste Hotel befinde sich in Sittensen, elf Kilometer entfernt. Keine lange Strecke mit dem Fahrrad. In meiner Erschöpfung hätte das Hotel jedoch genauso gut auf dem Mond sein können. Wenn es darum geht, eine Bleibe für den müden Körper und Geist zu erreichen, so findet sich Kraft, die vorher zu besitzen man nicht glaubte, und obwohl ich fast anderthalb Stunden unterwegs war, kam ich an dem Hotel im ganzen Stück an.

“Hotel zur Mühle” lasen meine müden Augen, geblendet vom Licht des Schildes. Das Hotel war untypisch, familiär und die nette Frau an der Rezeption begrüßte mich herzlich. Wir schlossen mein Fahrrad in einen Raum und ich ging hinauf in mein Zimmer, welches ebenso gemütlich eingerichtet war wie der Rest des Hotels. Ich ging nochmals herunter, um mir vor dem Schlafengehen noch etwas zu trinken zu bestellen, und fand in der Lobby – wenn es überhaupt eine Lobby genannt werden kann, da es mehr an eine bekannte Ecke in einer Bar erinnerte – zwei Männer sitzen. Da ich mir den Tag über hauptsächlich selbst beim Keuchen
und Hecheln zugehört hatte, sehnte ich mich nach Gesellschaft und setzte mich
dazu. Ein älterer Herr erzählte mir, dass er damals, als er sogar noch jünger als ich
war, ebenfalls eine Radtour unternommen hatte. Auch er fuhr zum Ziel Italien, mit einem Rad, das drei Gänge besaß. Mein Fahrrad hat 28.

Der Abend neigte sich dem Ende zu, ich legte mich ins Bett und beschäftigte mich in meinem Kopf mit dem Eindruck, dass etwas mir zeigen wollte, dass ich es schaffen würde. Es schaffen würde, mich zumindest an die körperliche Anstrengung zu gewöhnen (es stellte sich heraus, dass in den weiteren Tagen noch größere Probleme auf mich warteten).

Ich bediene mich des Klischees, dass aller Anfang schwer ist und nichts, was sich zu tun oder haben lohnt, einem einfach in den Schoß fällt. Meine pochenden Beine sangen diese Nacht ein Lied über diesen Umstand. Doch der Weg zum Glück ist keine ständige Strapaze. In Momenten des Zweifels, wenn man aus Konformität am liebsten das Handtuch werfen würde, sollte Kraft in kleinen Gesten der Natur und anderen Menschen gesucht werden. Sei es die Sonne, die durch Gewitterwolken scheint, die warme Begrüßung einer Hotelbesitzerin oder die Geschichte eines alten Mannes, der alles überstand, was einen gerade jetzt quält, um es an dich weiterzureichen.

Mit lähmenden Zweifeln begann ich meine Reise und voll neuer Hoffnung beendete ich den Tag. Und eins weiß ich nun, meine Nächte in Sittensen, wie viele das zukünftig in meinem Leben sein mögen, werde ich im “Hotel zur Mühle” verbringen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Marco Feldmann
Paul Kuprianow Verfasst von: